Kunstverein - Hamburg

Pleite, Pech oder Panne?

Der Hamburger Kunstverein ist pleite, sagt der eine, der andere dementiert. Beide sollten es eigentlich genau wissen. Hintergründe zum öffentlichen Zwist zwischen Florian Waldvogel und Harald Falckenberg und der aktuellen Situation des Kunstvereins.

Schlechtes Gewissen macht schlechte Laune. Und Florian Waldvogel hat beides. Denn dem Chef des Hamburger Kunstvereins fällt es gar nicht leicht, befreundete Künstler zu bitten, ihm ein Werk für eine Benefizauktion zu schenken, damit er sein eigenes Gehalt bezahlen kann.Das prognostizierte Defizit des ältesten deutschen Kunstvereins (von 1817) ist dieses Jahr nämlich so hoch, dass diese Solidaritätsaktion am 13. September als letztes Mittel der Haushaltsführung herhalten muss. 150 000 Euro müsse die Versteigerung mit Werken von so prominenten Künstlern wie Georg Baselitz, Thomas Demand, Paul McCarthy oder Erwin Wurm ergeben, damit die Bilanz wieder stimmt.

Und weil ihm das so unangenehm ist, hat Waldvogel nicht nur sieben Werke aus seiner eigenen Sammlung in die Auktion gegeben, er hat auch einen Brandbrief in seinem art-Blog auf dieser Seite verfasst, der nun für einigen Wirbel sorgt. Denn in diesem ausführlichen Text steht gleich zu Anfang gefettet drin: "Ab September 2011 kann der Kunstverein Hamburg keine Gehälter und keine Miete mehr bezahlen. Schon gar nicht die Kosten für die geplanten Ausstellungen tragen." September, das war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung quasi übermorgen und diese zwei Sätze die Quasi-Mitteilung: Wir sind bankrott. Postwendend folgte das Dementi von Waldvogels eigenem Vereinsvorstand. Der Sammler Harald Falckenberg, seit über 15 Jahren in den Gremien des Kunstvereins aktiv, nennt die Situation ein "mildes Defizit" gegenüber früheren Jahren, das man gut handhaben könne, und die Behauptung, die laufenden Kosten könnten nicht bezahlt werden, einfach "falsch". Die Miete von 190 000 Euro werde von der Stadt gleich am Anfang des Jahres wieder von ihrem Zuschuss abgezogen, die Gehälter seien gesichert, und eine solche Benefiz-Auktion sei ein gangbares Mittel, fehlende Einnahmen auszugleichen, wenn Stiftungsgelder und Sponsoren ausblieben.

Bankrott oder mildes Defizit, wer hat nun Recht? Nach einer Mitgliederversammlung am Montag, deren Verlauf Florian Waldvogel kommentiert, indem er sie nicht kommentiert, ist der Blog-Eintrag verschwunden, der künstlerische Leiter erklärt, er habe nur ein "strukturelles Problem" aufzeigen wollen, und der Schatzmeister lässt verlauten, man rechne eventuell sogar mit einem kleinen Plus am Jahresende. Ist also alles nur ein Resultat der Gereiztheit, die jeder Institutionsleiter kennt, wenn er ständig bei Stiftungen und Wirtschaftsunternehmen, und schließlich auch noch bei seinen Künstlerfreunden betteln gehen muss? Oder ist der ausgetretene Streit in dem renommierten Kunstverein vielleicht doch das Symptom eines Schwelbrandes, der die Existenz der vitalen deutschen Kunstvereins-Szene bedroht?

Undiplomatisch aber ehrlich

Was Waldvogel in seinem inzwischen zurückgezogenem Statement an Fakten zur Finanzierung nennt, wird jedenfalls en gros auch von seinem Vorstand bestätigt. Der Zuschuss der Stadt von 474 000 Euro ist seit 1994 gleich geblieben, was umgerechnet auf die Preissteigerungen einer massiven Kürzung gleich kommt. Nach Abzug aller Fixkosten beginnt das Jahr für Florian Waldvogel mit 50 000 Euro Miesen, und Ausstellungen sind keine Fixkosten. Um seinen Job zu machen, muss der Kunstvereinsleiter also jedes Projekt mit Drittmitteln finanzieren. Da die meisten Stiftungen kleine Institutionen aber nur einmal fördern und Sponsoren wenig Interesse an der künstlerischen Aufbauarbeit der Kunstvereine zeigen, werde das Akquirieren von Geldern für das Programm immer schwieriger. Von seinen fünf Anträgen für 2012 seien heute bereits drei abgelehnt, sagt Waldvogel.

René Zechlin, der Leiter des Kunstvereins Hannover und im Vorstand des Dachverbands „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine“ (ADKV), hält Waldvogels Probleme zwar durchaus für exemplarisch, allerdings nur für vergleichbare Kunstvereine. Denn von den rund 300 privaten Kunstinstitutionen, die in dem ADKV vereinigt sind, reicht die Spanne von der enthusiastischen Neugründung mit 50 Mitgliedern und Null Budget bis zu fast 200 Jahre alten Traditionsvereinen mit mehreren tausend Mitgliedern und Budgets von rund einer Million.

Die Problemvielfalt wird dadurch noch erhöht, dass Stiftungs- und Förderstrukturen in den Ländern und Kommunen völlig unterschiedlich sind. Während in Hessen etwa die sehr spezialisierte Organisation der Stiftungen den Kunstvereinen kaum hilft und sie vor allem an das Sponsoring der Banken bindet, sind in Niedersachsen Stiftungen treu und großzügig, was die Lage dort entspannt. Trotzdem zahlen auch die großen Kunstvereine an ihre Künstler keine Honorare, arbeiten unter hoher Selbstausbeutung und starkem ehrenamtlichen Engagement ihrer Mitglieder und erhalten vom Staat nirgends mehr eine Unterstützung, die auch nur die Fixkosten völlig decken würde.
Entsprechend verbringen Leiter ihre Zeit im Moment fast ausschließlich mit oft frustrierender Geldbeschaffung und retten ihre inhaltliche Beschäftigung in die Nacht oder ins Wochenende. Und weil der Staat nirgendwo die Bereitschaft zeigt, seine Verantwortung für eine unabhängigere Kunst wieder ernster zu nehmen, wird sich wohl auch nichts daran ändern, dass die Florian Waldvogels dieser Welt immer mehr zu noblen Bettlern werden. Dass man sich darüber mal kurz öffentlich auskotzt, mag undiplomatisch sein, ist aber auch erfreulich ehrlich. Denn Almosen sammeln ist einfach ein ganz mieser Job.

Benefiz-Auktion: 13. September, 20 Uhr, Kunstverein Hamburg; Online-Katalog auf der Homepage.
http://www.kunstverein.de/auktion