Lieblingspavillons - Venedig

Die Lieblingspavillons

Nachdem der Trubel der Eröffnung abgeklungen ist und die Oligarchen-Yachten weitergezogen sind, offenbaren die art-Korrespondenten, welche Pavillons bei ihnen einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.
Ausgewählt:Die Favoriten unter den Pavillons der 89 Länder

Installationsansicht des italienischen Pavillons, der auch als einer der Favoriten der art-Autoren auserkoren wurde

Hans Pietsch, London:

Auf die Gefahr hin, dass man mich als Londoner Korrespondent der Parteinahme beschuldigt: Carla Blacks köstliche bonbonfarbige Gebilde im "inoffiziellen" schottischen Pavillon, in die man wie in eine Sahnetorte hineinbeißen möchte, erhalten meine Stimme.

Ihre aus dem Boden sprießenden Stoffbahnen, mit Nagellack und Haarspray beschichtet, könnte man sich zu einer Party umhängen, überall in den Räumen des Palazzo Pisani duftet es nach billiger Seife. Und dann die Titel: Einen Haufen aus Sägemehl nennt sie "Natur = Bedeutung ohne Wahl". Blacks Plastiken fordern keine Antwort auf die Frage nach ihrer Bedeutung, sondern nach ihrer Funktion als Objekte in der Welt.

Clemens Bomsdorf, Kopenhagen:

Ja, er ist männlich, weiß und kommt aus der sogenannten westlichen Welt. Thomas Hirschhorn und den von ihm gestalteten Schweizer Pavillon zum persönlichen Favoriten der diesjährigen Venedig-Biennale zu küren, ist deshalb in gewisser Weise affirmativ. Doch im ganzen Venedig-Biennale-Durcheinander hat mir kein anderes Haus ein solches Abtauchen aus dem Trubel und Eintauchen in die Kunst geboten. Kaum ist der Schweizer Pavillon betreten, ist die Biennale-Welt draußen vergessen, die reale Welt aber taucht immer wieder auf – sei es in Bildern von aktuellen Kriegs(?)opfern, die mit dem Finger auf dem Bildschirm zur Seite geschoben werden wie die Venedig-Urlaubsphotos auf dem iPad oder subtiler in aus Alufolie, Wattestäbchen und allerlei anderem banalen Material geschaffenen (De)Formationen, die daran denken lassen, wo das Leben herkommt und was ihm gemein ist – in der Schweiz, der westlichen Welt und vermutlich überall.

Ralf Schlüter, Hamburg:

Ich bin erst mit dem Schlingensief-Pavillon nicht ganz warm geworden: Zu glatt fand ich die sakrale Inszenierung, den Kunstpomp, die Entschärfung, die zwangsläufig eintritt, wenn einer wie Schlingensief fehlt. Aber ich war dann doch immer wieder dort, habe mir auch die alten Filme angeguckt, und die Dokumentation seines Afrika-Projekts. Und so war es dann doch der Pavillon, der die meisten Spuren hinterlassen hat, vielleicht neben dem ägyptischen Pavillon, wo man den Aufstand von Kairo sehr direkt noch einmal nacherleben konnte – das war vielleicht kein ewiges Meisterwerk, aber ein bewegendes zeitgenössisches Statement.

Ute Diehl, Italien:

Mein Lieblings-Pavillon ist der italienische, weil er einem so viel zu denken gibt: Wie kommt es, dass 200 achtbare italienische Intellektuelle so viel Plunder zusammentragen konnten? Wäre das in Deutschland anders gewesen? Hat die Revolution der modernen Kunst am Ende gar nichts verändert? Hätten die Mülleimer von Klara Lidén im Padiglione Italia genausoviel Beifall gefunden, wie im Hauptpavillon? Warum sehen die Marmorfiguren von Giuliano Vangi weniger schlimm aus, wenn sie neben den neuen Meißelwerken von Vanessa Beecroft stehen? Warum haben fast alle Sgarbis Pavillon abgelehnt, aber keiner hat sich über die von Louis Vuitton gesponserte Flachkunst von Fabrizio Plessi aufgeregt?

Birgit Sonna, Berlin

Angeschlagene Kuben aus Seife, verbandelte Zellophanwolken in Rosé, Citron und Bleu, auf dem Boden nachlässig zu Farbfeldern ausgestreuter Marmorstaub. Karla Black richtet im Palazzo Pisani mit Lust am Feminismus ein abstraktes Mirakel an. Hier würden selbst der Rokoko-Pastellmalerin Rosalba Carriera die Augen aufgehen. Pudriger wurde die Materialschlacht um eine in Auflösung begriffene Form nie ausgetragen. Karla Black ist die ungekürte Principessa dieser Biennale.

Thomas Wagner, Frankfurt/Main

Nein, ich möchte nicht in die Kirche gehen und zum heiligen Christoph beten. Ich möchte auch nicht turnen und kein Geld an der amerikanischen Orgel ziehen. Am liebsten wäre mir ein Platz im Schatten samt Grünem Veltliner bei Gelitin, aber das ist kein Pavillon. Also entscheide ich mich dann doch, trunken von den „barocco“ gewordenen Wänden Luxemburgs, für Thomas Hirschhorn und seinen maßlosen, traurigen, brutalen, ekelhaften Widerstandskristallpalast, der so gar nicht zur ordentlichen Schweiz passen will. Denn am Ende sind wir doch alle nur Handys auf billigen Plastikstühlen.