Günther Förg - Berlin

Keine Patina angesetzt

Diese Ausstellung ist seit mindestens zwei Jahren überfällig: Günther Förg zeigt in einer von ihm mit konzipierten Ausstellung bei Max Hetzler zweidimensionale Großformate aus den Jahren 1987 bis 2011 – abstrakte Bilder, Wandmalerei und Fotografie. Mit gewohnt gekonnter Lässigkeit besticht der international renommierte Münchner Akademieprofessor. Förg, der nicht zuletzt auf der Art Basel Miami Beach einen schönen Verkaufserfolg erzielte, wirkt im Rückblick der Berliner Galerie frecher denn je.

An diesen Eyecatcher der zeitgenössischen Kunst haben wir uns längst gewöhnt: Konzeptuell erdachte Farbwände hinterfangen einzelne Kunstwerke, sodass sich diese wechselseitig zu einer raumbezogenen Inszenierung steigern. Gerade auch auf Messen wie zuletzt der Art Basel Miami sieht man hier und da feierlich installative Gesamtensembles in der zweiten Dimension aus den üblichen puristisch weißen Kojen hervorstechen.

Als Günther Förg in den späten Achtzigern erstmals seine monochrome Malerei auf die Wand hin übertrug und zu gigantisch flächendeckendem Maß ausdehnte, war das in Zeiten der noch grassierenden figurativen Malerei der Jungen Wilden ein geradezu rebellischer Akt. Man könnte auch sagen, dass der 1952 geborene Künstler unter anderen das abstrakte Bild aus seiner autonomen Einsamkeit und deren behaupteten Heroik befreite. Denkbar lässig, um nicht zu sagen nachlässig, fällt auch der Pinselstrich aus, mit denen er das Ungegenständliche durchkonjugiert, ob er nun Gitter, Fenster, Flächen, pseudo-tachistische Flecken in das Bildgeviert setzt. Neben Gerhard Merz und Ulrich Horndash gehört Förg zu den betont anti-expressiv gestimmten Münchner Aufrührern, die einen gewissen repräsentativen Hang zur neoklassizistischen Architektur hatten. Seither ist einiges Wasser den Berg heruntergeflossen. Wer nun in der Berliner Galerie Hetzler die retrospektive Ausstellung Förgs besucht, erlebt ungeachtet vieler Déjà-Vu-Eindrücke das Oeuvre von 1987 bis 2011 wie durch einen frischen Filter.

Es ist eine generöse Ausstellung mit vielen schönheitshungrigen, auch durch eine große Spiegelfläche reflektierten Blickachsen, die selbst der manchmal etwas unbarmherzig wirkenden Hallenarchitektur bei Hetzler in Wedding spielerisch Herr wird. Man genießt die lakonische Malerei um so mehr, da Förg infolge einer Krankheit in den letzten beiden Jahren an keinen großformatigen Bildern mehr gearbeitet hat. Diese von ihm selbst entscheidend mit konzipierte Schau beweist nicht zuletzt, wie souverän er nach wie vor via Farbe selbst ganzen Lofts atmosphärisch ein anderes Raumklima verpassen kann. Förg teilte eine 21 Meter lange Wand vertikal in jeweils eine Hälfte Ochsenrot und Lichtblau, um darauf eine Bildsequenz seiner monumentalen Architekturfotografie zu setzen: Es handelt sich um Ansichten der unter Mussolini gebauten Città Universitaria in Rom, deren etwas heruntergekommenes Areal Förg 1990 nicht zuletzt wegen des modernen Gepräges ins Visier nahm, weil es repräsentativ für die rationalistische Fascho-Architektur Italiens steht. Der multidisziplinäre Münchner Akademieprofessor agiert bekanntlich nicht nur als Maler, sondern auch als Fotograf und Bildhauer.

Bei Hetzler verzichtet man allerdings auf Skulpturales. Das früheste hier ausgestellte Werk "Ika" von 1987, ein eng in den Rahmen gesetztes Frontalporträt von Förgs Frau Ika Huber, ist längst zu einer Ikone der Kunstgeschichte geworden. Gerade die auf Bleigrund changierenden Graumalereien von 1990 entwickeln im Längsformat mit Streifen eine charmante Noblesse (110 000 Euro). Der zeitliche Bogen der Tafelbilder schließt mit zwei gleichsam rotzig hingekrakelten Acrylmalereien von 2009. Auf der Art Basel Miami Beach konnte die Galerie übrigens Förgs Gemälde Untitled von 1992, eine in Weiss- und Grünzone aufgespaltetes Bild auf Blei, für 80 000 US-Dollar veräußern. Max Hetzler, gerade von der Messe zurückgekehrt, sagt, dass er diese Arbeit in Miami gleich mehrmals hätte verkaufen können. Die Preisentwicklung erfolgte in den letzten 25 Jahren mit raren Ausschlägen nach unten wie oben kontinuierlich. So ist Günther Förg längst ein Klassiker der Kunst geworden, ohne dass seine Bilder irgendeine Patina angesetzt hätten.

Günther Förg (1987–2011)

Galerie Max Hetzler, Berlin, bis 28. Januar 2012.

http://www.maxhetzler.com