AA Bronson - Berlin

In okkulter Heilsmission

Unter dem Titel "Queer Spirits And Other Invocations" läuft die Ausstellung von AA Bronson derzeit in der Hauptstadt und macht ihrem Namen alle Ehre. In der Nacht vor der Eröffnung irritierte Bronson mit einer Geisterbeschwörung, deren Überbleibsel in der Galerie Esther Schipper zu begutachten sind. Neben seiner spiritistischen Ader bleibt sich der einzige Überlebende des Kanadischen Kollektivs General Idea treu. "Queere", übertriebene Selbstinszenierung mit Pop-Ritus trägt den Geist seiner verstorbenen Künstlerfreunde weiter.
Geisterstunde:AA Bronson in Berlin

Ein Aspekt der Selbstinszenierung, AA Bronson und Ryan Brewer: "Black Red Gold", 2011

AA Bronson sorgte in den letzten Jahren vor allem dafür, dass die Erinnerung an das aktivistische Trio von Pop-Konzeptualisten nicht verblasste. Nun tritt er nach dem Aids-Tod von Felix Partz und Jorge Zontal im Jahre 1994 erstmals mit eigenständigen Werken in Europa in Erscheinung. Und hielt in der Berliner Galerie von Esther Schipper ausgerechnet eine Geisterbeschwörung ab. "Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los" – Goethes "Zauberlehrling" konnte sich bekanntlich nach diversen Beschwörungsritualen vor den über ihn hereinbrechenden Geistermächten nicht mehr retten. Ein ähnliches Los könnte nun den kanadischen Künstler AA Bronson im Zuge seiner "Invocations" ereilen.

Seine unlängst absolvierte Berliner Zaubernacht – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – muss jedenfalls ein spirituell höchst aufgeladenes Mysterienspiel gewesen sein. Eine Gemengelage zwischen esoterischen und homoerotischen, kunstideologischen und ironischen Splittern. Zumindest stellt sich dieser Eindruck ein, wenn man die nun auf einer Decke in der Galerie ausgebreiteten Relikte der Séance genauer in Augenschein nimmt: Kerzen, Hühnerfedern, Tarot-Karten, Butt Plugs, Whiskey, Früchte und Rauchwaren sind betont nachlässig im Geviert angeordnet. Esther Schippers Galerie, die sonst eher durch kühle, elegante Konzeptkunst besticht, hat sich jedenfalls über Nacht in einen spiritistischen Zeremonienraum verwandelt.

Geheimgesellschaft

AA Bronson übt sich erst seit jüngerer Zeit halböffentlich in einem Künstlerschamanentum à la Beuys. Gut, die sich in das Hinterteil oder sonstwo hinzusteckenden Hahnenfedern können sowohl auf schamanistische Gebräuche als auch auf homosexuelle Praktiken oder Voodoo-Magie anspielen. Was in der Nacht zum 28. Oktober allerdings genau geschehen ist, unterliegt dem absoluten Geheimhaltungsgelübde von AA Bronson und seiner drei an dem Ritual beteiligten Adepten. Und nur ausgesprochene Kenner der von Okkultmeister Aleister Crowley kreierten Tarotkarten dürften deuten können, welche Zukunftsaussichten der freiwilligen Bruderschaft hier prophezeit worden sind. "Niemals", so AA Bronson, "würde ich etwas über die Vorkommnisse des Rituals verraten, sonst wäre es ja keine Geheim-Performance mehr." Drei Stunden habe die Session gedauert, sagt er. Und weiter: "Am meisten an Crowley ebenso wie an Dalí, Warhol oder Beuys interessiert mich deren Fähigkeit, wie sie eine öffentliche Rolle geschaffen und ausgefüllt haben. Insofern ist auch der Dalai Lama ein Meister der öffentlichen Inszenierung."

Selbstinszinierung mit Voodoo-Touch

Wenn AA Bronson selbst eine Rolle in allen glitzernde Facetten beherrscht, dann die des "Camp". Mit dem Hang zur Überästhetisierung des schwulen Künstlertums betont er zugleich ironische Distanz. Bei Esther Schipper sind bezeichnenderweise mit Diamanten besetzte Siebdrucke zu sehen, die in Lebensgröße den mit Hahnenschwanz ausstaffierten nackten Künstler in der Wildnis zeigen. Und das mitten im Raum platzierte, pseudomittelalterliche Wahrsagezelt könnte einem Hollywoodschinken der fünfziger Jahre entstammen. AA Bronson war und ist jedenfalls kein Kostverächter des Sinnlichen, Glamourösen und Lächerlichen. Schließlich findet man seit drei Jahren in den mit "queeren" Geistern aufgenommenen Beschwörungsritualen, den ersten autonomen Werken AA Bronsons nach dem Ende von General Idea, das strategische Potential des früheren Kollektivs wieder. Die Inszenierungsfreude, Provokationskraft, Neuaneignung von populären Kunstwerke von General Idea ist längst Legende. Man erinnere sich nur, dass General Idea die LOVE-Ikone von Robert Indiana zu einem AIDS-Bild mutieren ließ. Das emphatische Beschwören von Pop-Ritualen ist erhalten geblieben.

Unsterbliche General Idea

In der selbststilisierten Gestalt des ungemein liebenswerten, mittlerweile 65-jährigen AA Bronson lebt das Gedankengut der beiden Mitstreiter Felix Partz und Jorge Zontal weiter. Und er selbst hat mit den Jahren durch seinen langen, weißen Bart skurrilerweise mehr und mehr das Aussehen eines indischen Gurus angenommen. Doppelbödig bezeichnet er sich als Heiler: "In der Zeit als Jorge und Felix starben, arbeitete ich sehr hart daran, sozusagen eine Hebamme des Sterbens zu werden", sagt AA Bronson. "Durch diesen Prozess fand ich mich selbst auf dem Pfad eines Heilers." Aber auch sein "Mentor" Beuys betonte mit dem Schamanismus letztlich kunstheilende Fähigkeiten. Man darf AA Bronsons Berliner Ausstellung durchaus beim Wort, respektive ihrem Titel nehmen: "Queer Spirits and Other Invocations". Queer ist nicht nur als schwul zu verstehen, sondern als die überspitzte Auflösung (heterosexuell) genormter Lebensrollen. Und Humor sei ohnehin immer bei ihm präsent, betont AA Bronson am Schluss. "Überhaupt, man nehme sich in Acht vor Dingen, die keinen Humor besitzen ..."

AA Bronson: „Queer Spirits and Other Invocations“

bis 17. Dezember, Esther Schipper, Berlin

http://www.estherschipper.com