Die Erfindung des Bildes - Hamburg

Goldene Zeiten

In den Jahren 1300 bis 1500 wurden in Italien neue Darstellungsformen entwickelt. Künstler wie Fra Filippo Lippi und sein Schüler Sandro Botticelli gingen von der Malerei auf Goldgrund zu perspektivischen Landschaftsdarstellungen über. Ihre Heiligenbilder waren nicht mehr zeitlos, bekamen eine charakteristische Note und ebneten schließlich den Weg für die Hochrenaissance.

Rund 40 Werke der Frührenaissance aus der Zeit von 1290/1300 bis 1507/08 sind im Bucerius-Kunst-Forum chronologisch auf zwei Stockwerke verteilt. Es sind fast ausschließlich Heiligendarstellungen zu sehen, oft Teile von Diptychen oder Altar-Retabeln (Schauwände auf einem Altar). Die "Thronende Madonna" ist das in dieser Zeit am häufigsten dargestellte Motiv, aber auch ohne Herrschaftsattribute ist die Heilige Mutter oft vertreten. So erwartet den Besucher gleich beim Eintreten eine "Madonna mit Kind" (1467) von Liberale da Verona. Eine für diese Zeit ungewöhnlich emotionale Darstellung, bei der sich das Jesuskind um den Hals der Mutter schlingt und sich beide anschauen.

Das Motiv ist noch auf goldenem Grund gemalt, die ersten Worte der Verkündigung, "Ave gratia plena, Dominus tecum", sind ihrem Heiligenschein eingeprägt. Der Goldgrund bedeutete bis nach 1400 die überirdische Sphäre, sie ist daher im Spätmittelalter aus keiner biblischen Darstellung wegzudenken. So glänzen Tafeln wie Fra Angelicos Darstellung des "Heiligen Bernhard von Clairvaux (oder Heiligen Benedikt)" (um 1440) und Sano di Pietros "Mariä Himmelfahrt" (1448/52) im Bucerius Kunst Forum um die Wette. Der Prunk des Letzteren ist wohl auch auf den Bestimmungsort, eine Predella (Altar-Unterbau) in der Kapelle des Rathaus von Siena, zurück zu führen. Umgeben von Engeln steigt Maria hier gen Himmel, die landschaftliche Umgebung ist auf einen minimalen Streifen am unteren Bildrand gekürzt. Der Einsatz von Gold misst sich an der Heiligkeit der Protagonisten.

Umso überraschender ist Michele di Michele Ciampantis "Anbetung der Könige" von 1470/80: Eine riesige Landschaft entfaltet sich so weit, dass vom Horizont nur noch ein schmaler blauer Streifen übrig bleibt. Links die heilige Familie mit den drei Königen vor einem Gebäude, rechts das große Gefolge der morgenländischen Botschafter, was sich perspektivisch bis zum Bildrand verkleinert. Ein Weg schlängelt sich durch die grüne Landschaft, auf dem vereinzelte Reiter die Nachhut bilden. Üppige Bäume mit reifen, gelb-goldenen Früchten schaffen einen Wiedererkennungswert, auffällig goldene Akzente setzen lediglich die Heiligenscheine und der wegweisende Stern. Der Künstler bediente sich fast aller neuen Verfahren, die bei der "Erfindung des Bildes" so wichtig sind: Er erzählt eine biblische Geschichte, dabei weicht der Goldgrund einer landschaftlichen Umgebung mit tiefer Räumlichkeit zur besseren Nachvollziehbarkeit der langen königlichen Reise. Alles ist bewegt, weniger statisch als die Heiligendarstellungen in der Umgebung des Ausstellungsraumes.

Aufgetürmte Landschaften

Im zweiten Raum erwartet den Besucher eine farbliche Explosion durch Luca Signorellis und Girolamo Gengas "Szenen aus der Passion Christi" von 1507/08, dem spätesten Werk der Ausstellung. Mit großer Genauigkeit stellten die Künstler die Geißelung Christi dar, ins Auge sticht hier die anatomische Plastizität der Körper. Diese wurde durch genaue Studien antiker Statuen oder anatomischer Werke möglich. Bei der Darstellung des Heiligen Hieronymus von Filippo Lippi (1450/60) türmte der Lehrer Botticellis hinter dem in kontemplativem Memento Mori versunkenen Hieronymus eine Felslandschaft auf. Er reiht sich damit in die Darstellungen des Heiligen als Eremiten ein, die besonders im 15. Jahrhundert immer beliebter wurden. Der heimliche Höhepunkt der Ausstellung ist eine "Madonna mit Kind" von Tiberio d'Assisi. Da es in der gesamten Präsentation durch andere Mariendarstellungen gute Vergleichsmöglichkeiten gibt, wird hier am ehesten die "Erfindung des Bildes" deutlich.

Modernes Italien

Um 1500 stattete der Künstler seine Heilige mit zeitgenössischer Kleidung und Frisur aus. Wäre da nicht der Hauch eines Nimbus in Form eines goldenen Reifes, so könnte es auch eine ganz alltägliche Italienerin sein. Tiberio vereint damit die damals neuesten Tendenzen der italienischen Malerei. Zentral im Raum und als offizieller Höhepunkt der Ausstellung angeordnet ist das "Bildnis einer Dame" (1475) von Botticelli. Schließlich war er der wichtigste Porträtist im Florenz des 15. Jahrhunderts. Allein Mantel, Palmzweig, Rad und Heiligenschein geben die Dame als Heilige Katharina von Alexandria zu erkennen. Bezeichnenderweise sind die Attribute nachträglich hinzugefügt worden. Das Werk markiert zwar einen großen Schritt weg vom mittelalterlichen Heiligenbild, wirkt aber gegen Tiberios Madonna etwas blass. Fast schon versteckt steht ein hinterer Teil des zweiten Raumes im Zeichen des Bernhard August von Lindenau (1779 bis 1854), des Gründers der im Bucerius-Forum gezeigten Sammlung. Mit 180 Werken vom 13. bis zum 16. Jahrhundert umfasst seine Sammlung die größte italienischer Bildtafeln nördlich der Alpen. In Hamburg sind einige weitere Stücke aus diesem Haus zu sehen, beispielsweise eine anonym gefertigte Venus-Statue oder griechisch-etruskische Keramiken. Genauere Kenntnis von der Person Lindenaus und seiner Sammlung in Altenburg erlangt der Besucher durch eine Dokumentation, die in einem externen Filmraum gezeigt wird.

Die Erfindung des Bildes

bis 8. Januar 2012
Bucerius Kunst Forum, Hamburg

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet. Unter anderem ist am 30. November der Chefredakteur der "Zeit", Giovanni di Lorenzo, zu Gast. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage des Museums.
http://www.buceriuskunstforum.de
info@buceriuskunstforum.de

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