Paul McCarthy - New York / London

Geköpft im Märchenwald

Schneewittchen als Konsumgöttin, umringt von einer impotenten Zwergenschar, ein mit Populärgeschmeiß zugewucherte "Pig Island" oder ein lustvoller Seitenhieb gegen Ex-Präsident George Bush – Paul McCarthy provoziert mal wieder in New York und London, und witzelt über sich selbst als weißer Künstlerkönig.

Wenn Paul McCarthy und sein Clan ihren alternativen Planeten verlassen, den sie sich fernab vom Kunstgeschäft am Rande der Traumfabrik von Hollywood geschaffen haben, dann hat ihr Auftritt gern etwas von einer obszönen Großattacke. So stellte McCarthy in der New Yorker Zweigstelle seiner Galerie Hauser & Wirth auf der Upper East Side neue Bronze-Arbeiten vor, die das beliebte Saubermannthema des LA-Künstlers "Schneewittchen und die sieben Zwerge" in einen pechschwarzen Alptraum verwandelten. Und legte wenige Tage später in London mit gewaltigen Installationen nach.

2009 hatte der Künstler bei Hauser & Wirth in New York erste Kohlezeichnungen und Collagen ausgestellt, auf denen er die Geschichte eines lüsternen Schneewittchens und ihrer sexuell untauglichen Zwergenschar erzählte. Seine Zeichnungen garnierte er mit all dem erotisch aufgeladenen Bilder-Schrott, der durch die Medien auf uns einprasselt. McCarthys neue Skulpturen, die der Künstler dermaßen verunstaltet hat, dass nur noch abstrakte Figuren übrig bleiben, wirken in ihrer Schwärze ebenso klassisch-schön wie schmuddelig. Die jämmerlichen Zwerge scheinen – äußerst männlich – in den Krieg gezogen zu sein. Nasen und Münder der Helden gleichen Gewehrmündungen, die Zipfelmützen hängen wie schlaffe Genitalien an ihren Köpfen herab.

Materialien, die zum Fertigen der Gussformen benötigt werden, verteilen sich am Fuße der Skulpturen. Es wirkt, als ob die Zwerge durch ein schlammiges Schlachtfeld laufen, auf dem das ein oder andere Körperteil herumliegt. Schneewittchen, die per Computer aus Walnussholz geformt wurde, hebt eine Hand gen Himmel. In ihrer Pose erinnert die Figur an eine barocke Skulptur. Eine moderne Konsumgöttin, deren Abbild man in Amerikas Billigläden findet, um kleinen Mädchen den großen Disneytraum zu verkaufen. Schneewittchens Mund ist geöffnet. Ob es sich um eine lustvolle oder flehende Geste handelt, kann man bei McCarthy nie genau wissen. Auf jeden Fall endet der Inbegriff von weiblicher Reinheit geköpft im Märchenwald.

Eine bösartige Großinszenierung

Zwei zarte Märchenwald-Installationen auf rollbaren Ateliertischen sind der Auftakt zu Filmen, die McCarthy für die Zukunft geplant hat. Bei seiner Londoner Ausstellung lieferte der Künstler schon mal eine hollywoodreife, bösartige Großinszenierung. Dazu gehört das von George Bush, Angelina Jolie, Cowboys und Piraten bevölkerte, zugemüllte "Pig Island", die von 2003 bis 2010 in einem von McCarthys Ateliers zurecht wuchs sowie "Mad House Jr.", ein Würfel mit Fenstern, der sich wie bei einer Achterbahnfahrt dreht, während eine Kamera die Bewegungen aufzeichnet. Die Aufnahmen laufen im Inneren des Würfels und werden an die Wand projeziert, um den Betrachter orientierungslos aus der Bahn zu werfen. Oder die lustvolle Attacke gegen den obersten Saubermann des weißen Amerikas: Ex-Präsident George Bush und sein höllischer Zwilling machen sich in der maschinell betriebenen Skulptur "Train, Mechanical" über zwei Schweine her, während Bushs Blick gespenstisch durch den Raum schweift.

King McCarthy

In der Piccadilly-Zweigstelle von Hauser & Wirth baute McCarthy sein Meisterstück auf: Ein Holzgerüst mit Staffelei und Malerutensilien, das ein Künstler, der in der Vergangenheit im McCarthy-Team arbeitete, samt Porträts afroamerikanischer Männer im Atelier zurückgelassen hatte, verwandelte er in einen Thron. Auf die Konstruktion setzte McCarthy eine Skulptur von sich selbst. Sein entrückter König, der über die Galerienwelt zu herrschen scheint, ist nackt und trägt eine blonde Langhaarperücke. Es ist eine Parodie auf den von weißen Künstlern dominierten Kunstbetrieb, auf den Künstler in seiner Rolle als Weltstar, auf die Kirche, auf das konservative Wertesystem seines Landes. Und macht aus McCarthy eine Witzfigur, wie er es selbst so schön auf den Punkt brachte.

Paul McCarthy

bis 17. Dezember 2011, "The Dwarves, The Forests
", , Hauser & Wirth New York

bis 14. Januar 2012, "The King, The Island, The Train, The House, The Ship", Hauser & Wirth London, Savile Row und Hauser & Wirth London, Piccadilly
http://www.hauserwirth.com/