Ernst May - Frankfurt

Langes Echo der Agonie

Ernst May prägte das Stadtbild von Frankfurt wie kaum ein zweiter. Seine Architektur des Neuen Bauens war getragen von einer sozialen Utopie - und schuf doch Behausungen der Entfremdung. Zum 125. Geburtstag zeigt eine Werkausstellung in Frankfurt die Arbeiten des modernen Klassikers, der auf drei Kontinenten baute
Utopie und Unwirtlichkeit:Ernst Mays Architektur des Neuen Bauens in Frankfurt

Auf den Überresten der Stadt Nida, die einst der Versorgung des römischen Grenzwalls „Limes“ diente, wurde 1927/29 Ernst Mays Frankfurter Wohnsiedlung „Römerstadt“ errichtet – hier die charakteristische Rundarchitektur des Kopfbaus Hadrianstraße

Das Problem der Moderne ist, sie altert so schlecht. Jedenfalls in der Architektur. Und das betrifft nicht nur das einzelne Gebäude, wie das Wirken von Ernst May (1886 bis 1970) exemplarisch belegt.

Die großen Trabanten- und Gartenstädte im Stil des "Neuen Bauens", die May vor dem Zweiten Weltkrieg in Breslau und Frankfurt am Main planen konnte, sind ebenso wie seine Wiederaufbau-Siedlungen in Hamburg oder Bremen vor allem ungeliebtes Erbe. Hoch- und Zeilenhäuser, weiträumig verkleckert über plane Rasenflächen, widersprechen heutigen Vorstellungen von Urbanität. Und den "neuen Menschen", den May und seine Kollegen durch architektonische Lebensraumerziehung schaffen wollten, beschreiben Romane wie Sven Regeners "Neue Vahr Süd": In dem Hochhausviertel vor den Toren Bremens, das May mitgeplant hat, leben demnach vor allem Agonie und Langeweile.

Doch diese Diskrepanz zwischen Utopie und Unwirtlichkeit macht die Beschäftigung mit Protagonisten des neuen Bauens historisch so interessant. Wie konnte es geschehen, dass eine ganze Generation von Architekten im Hochgefühl sozialer Erneuerung die beste aller Welten schaffen wollte, die man nach ein paar Jahrzehnten aber
nur noch mit Zwangsbelegung bewohnt bekommt? Im Fall von Ernst May ist diese Nachfrage besonders brisant, denn als Stadtbaurat zwischen 1925 und 1930 besaß er in Frankfurt alle Freiheiten, die neuen Konzepte in einem gigantischen Wohnungsbauprogramm vorbildhaft umzusetzen. Und nach seiner Zeit in der Sowjetunion und seinem Exil in Kenia durfte er als Planer der Neuen Heimat nach dem Krieg im großen Stil weiter erneuern.

Sein Ideal der Reihenhaussiedlung mit Selbstversorgergärten, errichtet mit Fertigbauteilen, konnte er etwa in der Frankfurter Römerstadt ausprobieren. Originelle architektonische Gestaltung ließ dieses industrielle Bauen allerdings nur bei einzelnen Sonderbauten zu. Sachlichkeit und Eleganz zeichnen sie aus. Sich selbst überlassen, verblasst die schöne Idee allerdings bald zu fleckiger Monotonie.

Deswegen ist Ernst May für den Wohnungsbau in Deutschland, was Bertolt Brecht für die Literatur ist: ein schwieriger moderner Klassiker. Die große Werkausstellung im Frankfurter Architekturmuseum anlässlich seines 125. Geburtstags wird sich zwar vor allem auf die Ehrung von Ernst Mays Wirken konzentrieren. Dass der schöne Ruf der Moderne dieses lange Echo der Tristesse geerntet hat, hätte die Auseinander­setzung mit diesem Erneuerer aber erst wirklich spannend gemacht.

Ernst May in Frankfurt

Der Katalog im Prestel Verlag kostet 49,95 Euro.

"Ernst May – Neue Städte auf drei Kontinenten" läuft vom 28. Juli bis zum 6. November im Deutschen Architekturmuseum, Frankfurt.
http://www.dam-online.de/portal/de/Veranstaltungen/ERNSTMAY1886e280931970.NeueStaedteaufdreiKontinenten/0/0/62828/mod1109-details1/1593.aspx
info.dam@stadt-frankfurt.de

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