Nathalie Vranken - Interview

Kunst ist eine wesentliche Säule

Seit 2003 führt das Champagner-Haus Vranken-Pommery auf seinem Gut zeitgenössische Kunstprojekte durch. Schauplatz der Ausstellungen sind die kilometerlangen, romantischen Kreidekeller in Reims. Zurzeit läuft die neunte Expérience Pommery mit dem Titel "La Fabrique sonore". art-Korrespondentin Birgit Sonna traf die kunstpassionierte First Lady des Unternehmens, Nathalie Vranken, und bekam Einblick in eine interessante Familiengeschichte.
Klangfabrik:Interview mit Nathalie Vranken

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Das charakteristische Flair in den Kreidekellern der Pommery-Domaine bietet dieses Mal ein Forum für Licht- und Klanginstallationen. Die Höhlenartige Struktur der Keller bietet dafür ideale Bedingungen. 30 internationale Künstler haben ihre Werke eigens für diese Umgebung geschaffen. Geräusche, vom lautesten Gong bis zur tiefsten Frequenz, sind ein großes Thema. Der französische Künstler Bertrand Planes beispielsweise installierte einen "Hau den Lukas", der von den Ausstellungbesuchern genutzt werden kann. Die Lautstärke des Hammerschlags wird dabei in Licht umgewandelt.

Der Engländer Thomas McIntosh macht Schallwellen mit Hilfe von Wasser und Licht sichtbar, und der Franzose Jacques Rémus arbeitet mit Pfeifen, die unterschiedlich tief in fluoreszierende Flüssigkeiten eingetaucht sind. Die "Klangfabrik" demonstriert die Experimentierfreudigkeit der Intendantin Natalie Vranken. Anlässlich des 175-jährigen Geburtstag von Pommery sprach art-Korrespondentin Birgit Sonna mit ihr über ungewöhnliche Ausstellungsorte und die Jeanne d'Arc ihrer Familie.

Frau Vranken, Sie sind nur wenige Tage hier in Berlin. Was haben Sie außerhalb der Feierlichkeiten für Pommery hier an Kunstgeschehnissen erlebt?

Es ist immer frustrierend, nur so wenig Zeit in einer ausgesprochenen Kunststadt wie Berlin zu haben. Heute Nachmittag war ich jedenfalls im Kunstbunker von Boros. Ich war sehr beeindruckt, das Gebäude ist an sich schon dramatisch. Die derzeit dort gezeigten monumentalen Skulpturen sind ein ausdrucksgewaltiger Akt an einem Ort, der schon jede Menge gewaltsame Geschichte in sich trägt.

Viele Arbeiten im Bunker von Boros besitzen eine gewisse Site Specifity (dt.: Standortbezogenheit). Die bei Ihnen eingeladenen Künstler sind ebenfalls aufgefordert, sich ortsspezifisch auf die berühmten Kreidekeller einzulassen.

Sogar 100 Prozent der für Pommery produzierten Kunstwerke sind eigens für den Ort entstanden. Das ist unabdingbar, weil die konservatorischen Bedingungen in den feuchten Kreidekellern sehr schwierig sind. Ich kann mir von niemandem Kunst leihen, weil diese meist unweigerlich in beschädigtem Zustand wieder an den Leihgeber zurückgehen würde. (lacht) Und ich möchte mich schließlich nicht mit der halben Kunstwelt anlegen.

Behalten und erwerben Sie Kunstwerke der Ausstellungen?

Das hängt davon ab, wir gehen damit ganz souverän um. Manchmal behalten wir Kunstwerke als Erinnerung und transferieren sie in die Büros unserer Mitarbeiter oder in den Garten. Ich möchte etwas von den Ideen bewahren, die Künstlern in einem ganz besonderen örtlichen Kontext und in enger Zusammenarbeit mit den Kuratoren geschaffen haben. Für mich ist es sehr aufregend, an diesem Prozess teilzuhaben.

Letztlich gehen sie mit dieser Erinnerung via Kunst auf die erste unternehmerisch erfolgreiche Dame von Pommery zurück, auf Jeanne Pommery. Sie sammelte Kunst, gab auch direkt in den Kalkstein geformte Reliefs für die Kreidekeller bei einem Bildhauer in Auftrag.

