Markus Schinwald - Hannover

Körpersprache als soziale Norm

Markus Schinwald zeigt, wie Gesten und Bewegungen unser Leben und unsere Gesellschaft bestimmen. Damit ist er nicht nur im österreichischen Biennale-Pavillon in Venedig zu sehen, sondern auch in einer der überzeugendsten Ausstellungen des Kunstvereins Hannover.

Der amerikanische Soziologe Erving Goffman veröffentlichte 1956 sein Buch “Wir spielen alle Theater”. Der Text avancierte zum Klassiker einer alltagsbezogenen Soziologie, denn Goffman beschreibt darin alle Formen der alltäglichen Selbstdarstellung und Interaktion und dechiffrierte die Gesten und Codes des sozialen Lebens.

Der französische Philosoph Michel Foucault brachte wenig später den naiven Glauben von persönlicher Freiheit zu Fall, indem er dezidiert die Durchdringung des Individuums mit den mächtigen Vorgaben von gesellschaftlichen Institutionen nachzeichnete. Seiner These zufolge sind alle Individuen gleichermaßen Zwängen unterworfen, die ein gesellschaftlicher Konsens fordert. Mehr noch: Der einzelne beginnt, alle Formen der Konditionierung zu verinnerlichen und löst damit die Grenzen zwischen äußerlicher Gewalt und innerer Freiheit auf.

Auch der 1973 in Salzburg geborene Künstler Markus Schinwald fragt in seinen Arbeiten immer wieder nach den Motiven und Formen von öffentlichen Auftritten, sozialen Interaktionen, modischen Inszenierungen und medialen Bildwelten, die das gesellschaftliche Verhalten definieren und regeln. Die filmischen Protagonisten seiner aktuellen Ausstellung “Orient” im Kunstverein Hannover agieren wie ferngesteuert und sind völlig hilflos, wenn sie anderen Mitstreitern begegnen oder versuchen, sich aus den Fängen der Architektur, der Inszenierung oder ihrer eigenen Rolle zu befreien. Die präzise Ausstellungskonzeption, die Zeichnung, Skulptur und Video gekonnt verdichtet, gehört zu den besten raumbezogenen Arbeiten, die der Kunstverein Hannover je präsentiert hat. Markus Schinwald schafft es, mit sparsamen und suggestiven Mitteln die Besucher immer tiefer in eine Welt hineinzuziehen, in der Gesten und Handlungen den bekannten sozialen Rahmen auf subtile Weise aushebeln und Verwirrung stiften. Anders als in früheren Arbeiten des Künstlers sind die grotesken und komischen Momente in der aktuellen Installation weder überspitzt noch explizit dramatisiert. Markus Schinwald zeigt die eher stillen Gesten der Hilflosigkeit, des Scheiterns und der Einsamkeit.

Die Räume des Kunstvereins hat er dafür in zwei Bereiche geteilt: Der vordere Teil ist den klaren, weißen und abstrakten Formen vorbehalten, der hintere Teil der als Rundgang konzipierten Ausstellungen ist in einem tiefem Rot gestrichen und sparsam beleuchtet. Dort präsentiert er unter anderem zwei voneinander getrennte Videoprojektionen, die mit ihrem sonoren Sound einen Großteil der Ausstellung atmosphärisch bestimmen. Auftakt und Abschluss für den Parcours bilden zwei große, weiß gestrichene Holzkuben, die mit mehr als drei Metern Länge und Breite und einer Höhe von zwei Metern raumfüllend sind. Ein Spalt in jedem Kubus durchschneidet die Blöcke jeweils im ersten Drittel. Was wie eine kühle Minimal-Skulptur aussieht, bekommt durch darin eingeklemmte Chippendale-Tischbeine eine morbide und anrührende Note. Die Objekte werden anthropomorph und erinnern in ihrem eleganten Schwung gleichermaßen an lasziv gestreckte Frauenbeine und an Prothesen von Gliedmaßen: Eine surreale Erotik entsteht, die in etwas Grauenvolles und Abstoßendes kippt. Mit ganz wenigen Mitteln lässt Schinwald die Möbelteile zu objekthaften Fetischen und zu Stellvertretern menschlicher Bewegung werden. Beine, Arme und Hände sind jene Teile, die alle Bewegungen des menschlichen Körpers begleiten und die auch die Auftritte und Gesten im sozialen Kontext einleiten und definieren. Zeigen, Ergreifen, Umarmen, Marschieren, Voranschreiten, Stehen oder Zurückweichen und Verstecken: Die Körpersprache der Gliedmaßen zeigt, wo man steht und wer man ist.

In der zentralen und titelgebenden Videoprojektion “Orient” (2011) zeigt Markus Schinwald fünf Personen, die alle geschäftsmäßig und korrekt gekleidet sind und einer Choreographie versteckter und verstockter Gesten folgen. Verloren wirken die Figuren, wenn sie durch eine leerstehende und abbruchreife Industriehalle wandeln, sich in unklaren Konstellationen zueinander verhalten und immer wieder versuchen, irgendwie die Haltung zu bewahren. Das Ganze ist unterlegt mit einem getragenen Sound und einer technoid klingenden Stimme, die enervierend Fragen nach dem Verhältnis von Raum und Zeit stellt. Die Ästhetik einer verfallenden und leerstehenden Industriehalle, mit Auf- und Abgängen, räumlichen Durchsichten und Kellergeschossen, bietet sich als bekannte Metapher des Unbewussten und Verdrängten an, wird aber von Schinwald nicht theatralisch überzogen dargestellt.

Die technische Brillanz des Films, in dem der Künstler Inszenierung, Sound und Schnitt perfekt umsetzt, und auch das sichere Casting bei der Wahl der Schauspieler schaffen eine kühle Distanz. In einer Szene sieht man, wie einer der namenlosen Akteure verzweifelt versucht, sich aus einem Spalt zwischen zwei Wänden zu befreien, in denen er aus unerfindlichen Gründen mit einem Fuß eingeklemmt ist. Ein Moment großer Intensität, dem man sich nur schwer entziehen kann. Markus Schinwald zeigt, dass er das Zeug zum Regisseur hat. Daneben wirkt die frühe Arbeit “Jubelhemd” (1996), die ein weißes Hemd mit umgekehrt angenähten Ärmeln zeigt, eher albern und hätte nicht Teil der Ausstellung sein müssen, genauso wenig wie zwei uninspiriert in die Ecken geklemmte Matratzen (2011). Düster und komplex wird die Ausstellung durch die 16 großformatigen Schwarzweiß-Pigmentdrucke (2007-/11) die an Porträtstiche des 19. Jahrhunderts erinnern, auf denen man allerdings keine Gesichter sieht. Jedes Antlitz verschwindet in den Falten der drapierten Kleidung. Zurück bleibt ein gespenstischer und bedrückender Anblick von Figuren, denen jede Menschlichkeit und Individualität genommen wurde. Diese Vielfalt der Ausdrucksmittel und der Assoziationsreichtum der Arbeiten bestätigen, dass Markus Schinwald auch die richtige Wahl für den diesjährigen österreichischen Biennale-Pavillon ist. Die Ausstellung im Kunstverein Hannover spiegelt und doppelt die Ausstellung in Venedig brillant und zeigt, wie sicher der Künstler mit Räumen umgehen kann.

Markus Schinwald "Orient"

Kunstverein Hannover
bis 6. November 2011
Katalog: Verlag für Moderne Kunst, Nürnberg

http://www.kunstverein-hannover.de/ausstellungen_aktuell.php?language_select=deu

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