Surrealismus - Basel

Panorama der Träume

Mit 290 Kunstwerken, Manuskripten, Schmuckstücken. Fotografien und Filmen fächert die Fondation Beyeler die surrealistische Bewegung in Paris auf. Die Ausstellung "Dalí, Magritte, Miró – Surrealismus in Paris" versammelt Meisterwerke aus Museen der halben Welt.

Wer nicht aufpasst, kann die kleine Collage leicht übersehen: Man Ray hat in Ingenieursmanier einen Seziertisch gezeichnet und darauf einen Herrenschirm und eine Nähmaschine geklebt, die aus Fotos ausgeschnitten sind.

Die Papierarbeit illustriert die Wendung von der unvermuteten Begegnung entlegener Dinge in einer übergeordneten, surrealen Realität, die André Breton vom Lyriker Comte de Lautréamont entlehnt und zur bildhaften Abbreviatur des Surrealismus erklärt hat, den er im Herbst 1924 in seinem berühmten ersten Manifest ins Leben rief. Die Ausschaltung von Vernunft, der Rückgriff auf die Traditionen des Irrationalen und Romantischen, vor allem aber die Öffnung des Unbewussten, sollten der menschlichen Kreativität zu einer neuen Blüte verhelfen und in Kunst und Literatur noch nie gesehene Werke ermöglichen. Dazu hat der rührige Literat Vorläufer ausgemacht, Kampfgenossen um sich geschart und Andersdenkende schnell wieder verstoßen. Paris war seine Kampfzentrale, bis der Zweite Weltkrieg die Künstler in alle Winde und vor allem nach Amerika verstreute, wo ihr Einfluss nicht hoch genug geschätzt werden kann. Uns ist der Surrealismus als eine der prägenden Bewegungen in der Kunst des 20. Jahrhunderts, als eines der hilfreichen Labels für Rückblicke geblieben.

Wie lebhaft diese Kunstrichtung war, wie unterschiedlich die Positionen der Künstler, die eine Weile daran teilnahmen, zeigt die große Ausstellung, welche die Fondation Beyeler dem "Surrealismus in Paris" widmet. In einzelnen Kapiteln wird die Entwicklung vom hochgeschätzten Anreger Giorgio de Chirico bis zum wohl bekanntesten Surrealisten Salvador Dalí aufgefaltet. Wie nicht anders zu erwarten, hat man keine Kosten und Mühen gescheut, um die Parade der Meisterwerke aus aller Welt zusammen zu leihen. Die Stars sind mit großen Werkensembles vertreten. Am luzidesten ist die Gegenüberstellung der mediterranen Leichtigkeit Joan Mirós und der teutonisch schweren, aber unglaublich reichen Erfindungsgabe des Kölner Alt-Dadaisten Max Ernst. André Masson schreibt spätkubistischen Strukturen fast zärtlich Körper ein. Yves Tanguy verliert sich in unendlichen Räumen. Die Belgier René Magritte und Paul Delvaux wirken so bittersüß wie die Schokolade des Landes. Picasso ist wieder einmal der Exzentriker, der sich nimmt, was er braucht. Hans Bellmers große Gliederpuppe darf genauso wenig fehlen wie die verschnürten Damenschuhe der Meret Oppenheim oder die Metronome Man Rays und das Schachbrett von Marcel Duchamp.

Der Pariser Surrealismus war ein Männerclub. Die Witze, die Fantasien wirken heute etwas abgestanden. Frauen kommen in den klassischen Rollen als Modell und Muse eher am Rande vor. Gerade hier zeigt die Ausstellung in der Fondation Beyeler eigenes Profil. Nicht indem sie Künstlerinnen wie die berühmte Meret Oppenheim besonders hervorheben würde, sondern indem sie auf den Beitrag aufmerksam macht, den zwei Frauen als Sammlerinnen hatten. Peggy Guggenheim und André Bretons erste Frau Simone werden in zwei eigenen Räumen gewürdigt.
Die Amerikanerin ist durch ihren Palazzo am Canal Grande in Venedig bestens bekannt, die Kollektion surrealistischer Meisterwerke lässt sich bei den zahllosen Biennale-Aperos immer wieder bestaunen. In Riehen dienen einzelne Meisterwerke wie Max Ernsts barocke Fantasie des "Gegenpapstes" dazu, die Atmosphäre von Peggy Guggenheims legendärer Galerie "The Art of This Century" wachzurufen, die sie 1942 in New York eröffnete. Große Fotografien zeigen die röhrenförmig gerundeten Räume, die Architekt Friedrich Kiesler dafür entwickelte. Die Bilder mussten an langen Stäben vor den Wänden befestigt werden, als wollte man sie auf Distanz halten wie vergiftete Waren.
Die eigentliche Überraschung ist jedoch die Rekonstruktion der Sammlung von Simone Collinet, wie sie nach ihrer zweiten Eheschließung hieß. Nach Fotos wurde versucht, zumindest einen Teil der Arbeiten zusammen zu bringen, die in den zwanziger Jahren die Wohnung des Surrealisten-Chefs und seiner Frau in Paris geschmückt haben. Zumeist sind es kleinformatige Werke. Das knappe Budget erlaubte es nicht, jeden Wunsch zu erfüllen. Manches haben die befreundeten Künstler auch geschenkt. Einiges wurde weiterverkauft. Die Bretons bestritten ihren Lebensunterhalt teilweise mit Kunstberatung und -vermittlung. Vorlieben treten zu Tage. Simone schätzte Francis Picabia über alles. Von ihm ist ein wunderbares Bildnis mit Streichhölzern und Münzen zu sehen. Ebenso die später erworbene Judith mit dem von ihr enthaupteten Holofernes. Breton selbst war von der psychologisch aufgeladenen Bildlichkeit Salvador Dalís begeistert und sammelte auch Skulpturen der "tribal art".

Wenngleich die beiden Räume nur Evokationen der ehemaligen Sammlungen der zwei Frauen sind, öffnen sie die Tür für eine frische Brise, die von der zeitgenössischen Kunst hereinweht. Denn hier artikuliert sich ein Versuch, den Blick aufs Meisterwerk oder die Fixierung auf den Fetisch des Objekts, das die Surrealisten kultivierten wie sonst nur noch Riten und Religionen, zu öffnen auf die lebensweltlichen Zusammenhänge, in denen die Kunstproduktion der Bewegung auch stand. Vielleicht erwächst daraus einmal ein Ansatz, der den Surrealismus aus den Postkartenständern der Kunstkioske befreit und wieder in seinem revolutionären Elan vermittelt.

"Dalí, Magritte, Miró – Surrealismus in Paris"

Fondation Beyeler, Riehen bei Basel bis 29. Januar 2012

Katalog: Verlag Hatje Cantz, 289 S., 304 Farbabbildungen.

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