Und sie war viel tougher als ich! Stellem Sie sich vor, es war Mitte des 19. Jahrhunderts, wo Frauen kaum die Chance hatten, sich auszudrücken. Jeanne Pommery wurde sehr früh Witwe und musste das Unternehmen ihres Mannes fortführen – nicht zuletzt, weil sie eine erst einjährige Tochter namens Louise hatte. Der von ihr mit den Reliefs beauftragte Gustave Navlet verblieb drei Jahre im Keller, von 1882 bis 1885. Sie ließ von ihm fünf verschiedene Reliefs in fünf verschiedenen skulpturalen Techniken und Stilen ausführen. (lacht) Das Höchste was mir bislang gelang, war, den Künstler Daniel Buren für fünf Tage in dem Kreidekeller bei der Arbeit zu halten. Insofern war Jeanne Pommery definitiv tougher als ich.

Jeanne Pommery erwarb eines Tages Millets berühmte Bild "Die Ährenleserinnen" auf einer Auktion in Paris.

Das ist eine unglaubliche Geschichte. Jeanne Pommery wollte das Unternehmen vorwärts bringen und kaufte Feld für Feld von jener Domaine, die Pommery heute ausmacht: mehr als 50 Hektar. Ein riesiges Terrain also, zu dieser Zeit das vielleicht größte Weinanbaugebiet in Europa, wenn nicht sogar der ganzen Welt. Ab einem gewissen Punkt begannen die männlichen Konkurrenten Jeanne zu bekämpfen. Gerüchte wurden in Umlauf gebracht, dass sie ihre Arbeiter nicht mehr bezahlen könne, da eine Ernte ein Fehlschlag sein werde. Sie überlegte, wie sie die Geschäftsatmosphäre verbessern könnte. In einer Art Expedition fuhr Jeanne nach Paris und erwarb auf einer Auktion für 300 000 Francs das Gemälde des damals noch sehr jungen Millet. Das Bild ist ja gigantisch groß, Sie haben es bestimmt schon einmal im Musée d'Orsay gesehen.

Jeanne beschloss nach erfolgreich abgeschlossener Aktion, die "Ährenleserinnen" nicht zu behalten, sondern sie dem Louvre anzubieten. In den Archiven von Pommery haben wir einen Brief gefunden, in dem ein Louvre-Konservator an Madame Pommery schreibt: "Wir wissen nicht, ob Ihr sehr junger Künstler das Potential hat, um in die herausragende Sammlung des Louvre zu gelangen." Diese Situation entspricht genau dem, was unsere Kuratoren mit der "Expérience Pommery" organisieren. Manche der Künstler mögen in 100 Jahren weltberühmt sein wie Millet, andere mögen total vergessen sein wie der arme, jahrelang in unseren Keller verbannte Navlet. Allein die Zeit wird eine Antwort darauf geben.

Wie stark mischen Sie sich ein?

Um ehrlich zu sein, ich bin eine ebenso offene wie schwierige Gastgeberin. Eine Idee muss mich stark verführen, damit ich das Projekt bis zur Eröffnung tragen kann. Jeder Künstler, der zu uns uns kommt, wird persönlich empfangen, so lange im Keller herumgeführt und betreut, bis wir gemeinsam einen Platz, eine Möglichkeit gefunden haben.

Sie haben bereits mehrere junge deutsche Künstler nach Reims eingeladen, so etwa Michael Sailstorfer.

Ja, und in der letzten Ausstellung haben wir mit Hans Hemmert produziert. Seine Idee, eine gelbe Latexblase in eine Ecke des Kellers zu zwängen und damit den Raum quasi umzudrehen, fand ich geradezu revolutionär. Ich schätze aber auch den in Berlin lebenden Björn Dahlem ungemein. Dahlem ist sehr intellektuell, aber was er zugleich in unserem Kreidekeller gemacht hat, war ungemein poetisch und leichthändig und frisch. Obwohl das meiste Material vom Sperrmüll in Reims stammte, war die Installation sehr ausdrucksstark. Dahlem verwendete Holz, Neonröhren sowie benutzte Dinge, machte einen Stern daraus und nannte ihn "Schwarzes Loch", weil er etwas von einem Meteoriten an sich hatte. Als ich am Anfang Dahlems Konzept las, dachte ich, das kann nicht funktionieren, aber das Objekt war absolut wundervoll.

Stimmt es dass die Ausstellungen bei Pommery mehr und mehr Besucher anziehen? Jährlich soll die Zahl von 45 000 zu 130 000 gestiegen sein.

Sicher haben die Ausstellungen einen großen Anteil daran. Aber man muss auch zugeben, dass dieser Besucherzuwachs natürlich auch mit unserem gesamten, neu gestarteten Marketing zusammenhängt, als mein Mann und ich Pommery vor zehn Jahren gekauft haben. Wir haben versucht eine richtige Philosophie aus dem Hause Pommery zu entwickeln – die Kunst ist eine wesentliche Säule.