Cynetart - Dresden

Die unreflektierten Ewiggestrigen

Das Cynetart-Festival hat seine Tore geöffnet und möchte modernisieren. Die computergenerierte Mensch-Maschine steht dabei im Vordergrund und Zielgruppe ist die virtuelle Generation. Die Absicht, das elitäre Selbstverständnis der Medienkunst in der Verknüpfung zwischen Physis und Virtualität zu bestätigen, scheint jedoch misslungen. Zunächst scheitert es an einem einfachen Kabel, dann an einer äußerst klassischen Wunderkammer und einer aus dem Takt geratenen Choreografie. Für art-Korrespondentin Susanne Altmann war daher nicht nur die Performance von Michael Höpfel eher eine "körperbetonte Trockenübung".

"Cynetart. International Festival of Computer Based Art" – das Dresdner Event für computerbasierte Kunst – feiert sein 15-jähriges Bestehen. Zeitgleich begeht der Veranstaltungsort, das legendäre Festspielhaus Hellerau, sein 100. Jubiläum. Grund genug für die Veranstalter der Cynetart, sich auf diese Tradition zu berufen und das eigene avantgardistische Selbstverständnis an der großen Vergangenheit des Hauses zu orientieren. Ein willkommener Zufall der Geschichte, möchte man meinen.

Zumal den kreativen Gründervätern des Festspielhauses Hellerau für ihre Reformideen einst viel Unverständnis entgegenschlug. Immerhin probten die Tanz- und Theaterpioniere um den Schweizer Eurhythmiker Emile Jaques-Dalcroze (1865 bis 1950) 1911 mit ihrer Aufführung von Christoph Willibald Glucks "Orpheus und Euridice" den Aufstand gegen die muffige Aufführungspraxis des späten 19. Jahrhunderts – mit einem revolutionären Bühnenraum, der auf die Trennung zwischen Akteuren, Orchester und Publikum verzichtete und einer ausgefeilten, ganzheitlichen Lichttechnik. An diese Neuerungen will die Cynetart erklärtermaßen geistig und konzeptionell anknüpfen.

Schon seit Jahren bemüht sich die hinter den Veranstaltern stehende Trans-Media-Akademie (TMA) um den künstlerischen und pädagogischen Spagat zwischen Körperbewusstsein und digitaler Technik. Immer wieder werden alljährlich Projekte vorgestellt, die physische Interaktion mit computergenerierten Programmen verbinden sollen. Der viel beklagte Abgrund zwischen virtueller und realer Existenz wird ambitioniert herausgefordert, die Nerds aus ihren Höhlen auf rechnergesteuerte Dancefloors oder in mit großen Splitscreens bestückte Kinosäle gelockt. An wen sich die Angebote richten, stellen die Festivalchefs Klaus Nicolai und Thomas Dumke ohne zu Zögern klar: "Die digitale Netzwelt bildet eine eigene Bewusstseinsform, ausgelöst von einem Umbruch, der rasant stattgefunden hat. Es geht um eine Generation, die mit dem PC aufgewachsen ist und damit sozialisiert wurde. Diese Szene verfügt über eine digitale Souveränität und ein völlig anderes Kommunikationsverhalten."

Zielgruppe ungeklärt

Das klingt einleuchtend. Heißt das aber auch, dass die Aktivitäten der Cynetart, der TMA und all ihrer Schwesternunternehmen, die sich unter anderem in dem Netzwerk ECAS (European Cities of Advanced Sound) zusammengefunden haben, für eine Klientel, die ohne Rechner im Kinderzimmer aufgezogen wurde, nicht mehr rezipierbar sind? Diese Frage mag hoffnungslos altmodisch klingen und lässt sich letztendlich nur nach dem Genuss der angebotenen Festivalbeiträge klären. Das Festivalpublikum, zumindest jenes des Eröffnungsabends lässt mit einem geschätzten Altersdurchschnitt von 40 plus keine Rückschlüsse auf solche Ausgrenzungsmechanismen zu. Nun zu den Kunstwerken: In einem Seitensaal des Festpielhauses stellt Michael Höpfel, Jahrgang 1971, sein Werk vor. Zur ersten Ausgabe des Festivals 1997, das damals noch "ComTech Art" hieß und am Rande einer Computermesse stattfand, gehörte Höpfel zu den Preisträgern. Seine Computergrafiken boten eine Synthese zwischen christlichen Ikonen auf Goldgrund und zweidimensionalen Avataren an. In seinem Vortrag will Höpfel nun erklären, was er in der Zwischenzeit gemacht hat – an Werkbeispielen. Die visuelle Präsentation scheitert daran, dass kein passendes Kabel für sein Laptop gefunden wird. Höpfels gesten- und kenntnisreicher Auftritt bleibt damit eine eher körperbetonte Trockenübung. Festivalziel erreicht!

