Alles Kannibalen - Berlin

Sensationsgier und Soziologie

Die Stiftung Olbricht lädt ein zum Streifzug durch die neuzeitliche Kunstgeschichte des Kannibalismus, dem aber unterwegs der rote Faden verloren geht

Wer glaubt, dass Kannibalismus sich heute auf psychisch gestörte Einzeltäter beschränkt, irrt fundamental. Das Einverleiben fremder Körperteile ist längst bedenkenlos zum kollektiven Ritual geworden. 1993 bereits reklamierte der französische Philosoph Claude Lévi-Strauss in der Zeitung "La Repubblica": "Wir sind alle Kannibalen."

Lévi-Strauss erinnerte in dem Kontext an den nicht mehr stammesgemäß, sondern rein biologisch ausgerichteten Kannibalismus in Form der seit Jahrzehnten gängigen Organtransplantation.

Eine Ausstellung im Berliner me Collectors Room, der Privatkollektion des rheinländi­schen Sammlers Thomas Olbricht, will nun demonstrativ bebildern, wie sich die Kunst ausgehend von der Renaissance des Themas Kannibalismus bemächtigt. "Alles Kannibalen?", die von der in Paris lebenden deutschen Kuratorin Jeanette Zwingenberger organisierte, rund 100 Werke umfassende Gruppenschau, wurde in leicht veränderter Form vom Pariser Maison Rouge übernommen. Das Sujet hätte einen lohnenden Streifzug durch die kannibalistische neuzeitliche Kunstgeschichte abgeben können. Aber leider geht auf dem Weg der rote Faden verloren.

Zwingenberger konnte sich offenbar nicht richtig entscheiden, ob ein soziologisch relevantes Thema durchleuchtet oder der Sensationsgier nach offen liegendem Fleisch humoristisch Futter geboten werden soll. Und so wabert es hin und her zwischen Francisco de Goyas anklägerischem Grafikzyklus "Desastres de la Guerra" und den figürlich gezierten Sottisen der Kenianerin Wangechi Mutu, zwischen Jérôme Zonders hyperrealistisch gegebenen Kinderbrutalitäten, Patty Changs via Video manipuliertem Melonenbusen, Ralf Ziervogels zeichnerisch zugespitzten Sadomasolüsten und Dana Schutz’ breiigen Malereien sich selbstverspeisender Monster.

Wundersamerweise sieht man auf einem rokokohaft verkitschten Gemälde von Will Cotton zwei nackte Schönheiten auf Zuckerwattewolken gebettet. Dies soll uns die Redewendung "Ich habe dich zum Fressen gern" nahebringen. Dehnbar wie Kaugummi bleiben hier die kannibalistischen Auslegungen. Cindy Sherman bietet etwa in der Maskerade einer "Maria lactans" ihre künstliche Brust dar. Sex sells! Eine Devise, die sich mehr und mehr als Markenzeichen in Olbrichts Sammlung durchzusetzen scheint.

Alles Kannibalen

Termin: bis 21. August, me Collectors Room, Berlin

Zur Ausstellung ist eine Broschüre erschienen
http://www.me-berlin.com/#/post-2941

Mehr zum Thema auf art-magazin.de