Franka Hörnschemeyer - Dresden

Eine Stadt auf dem Seziertisch

Mitten im Zentrum von Dresden, am Übergang zwischen dem Altmarkt und der Prager Straße, überrascht die Passanten seit Kurzem ein seltsamer, geschwungener Betonkörper. Für ein Funktionsbauwerk zu elegant, gibt er zunächst ein Rätsel auf. Das ungewöhnliche Kunstwerk erschließt sich beim Näherkommen: Eine Treppe aus roten Klinkern führt hinab zu einer Panzerglasscheibe, durch die man nun in die historische Kanalisation der Stadt blicken kann.

Acht lange Jahre musste es dauern, bis die Berliner Künstlerin Franka Hörnschemeyer ihr Werk "Trichter" realisieren konnte. Bereits 2003 hatte sie den Wettbewerb für eine Gestaltung am Standort des einstigen Seetors gewonnen. Anders als die meisten der über 500 Teilnehmer des offenen Wettbewerbs entwarf sie jedoch keine oberirdische Torsituation, die an das alte Stadttor und die dortigen Wallanlagen erinnern sollte. Hörnschemeyer widmete sich dem Untergrund.

Angeregt von den Lageplänen aus den Wettbewerbsunterlagen, erkannte sie die komplexe Versorgungslage, die eine Großstadt am Funktionieren hält. Ein ausgeklügeltes System von Strom- und Telefonleitungen, Wasser- und Abwasserkanälen bildet ein Netz, das den oberirdischen Nutzern des Stadtraums kaum je ins Bewusstsein dringt. Eine Havarie hier unten kann das Leben oben jäh zum Erliegen bringen. Bereits im 19. Jahrhundert erkannten die damaligen Stadtplaner, dass Bakterien oder Krankheitserreger die Stadt weit mehr gefährden als berittene Horden und sonstige äußere Feinde. Die alten Festungsanlagen wurden geschleift, und man investierte nunmehr in eine für damalige Verhältnisse hochmoderne Kanalisation. Hörnschemeyers unterirdisches Sichtfenster zeigt die alten, noch immer funktionstüchtigen Kanäle, die sich die Stadt ab 1870 leistete, entworfen von findigen Ingenieuren, die über Fließgeschwindigkeiten und Schachtquerschnitte nachsannen. An dieser Stelle sind die Schächte aus Sandstein und Klinkern noch bestens zu erkennen. Bei starkem Regen füllen sie sich imposant. Kunstexperten priesen Hörnschemeyers Idee, den Bauch der Stadt zu sezieren und für diese stadtplanerische Meisterleistung künstlerisch zu sensibilisieren. Doch unmittelbar nach Verkündung des Wettbewerbsergebnisses begann eine wahre Schlammschlacht: Immer wieder blockierten Kommunalpolitiker die Ausführung des "Trichters".

Zunächst zuviel "Underground" für Dresden

Zweimal wurde per Stadtratsbeschluss versucht, die Realisierung zu kippen. Diverse Lokalzeitungen heizten die Debatte an. Diffamierungen wie "Fäkalkunst" und "Klokino" zirkulierten. Gerne wurde auch mit der vermeintlichen Verschwendung von Steuergeldern argumentiert. Dabei kam ein Großteil der Mittel direkt von dem Großinvestor ECE, dem Erbauer der nahegelegenen Einkaufsmeile "Altmarktgalerie" – als gesetzlich festgesetzter Anteil aus dem Budget von Hochbaumaßnahmen im Stadtraum. Doch das wurde gerne verschwiegen, zu verlockend waren die populistischen Schlagzeilen, die besonders im Vorfeld von Kommunalwahlen nach oben schwappten. Das Argument, dass andere Großstädte wie Paris oder Neapel ihr Kanalsystem als Touristenattraktion vermarkten, verhallte lange Zeit ungehört. Hörnschemeyer ließ sich nicht beirren.

"Ich interessiere mich für Systeme"

"In meiner Arbeit interessiere ich mich für Systeme", erklärt sie: "Und diese konnte man hier besonders gut studieren." Und damit meinte sie nicht nur die städtischen Versorgungssysteme. Politische Verwerfungen, Finanzierungsstopps und Umplanungen vor Ort gaben ihr ausreichend Zeit, ihren Entwurf zu verfeinern. Aus dem ursprünglich geplanten gemauerten Einstieg wurde eine Betonskulptur, hergestellt in aufwendiger Handarbeit.
In ihren bekannten Gestaltungen wie etwa dem Neuarrangement der Wilhelm-Lehmbruck-Plastiken in der Hamburger Kunsthalle (2000) oder dem Labyrinth am Paul-Löbe-Haus des Berliner Bundestags (2001), arbeitete die Künstlerin gerne mit fertigen Schalelementen aus dem Betonbau. In Dresden konnte sie allerdings nicht auf industrielle Vorlagen zurückgreifen, sondern ließ einen Schalkörper aus Styropor fertigen, der dann an Ort und Stelle mit Sichtbeton ausgegossen wurde, ein skulpturales Unikat. Für die Berechnungen von Form und Statik holte sich Hörnschemeyer den Berliner Architekten Christoph Stolzenberg ins Boot.

Alle Macht dem Trichter

In der Zwischenzeit siegte endlich der Kunstverstand über konservative Kleingeister, und ab März 2011 konnten die Bauarbeiten beginnen – mit einem für Nichteingeweihte rätselvollen Loch in der Fußgängerzone. Kurz nach der Enthüllung des "Trichters" im Sommer würdigte die Skulpturensammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Franka Hörnschemeyers unermüdliches Dresdner Schaffen mit einer generösen Schenkung des Freundeskreises "Paragone". In einer Sonderpräsentation des Albertinums sieht man heute nicht nur das Miniaturmodell des "Trichters" und eine bereits 2000 in Dresden entstandene Fotoserie, sondern auch die große Arbeit "discrete case II". Diese begehbare Architekturplastik besteht aus ausgedienten Messebauwänden und einem monumentalen Doppeltrichter, der die entstandenen Räume miteinander verknüpft. Insofern hat der Trichter als künstlerische Form mit sowohl akustischer wie auch visueller Verbindung Einzug in Hörnschemeyers museales Werk gehalten. Eigentlich kein Wunder nach der jahrelangen Zitterpartie um den "Trichter" im Stadtraum.

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