Ford Brown - Manchester

Der erste Impressionist?

Lange war der englische Präraffaelit Ford Madox Brown (1821 bis 1893) in Vergessenheit geraten, überschattet von seinen Mitstreitern wie Dante Gabriel Rosetti oder John Everett Millais. Nun versucht die Stadt Manchester, für deren Rathaus er in den letzten Jahren seines Lebens einen Freskenzyklus malte, erneut eine Ehrenrettung

140 Gemälde, Zeichnungen und Skizzen sind zu sehen, und seine beiden berühmtesten Bilder, "The Last of England" (1852/55), auf dem er sich und seine Frau als Emigranten darstellt, und "Work" (1852/63), eine Londoner Straßenszene, werden seit vielen Jahren wieder gemeinsam gezeigt. art-Korrespondent Hans Pietsch sprach mit Kurator Julian Treuherz über die Schau.

Herr Treuherz – Was ist es, das die Präraffaeliten und ihre Kunst so beliebt macht?

Sie sprechen den Betrachter ganz direkt an, sie erzählen Geschichten, ihre Gemälde sind voller Details und Farben, und deshalb ist es relativ leicht, zu ihnen eine Beziehung herzustellen. Man braucht dazu kein besonderes kunsthistorisches Wissen.Und wie passt Ford Madox Brown da hinein?

Er war etwas älter als die Anderen in der Bruderschaft, er war für sie eine Art Mentor. Er hatte Italien besucht, und die Begegnung mit der italienischen Kunst, aber auch mit der Kunst Nordeuropas und vor allem mit Holbein, dessen Werk er in Basel gesehen hatte, half ihm dabei, die eigene Kunst aufzufrischen. Er ging zur Kunst vor Raffael zurück, noch bevor die Präraffaeliten es taten.

Sie stellen in Ihrer Schau einige recht kühne Behauptungen auf, etwa dass er eine Art Vorläufer der Impressionisten war, da er 'en plain air' malte, und zwar nicht nur Landschaften, sondern auch Figuren.

Ich sage nicht, dass er dieselbe visuelle Revolution schuf wie die Impressionisten mit ihrem lockeren Stil, er arbeitete ja in einem ganz anderen Kontext. Doch er befasste sich eindringlich mit Licht im Freien. Ihm fiel auf, lange vor den Impressionisten, dass Schatten Farben enthält, und ihm ging es darum, Landschaft und Figur im selben, vereinheitlichenden Licht darzustellen. Natürlich war er kein Impressionist, doch ein Kritiker schrieb, dass die gesamte moderne Kunst mit seinem gänzlich im Freien entstandenen Gemälde "The Pretty Baa Lambs" (1851/59) beginnt. Ich stehe also nicht alleine.

Was ist denn das Besondere an diesem Bild?

Wir sehen es heute als fast liebliche Darstellung einer Mutter mit Baby in einer bukolischen Landschaft. Doch eigentlich ist es sehr spröde, und so sahen es die Viktorianer. Sie wussten auch nicht, was es bedeuten soll – ist es religiös, eine Madonna mit Kind? Natürlich nicht. Das weibliche Schönheitsideal der Zeit wird ebenfalls über den Haufen geworfen – er malt seine Frau Emma mit roten Wangen, ihr ist heiß in der gleißenden Sonne.

Sie bezeichnen ihn auch als eine Art 'sozialen Realisten', mit seinen bekanntesten Bildern "Last of England" und "Work".

Niemand vor ihm hatte Arbeiter bei der Arbeit dargestellt, wie etwa die Straßenarbeiter in "Work". Natürlich hatte sein soziales Engagament Grenzen, er ging nicht in Fabriken zum Malen. Trotzdem gelang ihm mit "Work" ein Durchbruch.

Sind diese Bilder nicht ein wenig zu glatt, zu sauber, um echter sozialer Realismus zu sein? Zu sentimental?

Sentimental glaube ich nicht. Ein Gemälde voller Gefühl und Ergriffenheit, so wuerden die Viktorianer sagen, ist ja nichts Negatives. Aber zu sauber? Vielleicht. Die Kleidung der Arbeiter war sicher schmutziger und auch die der armen Kinder im Vordergrund. Aber das ist ja nur ein Teil des Bildes. Er wollte die gesamte Straßenszene darstellen, das Nebeneinander von Arm und Reich, von Bürgertum und Arbeiterklasse. Und dass er rechts im Bild den progressiven Sozialphilosophen Thomas Carlyle als Helden darstellt, ist schon ungewöhnlich.

Wie gut ist er denn nun wirklich als Maler?

Ich glaube, seine besten Arbeiten sind seine Landschaften und seine Darstellungen des zeitgenössischen Lebens. Vor allem die letzteren sind eigentlich einmalig in der damaligen europäischen Malerei, was Thema, Darstellung und Stil angeht. Sie muten heute daher auch fast modern an.

Ford Madox Brown: Pre-Raphaelite Pioneer.

Manchester Art Gallery, bis 29. Januar 2012. Katalog: 19.95 Pfund. Internet:
http://www.manchestergalleries.org

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