Himmlischer Glanz - Dresden

Der Madonnen-Gipfel

Vor knapp 500 Jahren wurde Raffaels "Sixtinische Madonna" gemalt – das Bild, das der Gemäldegalerie Alte Meister Dresden gehört, steht im Zentrum einer Ausstellung mit Werken von Raffael, Dürer, Grünwald, Cranach, Correggio und anderen

"Albrecht Dürer aus Deutschland, ein bewundernswerter Maler, der vorzügliche Kupferstiche verfertigte, hörte von seiner Trefflichkeit und schickte ihm als Tribut seiner Huldigung einen Kopf, sein eigenes Bildnis, mit Wasserfarbe auf ganz feiner Leinwand ausgeführt … Raffael verwunderte sich sehr darüber und sandte Dürer eine Menge Blätter von seiner Hand, welche dieser ungemein wert hielt." Mit diesen Worten beschreibt der italienische Künstlerbiograf Giorgio Vasari (1511 bis 1574) den Kontakt zwischen zwei Heroen der Renaissancekunst. Südlich und auch nördlich der Alpen markierte dieses Zeitalter ein bis dato beispielloses kulturelles Erwachen.

Als sich um 1515 dieser kollegiale Austausch zwischen Raffael (1483 bis 1520) und Albrecht Dürer (1471 bis 1528) zutrug, war der Italiener gerade mit der vielbeachteten Ausmalung der Vatikangemächer beschäftigt; sein Ruhm war längst nach Norden gedrungen. Dürer hatte bereits zwei Italienreisen hinter sich, auf denen er die Meisterwerke des Quattrocento bestaunte und sich in die Geheimnisse der Perspektivdarstellung einweisen. Allgemein gilt der Meister aus Nürnberg als großer Vermittler der künstlerischen Errungenschaften Italiens, die er 1495 und 1507 mit nach Hause brachte.

Berührungspunkte zwischen zwei Kulturlandschaften

In einer großen Ausstellung beleuchten die Dresdner Kunstsammlungen jetzt Berührungspunkte zwischen den beiden Kulturlandschaften. Mit spektakulären Leihgaben und Werken aus dem eigenen Besitz wird gezeigt, wie sich zu Anfang des 16. Jahrhunderts der schöpferische Geist des Neuen diesseits und jenseits der Alpen ausgebreitet hatte. Nur ein einziges Sujet steht dabei im Mittelpunkt: die Mutter Gottes. Mit der Sixtinischen Madonna von Raffael besitzt Dresden seit 1754 eines der Schlüsselbilder, und darum gruppieren sich dann auch die weiteren Exponate. Es ist ein wahres Konzil von deutschen und italienischen Madonnen aus der Hand Raffaels, Grünewalds, Correggios, Cranachs, Dürers und Garofalos, das da in der Gemäldegalerie Alter Meister abgehalten wird.

Papstbesuch in Deutschland machte das Wunder möglich

Mit Matthias Grünewalds "Stuppacher Madonna" und Raffaels "Madonna di Foligno" kamen zwei exklusive Leihgaben nach Dresden. Dass sich die Vatikanischen Museen für die Ausstellung von ihrer kostbaren Foligno-Madonna trennen, kommt einem kleinen Wunder gleich. Dieses Mirakel ist dem diesjährigen Deutschlandbesuch des Papstes zu danken und trägt den persönlichen Segen Benedikts XVI.

Mit der Ankunft der Foligno-Madonna in Dresden gelingt nach fast 500 Jahren die Zusammenführung zweier Gemälde, die sich wohl schon in Raffaels Atelier begegnet sein müssen und wie keine andere Konstellation von einem veritablen Umbruch im Werk zeugen. Während die Sixtina im Sommer 1512 sehr wahrscheinlich von Raffaels großem Gönner, Papst Julius II. (1443 bis 1513) beauftragt wurde, erging der Auftrag für das andere Altargemälde bereits 1511 von dessen Sekretär Sigismondo de' Conti.

Die "Sixtinische Madonna" – eine himlische Erscheinung

Sicherlich waren der Prälat und seine Zeitgenossen von der jungen Mutter, wie sie da mit einem etwas widerspenstigen Knaben auf der Wolkenbank sitzt, höchst bezaubert. Die Komposition jedoch ist eher konservativ, ordentlich gegliedert in himmlische und irdische Sphäre und angelehnt an den gängigen Typus einer „Sacra conversazione“, wo gewöhnlich eine Gruppe von Heiligen zu Füßen der Madonna schmachtet. Ein Referenzbild aus der Dresdner Galerie, um 1514 von Correggio geschaffen, demonstriert, wie sehr solch eine starre Bildanlage dem Zeitgeist entsprach.

