Alina Szapocznikow - Brüssel

Ungelenke Objekte

Alina Szapocznikows Arbeiten eröffnen einen neuen Blick auf den menschlichen Körper ohne ihn jemals ganz abzubilden. Eine Retrospektive im WIELS-Institut in Brüssel zeigt jetzt ihre Arbeiten von 1955 bis 1973.

So bald wie möglich sollte man die Karriere von Alina Szapocznikow in Ordnung bringen – diesen Arbeitstauftrag gab Roberta Smith, Kritikerin der „New York Times“, 2007 in ihrer Besprechung einer Schau der polnischen Bildhauerin Alina Szapocznikow (1926 bis 1973).

Ordnung wird inzwischen gemacht – die New Yorker Galeristin Anke Kempkes von Broadway 1602 vertritt den Nachlass von Szapocznikow. Sie kann auf hilfreiche Erfahrung zurückgreifen, denn sie hat bereits den Nachlass von Martin Kippenberger geordnet.
Der vorläufige Höhepunkt der Wiederentdeckung findet nun in Brüssel statt: die erste große Retrospektive außerhalb Polens. Hier sind Szapocznikows merkwürdige, fantastische Skulpturen aus ihrer besonders experimentellen Phase von 1955 bis kurz vor ihrem Tod 1973 zu sehen. Es sind eingängige Arbeiten, wie Polyesterabdrücke von Körperteilen, umgearbeitet zu Alltagsdingen wie Aschenbecher und Lampen. Oder die Serie „Dessert“, bei der Brüste und Lippen auf Präsentiertellern drapiert wurden. Sie entstanden 1970/71, als Alina Szapocznikows eigener Körper längst von Krebs angegriffen war. Ihre Werke kreisen um den menschlichen Körper.

Es wäre ein Leichtes, dieses Interesse aus ihrer bewegten Biografie zu begründen. Sie wurde 1926 in eine jüdische Intellektuellen-Familie geboren, sie überlebte gemeinsam mit ihrer Mutter den Aufenthalt in zwei Ghettos und in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern von Auschwitz, Bergen-Belsen und Theresienstadt. Nach dem Krieg studierte sie in Prag Kunst, ab 1949 in Paris. 1962 vertrat sie Polen auf der Venedig-Biennale, 1963 emigrierte sie endgültig nach Paris, wo sie 1973 an Brustkrebs starb. In der Tat griff sie in ihren ganz späten Werken „Souvenirs“ ihre Erfahrungen während des Holocaust auf.
Aber die Reduktion ihrer Skulpturen auf eine Verarbeitung ihrer Lebensgeschichte greift zu kurz, auch die Verweise auf andere Künstlerinnen, die Skulpturen schufen wie Eva Hesse oder Louise Bourgeois, sind zwar erhellend, gehen aber nicht weit genug. Denn für Szapocznikow stand das Experimentieren im Zentrum ihrer Arbeiten – wie man wohl am besten an ihren abstrakten Skulpturen aus Kaugummi sieht.

Alina Szapocznikow: Sculptures Undone 1955-1973

Die Ausstellung ist vom 10. September bis zum 1. Januar im WIELS-Institut in Brüssel zu sehen, anschließend in Los Angeles und New York. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

http://www.wiels.org