Kunst und Mathematik - Paris

Das Unaussprechliche verständlich machen

Ist Mathematik ein der Natur innewohnendes Phänomen, dessen Verständnis man sich erarbeiten muss, oder eine Erfindung des menschlichen Verstandes, um zu formulieren, was sonst undenkbar bliebe? Diese Frage spaltet die heutige Naturwissenschaft in zwei Lager und ist Ausgangspunkt einer mutigen und aufregenden Ausstellung zu Kunst und Mathematik in der Pariser Fondation Cartier.
Crossover:Eine mutige Ausstellung zu Zahlen und Formeln

Beatriz Milhazes: "O Paraiso", 2011.

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: "Das gesprochene oder das geschriebene Wort ", sagt der britische Mathematiker Sir Michael Atiyah im Gespräch im Dokumentarfilm von Raymond Depardon und Claudine Nougaret, "ist eine viel zu primitive Form der Kommunikation. Das menschliche Hirn ist viel kreativer – deshalb ist seine ideale Kommunikationsform die Mathematik."

Das Interview des 1929 geborenen emeritierten Professors der Universität Edinburgh ist eines von neun kurzweiligen und wunderbar skurrilen Kurzporträts, für welche die Filmemacher internationale Koryphäen baten, die Leidenschaft ihres Lebens in maximal fünf Minuten zu beschreiben. Der jungenhafte Franzose Cédric Villani krakelt an die schwarze Tafel, der Amerikaner Don Zagier, Direktor des Bonner Max-Planck-Instituts für Mathematik, schwärmt, bis er nicht mehr weiter weiß. Im Kellergeschoss der Pariser Fondation Cartier leihen so die allesamt preisgekrönten Heroen der als staubtrocken verschrieenen Mutter aller Naturwissenschaften, der Mathematik, nicht nur ein menschliches Gesicht, sie liefern auch den Hintergrund für die Bemühungen der eingeladenen Künstler Hiroshi Sugimoto, Patti Smith, Beatriz Milhazes oder David Lynch, ihre Faszination für die Zahlenwelt der Formeln in Bilder zu packen.

Am Anfang, so der Leiter der Fondation Cartier, Hervé Chandès, stand der Wunsch, in einer zeitgenössischen Kunsthalle, bekannt für das Crossover von Ideen und Medien, die abstrakteste aller Wissenschaften für ein Publikum von Laien auszustellen. Nach zweijährigem Ideenaustausch mit mehreren Forschungsinstituten und dem französischen Spezialisten Jean-Pierre Bourguignon wurde eine Liste der teilnehmenden Mathematiker angelegt – erst dann fragte man bei Künstlern an, die allesamt bereits in der Fondation ausgestellt hatten.

Schon 2008 ließ der Japaner Sugimoto, in dessen Fotografien und Installationen Poesie, Wahrnehmung, Buddhismus und Wissenschaft zusammenfließen, von den Technikern eines Formel-Eins-Rennstalls poliertes Aluminium zu einer drei Meter hohen, an der Basis 70 Zentimeter und an ihrer Spitze nur ganze zwei Millimeter dicken Skulptur schleifen, deren Krümmung völlig gesetzmäßig verläuft. Was bedeutet, das sich die Krümmungslinien erst in der Unendlichkeit treffen.

Die Brasilianerin Milhazes entwarf eine kleine Collage mit dem Titel "Das Paradies", in der abstrakte Farbfelder, aber auch das Foto einer mächtigen Welle, des Gefieders eines Pfaus oder des gesprenkelten Fells eines Jaguars für komplexe mathematische Gleichungen stehen. In drei kurzen Animationsfilmen werden solch komplexe Gesetzmäßigkeiten, etwa die Parkettierungen von Sir Ronald Penrose, einem Wissenschaftler, der selbst Künstler war und den Surrealisten nahestand, ausführlicher demonstriert. Sehr anschaulich auch das große Wandbild "Ein mathematischer Himmel" des Malers Jean-Michel Alberola, das die wichtigsten Voraussetzungen, Texte und Entdeckungen des 1912 verstorbenen Franzosen Henri Poincaré, für viele der letzte wirkliche Universalgelehrte, darstellt.

Kunst im Dienst der Wissenschaft

Die Ausstellung der Fondation Cartier ist immer dann am eindringlichsten, wenn Künstler sich eng ans Thema halten und ihr ureigenes Talent und Medium mit Logik einbringen, wenn also Kunst im Dienste der Wissenschaft steht. So inszeniert der amerikanische Filmemacher David Lynch eine Bühne für sechs kleine Roboter mit künstlicher Lernintelligenz, die auf Gesten und Emotionen der Besucher reagieren. Entwickelt vom Forschungszentrum INRIA in Bordeaux auf Grundlage von Berechnungen des berühmten russischen Geometrikers Misha Gromow, bewegen sich die "Ergo-Robots" in einem einförmigen Rund, dessen Schale vielfach durchbrochen ist, so dass man die niedlich kleinen Maschinchen bei der Arbeit beobachten kann.

Lynch wählte die Ei-Form, weil sie mit der Ziffer Null zu tun hat. Diese prägt auch die zuckerbäckrige postmoderne Kapelle, die er im Hauptausstellungsraum der Fondation installierte. In ihr wird vor elektronischem "mathematischen" Kaminfeuer eine – viel zu schnell geschnittene – Filmcollage mit Standbildern grundlegender, von Mischa Gromow zusammengestellter Schriften projiziert, von Herakles über Darwin bis Alan Turing. Untermalt von Patti Smith, die ein Gedicht des viktorianischen Dichters Swinburne singt: "Loch Torridon".

In ihrem geschmäcklerischen Mystizismus ist diese Installation von David Lynch und Patti Smith der einzige Schwachpunkt der Ausstellung. Mathematik ist mysteriös und poetisch genug, man muss sie nicht noch mit theatralischen Effekten zu koppeln. Denn wie Mischa Gromow im Katalog formuliert: Vier große Mysterien prägen die Welt: die Naturgesetze der Physik, etwa die Schwerkraft; das Geheimnis des Lebens; das Funktionieren des Gehirns. Und das Mysterium der mathematischen Formeln, die als einzige helfen können, die drei übrigen Mysterien aufzuklären.

"Mathematiques"

Daten: bis 18. März, Fondation Cartier, Paris, Katalog 44 Euro
http://fondation.cartier.com/