Glasnost-Malerei - Emden

Bilder eines Kurswechsels

Was Henri Nannen in den Achtzigern in Ateliers russischer Künstler entdeckte
Zeitenwende:Bilder vom Wandel im Osten

Maxim Kantor: “Mann vor rotem Haus, sich an den Kopf fassend”, o. J., Kunsthalle Emden

Henri Nannen (1913 bis 1996) sagte einmal: "Ich habe immer nur gesammelt, was Lust in mir erweckt hat – oder, was mich bis unter die Haut schmerzte – was mich freute, aber auch wütend machte." So ähnlich muss der Gründer und langjährige Chefredakteur der Zeitschrift "Stern" auch empfunden haben, als er in den achtziger Jahren durch etwa 50 Ateliers junger russischer Künstler in Moskau und Leningrad zog.

Was er in den Ateliers vorfand, waren düstere, eindringliche Bilder, die sich in expressiver Manier schonungslos mit dem gesellschaftlichen Wandel in Russland auseinandersetzten und erstmals öffentlich soziale Missstände aufdeckten. Zeitgleich mit dem sozialkritischen Blick der russischen Künstler begann auch der politische Kurswechsel, der damals durch den Amtsantritt von Michael Gorbatschow und seiner Politik von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau) gekennzeichnet war.

Das Ergebnis seines Streifzugs brachte Nannen 1987/88 unter dem euphorisch-nai­ven Titel "Die neue Freiheit der sowjetischen Maler" in die Kunsthalle Emden, deren Bau der passionierte Kunstsammler unter Einsatz seines Vermögens mitfinanziert hatte. Unter den ausgestellten Werken befanden sich in großer Zahl Ölgemälde des 1957 in Moskau geborenen Malers Maxim Kantor; sie bilden nun auch das Kernstück der neu aufgelegten Sommerschau. Seine an den magischen Realismus angelehnten Figuren stehen symbolisch für den Kampf um die eigene Existenz in einer trostlosen Alltagswelt. In Kantors Bild "Bistro" müssen sich etwa zwei äußerst hagere Männer einen Teller teilen. Über ihre müden Augen, die tief in den knochigen Gesichtern sitzen, können die satten Farben nicht hinwegtäuschen – was wir sehen, sind deprimierende Elendsgestalten, die der Künstler häufig in Psychiatrien oder den zu Repressionszwecken erbauten Straflagern in Szene setzte.

Weitere der über 80 teils grellen und zuweilen plakativen Arbeiten aus der Glasnost-Zeit stammen von Künstlern wie Leonid Purygin, Lew Iljitsch Tabenkin und Alexej Sundukow. Sie erzählen von der Menschenfeindlichkeit des sowjetischen Systems, greifen aber auch auf Tradition der russischen Ikonenmalerei zurück.

Malerei der Glasnostzeit

Emden, Kunsthalle
bis 25. September
http://kunsthalle-emden.de/franz-radziwill-111-meisterwerke-aus-privaten-sammlungen/

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