Matt Mullican - München

Das Universum als Enzyklopädie

Dass Ordnung nur das halbe Leben sein soll, würde der kalifornische Allround-Künstler Matt Mullican sicher nicht bestätigen. Im Haus der Kunst in München widmet er sich dem Großen und Ganzen.

Wo war ich, bevor ich geboren wurde? Warum passieren Dinge so und nicht anders? Und wohin gehe ich, wenn ich einmal sterben werde? Das sind die ganz großen Fragen des Lebens, die sich wohl jeder Mensch einmal stellt. Auch Matt Mullican hat sich mit diesen Themen beschäftigt.

Anders als die meisten Menschen, die ihr Schicksal irgendwann schulterzuckend akzeptieren, will Mullican der Sache auf den Grund gehen. Mit seiner Kosmologie versucht er ein Welterklärungsmodell zu entwickeln, das Antworten auf diese Fragen geben soll.

Um die Welt zu begreifen, muss er sie ordnen. Ähnlich wie in einer Enzyklopädie klassifiziert und kategorisiert er die Fülle des gesammelten Materials. Dafür hat er ein komplexes Ordnungssystem aus verschiedenen Farben und Zeichen entwickelt. Rot verkörpert für ihn das Subjektive, Blau die Alltagswelt, Grün die Materie, Gelb die Idee und Weiß und Schwarz die Sprache. Die Farben verwendet er in Zusammenhang mit Piktogrammen. In der Kombination erlauben sie ihm nahezu alle menschlichen Zustände symbolhaft darzustellen.

Matt Mullican unterscheidet zwischen Wahrnehmungs- und Bewusstseinsebene. Eine Möglichkeit diese Bereiche miteinander zu verbinden, bietet die Hypnose. So lässt er sich von einem Hypnotiseur in Trance versetzen und führt dann Performances durch. Auch viele seiner Zeichnungen entstehen unter Hypnose.


Seit den Siebziger Jahren kreisen Leben und Arbeiten des 1951 in den USA geborenen Künstlers darum, die Ordnung der Welt zu erklären. Logisch, dass er mit diesem Anspruch scheitern muss. Denn selbst die größte Enzyklopädie kann nicht die Gesamtheit des menschlichen Wissens darstellen, sondern nur einen Ausschnitt zeigen.

Im Haus der Kunst wurde ihm eine umfangreiche Retrospektive eingerichtet, die einen Einblick in die komplexe Gedankenwelt Mullicans vermittelt soll. Anders als der Künstler selbst, versucht die Ausstellung erst gar nicht Ordnung zu schaffen, sondern konfrontiert den Betrachter mit einer überbordenden Fülle von Material. Einen Vorgeschmack davon, was einen in der Ausstellung erwartet, gibt schon der Eingangsraum. Mullican hat hierfür eine Installation aus mehr als 1000 Drucken, Zeichnungen, Aquarellen und Frottagen aus den letzten 40 Jahren seines künstlerischen Schaffens realisiert. Ähnlich dicht geht es weiter: Comics, Stick Figures, Pläne, Poster, Videos und kosmologische Modelle. Selbst im zentralen Ausstellungsraum, der mit den großformatigen Fahnen, den Charts und Frottagen schon ausreichend gefüllt wäre, türmen sich noch meterhohe Regale mit Fundstücken aus der benachbarten Archäologischen Staatssammlung. So stellt sich beim Betrachter schon nach kurzer Zeit ein Gefühl visueller Überforderung ein.

Draußen an der Fassade des Haus der Kunst herrscht dagegen wieder wohltuende Ruhe. Hier hat Mullican zwischen den Säulen eine Installation aus einfarbigen Bannern in den Farben seiner Charts realisiert. Rot, Blau, Grün, Gelb leuchtet es aus dem Dunklen hervor. Das Leben kann so einfach sein.

Matt Mullican: Vom Ordnen der Welt

München, Haus der Kunst bis zum 11.09.2011; Zur Ausstellung erscheint eine Publikation mit Gesprächen mit Matt Mullican, DuMont Verlag, 22,95 Euro
http://www.hausderkunst.de/aktuell/aktuell/matt_mullican_vom_ordnen_der_welt.php

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