Johan Holten - Interview

Der Höhepunkt ist das kostümierte Lama

Eine gigantische Iphone-Skulptur, ein nach Zahlen gemaltes Pferd und Fotos einer Millionärsmesse – ist das noch Kunst? Oder schon schlechter Geschmack? Johan Holten zeigt in seiner ersten Ausstellung in der Kunsthalle Baden-Baden, dass es heute keine festen Maßstäbe für guten Geschmack mehr gibt – und dass der deswegen umso teuerer ist.

Ihre erste Ausstellung in Baden-Baden heißt "Geschmack – der gute, der schlechte und der wirklich teure". Sind Kunst und Geschmack nicht zwei völlig wesensfremde Kategorien?

Das ist genau der Punkt, um den es in der Ausstellung geht, dass visueller Geschmack sich heute aufgelöst hat. Geschmack hat heute nicht mehr etwas mit inhaltlichen oder gesellschaftlichen Fragestellungen zu tun, sondern ist eine rein arbiträres System austauschbarer Formen und Stile geworden.

Welche Rolle spielt denn ihr eigener Geschmack, wenn Sie eine Ausstellung planen?

Wenn man eine Kunsthalle übernimmt, dann wird man ja oft gefragt: Was soll jetzt das Programm sein? Manche Menschen scheinen zu erwarten, dass ich hier meine eigenen Geschmacksvorstellungen umsetze, als ginge es darum, ein privates Wohnhaus einzurichten.

Sie laden also nicht ihre Lieblingskünstler ein?

Wenn man eine staatliche Kunsthalle im 21. Jahrhundert leitet, reicht es nicht aus, zu sagen, ich mag dieses oder jenes. Man kann ein Haus mit einem öffentlichen Auftrag nicht nach den privaten Kriterien leiten. Das ist ein Aspekt der Auftaktausstellung: Welche Rolle spielt der "gute" Geschmack heute noch in einer staatlichen Ausstellungshalle. Darüber soll eine Diskussion entstehen.

Sie zeigen Werke, die nach landläufigen Kriterien nicht unbedingt als geschmackvoll gelten.

Natürlich ist das auch ein bisschen provokativ gedacht. Wir zeigen zum Beispiel ein Bild von Anselm Reyle, das nach dem Prinzip "Malen-nach-Zahlen" funktioniert. Es ist ein Pferdemotiv, das aussieht wie ein Teeniebild. Das ist aber in einem extrem aufwendigen Produktionsverfahren hergestellt. Da klafft eine große Lücke zwischen der Bedeutungslosigkeit des Motivs und dem Aufwand, der betrieben wird, um das Bild herzustellen, woraus sich wiederum der Wert – auch der Marktwert – ergibt..

Wäre die Arbeit also weniger gut, wenn sie nicht so aufwendig hergestellt worden wäre?

Sie ist gut, weil dieser Kontrast auf die Spitze getrieben wird. Interessant ist ja, dass das Konzept funktioniert. Ein Bild wie dieses ist kommerziell sehr erfolgreich und wird somit zum wertvollen Sammlerobjekt.

Das meinen Sie also mit dem "wirklich teueren Geschmack"?

Ja. "Guter" Geschmack ist heute der, der sich als teuer ausweisen kann. Martin Parr thematisiert das mit seiner Serie "Luxury", für die er auf einer Millionärs-Messe in Moskau oder bei einem Poloturnier in Dubai den internationalen Jetset fotografiert hat.

Geschmack ist demnach in der zeitgenössischen Kunst durchaus ein Kriterium.

Viele Künstler arbeiten heute daran, Geschmackskategorien zu zerstören und schlechten Geschmack sehr teuer zu inszenieren. Josephine Meckseper zum Beispiel, von der wir einige Werke zeigen, beschäftigt sich damit, wie ein Gegenstand allein durch die Art und Weise seiner Präsentation zu einem kaufwürdigen Objekt umgedeutet wird.

Kann man guten Geschmack überhaupt erlernen?

Im 18. Jahrhundert hat man das zumindest angenommen. Da war der gute Geschmack noch ganz klar mit Gesellschaftsentwürfen verbunden. Man hat damals Museen ja gerade gegründet, um den guten Geschmack in der Gesellschaft zu verbreiten und moralische Vorstellungen über visuelle Zeichen zu vermitteln. Die Kunst sollte eine Lehrerin sein. Unsere Ausstellung beginnt daher mit einem Exkurs zur Landschaftsmalerei um 1800. Da sind Leihgaben aus der Kunsthalle Karlsruhe zu sehen. Dann kommt ein zeitlicher Sprung zu den sechziger Jahren, weil es auch damals die Vorstellung gab, die Gesellschaft über visuelle Formen positiv beeinflussen zu können. Wir zeigen das utopische Stadtprojekt "New Babylon" des niederländischen Künstlers Constant.

Wann begannen Künstler damit, bewusst schlechten Geschmack als Stilmittel einzusetzen?

Mit dem Aufkommen der Pop Art kippte es plötzlich. In der Ausstellung zeigen wir Andy Warhols Film "Camp" von 1973, wo Factory-Mitglieder Opern nachsingen und Gedichte vorlesen– alles auf eine ironisch-distanzierte Weise. Das ist ein frühes Beispiel für die Inszenierung des schlechten Geschmacks. Damals war das aber noch ein Insiderwitz.

Heute macht Kunst sich verdächtig, wenn sie geschmackvoll ist?

Ja, aber nur bei Eingeweihten. In manchen Kreisen lebt die Vorstellung vom guten Geschmack in der Kunst, glaube ich, immer noch fort. Allerdings ist visueller Geschmack mittlerweile zu einem sozioökonomischen Differenzierungsmodus geworden. Mit dem Preis kann man soziale Abgrenzung schaffen.

Was ist das Werk in der Ausstellung, das am weitesten geht?

Wir zeigen 53 Kreationen, die der Künstler John Bock 2009 für eine Modenschau im Haus der Kulturen der Welt in Berlin entworfen hat und die sich in ihrem Absurditätsgrad permanent steigern. Die ersten Entwürfe könnten gerade noch als Kreationen eines Underground-Designers durchgehen, dann wird es immer grotesker. Den Höhepunkt bildet ein kostümiertes Lama.

Glauben Sie Kunstlaien könnten Ihre Ausstellung hässlich finden?

Mit dem Hässlichen spielt es durchaus, weil die Arbeiten mit einem allgemeinen Ästhetikbegriff brechen. Aber es wird wohl vor allem heterogen wirken. Ich habe also die Hoffnung, dass die Besucher denken: "Das geht ja in viele Richtungen" und trotzdem spüren, dass die visuell so heterogenen Werke sich zu einer stringenten inhaltlichen Fragestellung zusammenfügen.

Geschmack – der gute, der schlechte und der wirklich teure

Kunsthalle Baden-Baden
Bis 9. Oktober

http://www.kunsthalle-baden-baden.de/programm/aktuelles-programm/