Der Wald - Berlin/Schwäbisch-Hall

Grüne Ideologie

Der Wald war und ist mehr, als nur ein Erholungsgebiet. Er fordert in der heutigen Zeit (forst-)wirtschaftliches Umdenken und war seit jeher Symbol von Mythen. Die Kunst ist immer ein Spiegel dieses kulturellen Einflusses, entsprechende Werke gibt es in Berlin und Schwäbisch-Hall zu sehen.

Was den Wald betrifft, so kann man durchaus geteilter Meinung sein. Für den Kulturphilosophen Vilém Flusser (1920 bis 1991) etwa war er im Gegensatz zur Steppe der "Todfeind des Menschen", denn er "vereitelt alles vernünftige Jagen". Der Wald "zwingt die Nomaden, Gras statt Fleisch zu essen, dieses Gras zu pflanzen, zu ernten und zu kochen, kurz: seßhaft zu werden."

Mit der Sesshaftigkeit, das weiß man heute, haben viele Probleme der Menschheit begonnen. Dort, wo die grüne Ideologie im Mainstream nistet und der Wald nur noch als gut und nützlich gilt, hat es die kritische Waldphilosophie schwer. Deshalb gibt das 2011 von der UNO ausgerufene "Internationale Jahr der Wälder" Anlass zur Diskussion. In Deutschland, wo der Wald spätestens seit der Romantik als Mythenspeicher und Sehnsuchtsfantasie des städtischen Bürgertums herhalten muss, zielen gleich zwei Ausstellungen darauf, seine kulturelle Dimension zu überprüfen. Während in Berlin mit "Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald" im Deutschen Historischen Museum (DHM) ein kulturwissenschaftlicher Ansatz verfolgt wird, beschränkt man sich in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch-Hall mit "Waldeslust" auf immerhin 100 Baum- und Waldbilder der Sammlung Würth.

Von Alex Katz' Werk "Wiese 2" (2007), Max Beckmanns "Parkweg" (1943) über Frida Kahlos "Selbstbildnis mit Affen" (1943) bis hin zu Lucas Cranach d. Ä. "Adam und Eva" (1546) reicht die Ausstellung in Schwäbisch-Hall und dokumentiert so verschiedenste Umgangsformen mit dem Motiv des Waldes über mehrere Epochen. In der Hauptstadt wollen die Kuratoren des DHM anhand von über 450 Ausstellungsstücken nicht nur die Entstehung der moder­nen Forst- und Jagdwirtschaft nachzeichnen, sondern auch die unterschiedlichen Erzählformen zwischen "Ideal und Ideologie" herausarbeiten, mit denen der Wald hierzulande eng verbunden ist. Am Beispiel von Exponaten wie Walter Leistikows Ölgemälde "Abendstimmung am Schlachten­see" (um 1900), Anselm Kiefers "Hermannsschlacht" (1977) oder der Schnitzarbeit eines röhrenden Hirschs, welche die volkseigene Rhönkunstschnitzerei Empferts­hausen dem DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl 1959 zu dessen 65. Geburts­tag überreicht hatte und die sich heute in der Sammlung des DHM befindet, wird deutlich, dass der Wald immer auch ein kulturell überformter Bedeutungsträger war.

Welche untergründigen Beziehungen mögen wohl zwischen den Mitte der dreißiger Jahre durchgeführten "Kraft-durch-Freude"-Kampagnen ("Wandern mit Kraft durch Freude") und der Angst vor dem Wald­sterben existieren, das die Deutschen in den siebziger und achtziger Jahren umtrieb? Die Grundthese der durch das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz unterstützten Schau im Haus Unter den Linden lautet: "Unser Bild vom Wald ist eine von ästhetischen, gesellschaftlichen, nationalen und wirtschaft­lichen Wertmaßstäben geprägte Wald-Konstruktion." Es ist wahr: Wer in den Wald geht, ob ehrfürchtig oder kritisch, der landet buchstäblich in der Gesellschaft und ihrer Kultur.

Der Wald

Unter Bäumen. Die Deutschen und der Wald, bis 4. März, Berlin, Deutsches Historisches Museum, zur Ausstellung ist ein Katalog im Sandstein Verlag erschienen und kostet 25 Euro, im Buchhandel 38 Euro.

Waldeslust. Bäume und Wald in Bildern und Skulpturen der Sammlung Würth, bis 15. April 2012, Schwäbisch-Hall, zur Ausstellung ist ein Katalog im ist im Swiridoff Verlag erschienen und kostet 40 Euro.