Wenig digitale Wunderkammer

Noch erhellender wirkt seine ausgestellte aktuelle Werkgruppe "Paradise Creatures". In medizinischen Glasgefäßen schwimmen transparente Figürchen, die eher an eine Wunderkammer erinnern, als an Cyberspace – eine klassische skulpturale Installation, die auch durch am Rechner erzeugte Pseudotomografien nicht digitaler wirkt. Vor der Tür des Höpfel-Saals kreist dann eine Neonröhre über einem flachen Wasserbecken. Sie wird ganz deutlich von einem kleinen Elektromotor angetrieben. Bei diesem "Experiment Using Movement and Light to Define Space" (Markus Mai/Moritz Arnold) sucht man eine programmierte Überraschung vergebens. Die findet man dann bei Prokop Bartoniceks "Vibrator". Theatralisch liegt das überdimensionale Lustinstrument auf einem Kissen und brummt, mal mehr, mal weniger. Der Vibrator ist mit dem weltweit aktivsten Pornoserver verbunden und reagiert sensibel auf die dort anfallenden Klicks. Soviel computerbasierte Reflexion muss sein, wie plakativ sie auch immer ausfallen mag. Als Höhepunkt des Abends findet im großen Saal des Festpielhauses die Performance "Slump Dance – Körper im Raum der Bewegungskulturen" statt.

Traurige Rückversicherung

Festivaldirektor und Autor Nicolai bezeichnet sie auch vorsichtig als "Studie zur Wahrnehmung des Körperlichen" und als "Versuchsanordnung". Er bezieht sich auf die Hellerauer Bühnenexperimente des Szenographen Adolphe Appia (1862 bis 1928) und dessen Vorstellung, "dass der Raum lebendig wird, wenn ihn menschliche Körper betreten". Was für damalige Zeiten bahnbrechend war, klingt heute nach Allgemeinplatz. Die Aufführung "Slump Dance" fusioniert nun die physische Bühne mit einem virtuellen Raum. Sieben Tänzerinnen auf Podesten lösen mit ihren Bewegungen digital erzeugte Klänge sowie Lichter aus und lassen ihre Bewegungen wiederum von digitalen Impulsen triggern. Das Konzept könnte zu einer schlüssigen Choreographie führen. Doch leider hat man das Gefühl, dass das jede der Tänzerinnen für sich bleibt und ein Zusammenspiel weitgehend fehlt. Die Technik selbst scheint die Regie übernommen zu haben und das wirkt nach einigen Sequenzen vorhersehbar und monoton. Die Einspielung der berühmten Händel-Arie "Lascia ch'io pianga" funktioniert nicht als Kontrast, sondern fast wie eine traurige Rückversicherung an einer zeitlos magischen Hochkultur.

Verständnisbemühungen

Warum dieses Stück als Untermalung gewählt wurde, bleibt unklar – genausogut hätte man sich für Glucks Orpheus-Arie "Che faro senza Euridice" entscheiden können, die immerhin vor 100 Jahren genau hier von dem Team Dalcroze/Appia aufgeführt wurde. Als Symbol für den vielbeklagten Körper-Geist-Dualismus des Abendlandes, und als Bild für den Übertritt von realen in Vorstellungs- oder virtuelle Welten, hätte der Orpheus-Verweis sicher besser funktioniert. Doch dieser Einwand mag ignorante, rückwärtsgewandte Kleinkrämerei sein. Schließlich rügt Klaus Nicolai im Katalogheft all jene, die "in der Stadt (Dresden, S.A.) der Nano- und Genforschung, der Mikroelektronik immer noch nicht wahrnehmen können oder wollen", dass sich in letzten 15 Jahren "eine Art Welt-Kommunaliät" gebildet hat. Das ist sicher richtig, und auch der letzte digitale Normalverbraucher dürfte das schon bemerkt haben. Natürlich möchte man nicht zu diesen unreflektierten Ewiggestrigen gehören und müht sich redlich zu verstehen, wie sich diese Paradigmenwechsel konkret in den Festivalbeiträgen abzeichnen.

Ein wirklicher ästhetischer Mehrwert in puncto Medienkunst oder gar eine konstruktive Kritik neuer Kommunikationsformen bleibt jedoch aus. Inzwischen sind damals, vor 15 Jahren, gehypte Formen wie Computergrafik und Netzkunst fast völlig ausgestorben, und die technischen Mittel sind ausgefeilter. Es scheint, dass kluge, computerbasierte Kunst an ihren Inhalten gemessen wird und sich mit Selbstverständlichkeit in anderen Kulturkontexten wie Theater, Tanz, elektronischer Musik und bildender Kunst behaupten sollte. Das exklusive und grundlos elitäre Nischendasein von derartigen Veranstaltungsformaten mag zwar für Projektförderungen hilfreich sein, nützt aber wenig für einen demokratischen Zugang zu diesen Kunstformen.

Cynetart - International Festival of Computer Based Art

bis 26. November
http://t-m-a.de/cynetart/f2011