Vor dieser Kulisse erst wird klar, welch kühnen Sprung Raffael mit seiner Sixtina wagte, künstlerisch wie auch theologisch. Kunsthistoriker Hans Belting verglich die Foligno-Madonna mit der nur um Monate jüngeren Sixtinischen so lapidar wie treffend: "Das ältere Bild enthält eine himmlische Erscheinung. Die 'Sixtinische Madonna' ist eine solche." Tatsächlich verzichtet der Maler hier völlig auf die Sicherheit von zentralperspektivischen Systemen. Die Figur selbst schafft sich ihren Umraum: Im wattigen Nebel aus transparenten Engelsköpfen und Wolkenballen steht sie da, ohne zu wanken.

Die "Monmdsichelmadonna" atmet noch den Geist des Mittelalters

Wie weit seine deutschen Kollegen noch von dieser naturalistischen Sicherheit entfernt waren, zeigt die vor 1523 entstandene "Mondsichelmadonna" von Lucas Cranach dem Älteren (1472 bis 1553) aus dem Frankfurter Städelmuseum. Zwar sind die einzelnen Bildelemente ganz ähnlich. Das ganze Bild jedoch atmet noch den Geist des Mittelalters, nicht nur wegen der wie aufgeklebt wirkenden Gestalten, sondern auch weil Maria vor einem ikonenhaften Goldgrund auftritt. Bei der "Mondsichelmadonna" steht noch das Bedürfnis nach einem religiösen Andachtsbild im Vordergrund und nicht der Ehrgeiz eines Renaissancekünstlers, künstlerische Grenzen zu überschreiten. Dabei war auch der bekennende Humanist Cranach neuen Tendenzen gegenüber aufgeschlossen. 1505 folgte er dem Venezianer Jacopo de’ Barbari als Wittenberger Hofmaler nach und hatte Kenntnis von den italienischen Theorien. Doch eine Italienreise war dem vielbeschäftigten Cranach nicht vergönnt.

Atemberaubende Bilder auch ohne südliche Inspiration

Das verbindet ihn mit Matthias Grünewald (um 1475/80 bis 1528), der sich zeitlebens eher an niederländische und oberrheinische Vorbilder hielt und auch ohne manifeste südliche Inspirationen atemberaubende Marienbilder schuf. Eines davon, das Hauptwerk neben seinem "Isenheimer Altar", schmückt die Dresdner Ausstellung. Die "Stuppacher Madonna" wurde um 1516 ursprünglich für die Aschaffenburger Stiftskirche geschaffen und gelangte im 19. Jahrhundert nach Bad Mergentheim, in die Pfarrkirche des Ortsteils Stuppach. Das Motiv des abgeschlossenen Gärtleins, in dem Maria sitzt, und auch der Lilienstrauß zu ihrer Linken stehen für die unbefleckte Reinheit der Jungfrau. Jede Einzelheit ist sorgfältig durchgearbeitet. Ikonografische Genauigkeit und Detailtreue waren ein wichtiges Merkmal, durch das sich die Werke der Künstler aus dem Norden von denen ihrer italienischen Kollegen unterschieden.

Selbst bei einem so begeisterten Italienfreund wie Albrecht Dürer wird diese Vorliebe noch deutlich. Sein "Dresdner Altar" von 1496 zeigt eher niederländische Reflexionen als das Licht und die Leichtigkeit des Südens. Eine strenge, fahle Jungfrau in Blau beugt sich über ein bleiches Jesuskind, das mit seinen geschlossenen Augen eher wie ein Leichnam ausschaut. Architektur und Engelspersonal im Hintergrund wirken steif und unkoordiniert – ein weniger gelungenes Beispiel für Dürers Meisterschaft.

Transalpine Bewunderung von neiden Seiten

Warum hat ausgerechnet dieser "tedesco" den göttlichen Raffael so begeistern können? Da wäre die Madonna von Dürers "Rosenkranzfest" als Exponat weit faszinierender gewesen. Dürer malte das farb- und lichtsatte Altarbild 1506 für die Kirche der deutschen Kaufleute in Venedig. Heute befindet es sich in Prag und darf am Reigen der illustren Madonnen in Dresden nicht teilnehmen. Interessant jedoch wird der Dresdner Altar, wenn man sich den heiligen Sebastian der rechten Seitentafel einmal genauer anschaut. Mit seinem muskulösen, nackten Oberkörper, den dunklen Augen und Locken bringt er das vermisste mediterrane Flair weit besser ins Spiel als Maria. Mit Sicherheit hat sich Dürer für diesen Typ bei Andrea Mantegna, Giovanni Bellini oder Antonello da Messina in Venedig anregen lassen. Hier erkennt man, warum Raffael dem Meister im fernen Nürnberg gleich mehrere seiner lebensvollen Aktstudien gesandt hatte. Die transalpine Bewunderung beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit.

Dieser Text ist dem aktuellen art-Sonderheft "Renaissance" entnommen, das Sie in unserem Abo-Shop bestellen können.

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