Jahresrückblick 2011 - Kritikerumfrage

Der art-Jahresrückblick 2011

Praktischer Minimalismus, drastische Fotokunst und Pop Art aus Beirut sind gefragt, die Venedig-Biennale sorgt für Unmut und der Kölner Kunstfälscherprozess für die beste Performance. Wir haben internationale Kunstkritiker zum Kunstjahr 2011 befragt.

Unsere drei Fragen lauteten:

1. Welche Ausstellung des Jahres 2011 war für Sie die wichtigste und warum?

2. Welche Ausstellung des Jahres 2011 hat Sie am meisten enttäuscht oder geärgert und warum?

3. Welche Künstlerin bzw. welcher Künstler, deren/dessen Werk Sie 2011 erstmals begegnet sind, hat Sie am meisten interessiert?

Philippe Dagen, "Le Monde", Paris

1. Die Lyon-Biennale. Weil sie sich auf großenteils in Europa unbekannte Künstler aus Südamerika konzentrierte, hat sie uns die Augen für neue Horizonte geöffnet; weil sie die Grenzen überschritt zwischen "Volkskunst", "Art Brut" und renommierten Zeitgenossen und schließlich, weil sie mit großem Talent gehängt war. Kuratorin Victoria Noorthoorn hat für eine der besten Ausgaben der Lyon-Biennale überhaupt gesorgt und mit Sicherheit für die erfrischendste und innovativste Biennale dieses gesamten Jahres.

2. Im Gegensatz dazu war die enttäuschendste Ausstellung die Biennale von Venedig, vor allem der Teil im Arsenale: konfus, unzusammenhängend, ohne durchgehen­de Idee, ohne jede kritische Distanz zur künstlerischen Produktion von heute. Das gilt auch für den Internationalen Pavillon in den Giardini, mit Ausnahme einiger weniger interessanter Arbeiten inmitten der kommerziellen Banalität der anderen Teilnehmer.

3. Der libanesische Maler Ayman Baalbaki, für seine Porträts von Kämpfern im Stil des Neo-Pop und seine Ansichten zerstörter Häuser in Beirut. Eine persönliche, mutige Art, politische Kunst zu wagen und gleichzeitig westliche Stilmittel mit Fragen des Nahen Ostens zu koppeln, ohne deshalb in Karikatur oder Propaganda zu verfallen.

Samuel Herzog, "Neue Zürcher Zeitung"

1. Der Fotomonat in Krakau mit seinen Ausstellungen zu Künstlern, die von Schriftstellern erfunden wurden – ein Experiment, das gerade auch weil es nicht überall gelang, ein frisches Ausstellungserlebnis bescherte.

2. Die Ausstellung von Thomas Hirschhorn im Schweizer Pavillon auf der Biennale Venedig – wegen ihres völlig unkritischen Umgangs mit dem Material der Gegenwart und der Geschichte.

3. Der Niederländer Michel Huisman und seine plastischen Phantasmen (etwa sein bewohnbarer Fisch auf der
Biennale von Lyon). So viel melancholische Lust ist wunderbar.

Jörg Heiser, "Frieze", London

1. Susan Hiller hat vieles vorweg genommen, was heute bei Jüngeren zum Standardrepertoire gehört: das Aufspüren allgemeiner Gültigkeit im Obskuren; das produktive Zweckentfremden von (Para-)Wissenschaft und Alltagsfolklore. Die Ausstellung in der Londoner Tate Britain bestach durch einen ganzen Reigen großartiger Arbeiten, von der Videoinstallation "Psi-Girls" bis zur Bilderserie "Levitations". Bis 19. Februar in abgewandelter Form in der Kunsthalle Nürnberg zu bewundern.

2. Die Istanbul-Biennale: Es war eine wunderbare Ausgangsidee der beiden Kuratoren Adriano Pedrosa und Jens Hoffmann, das Œuvre eines einzelnen Künstlers – Félix González-Torres – zum Organisationsprinzip einer ganzen Biennale zu machen. Es gab tolle Einzelpositionen zu entdecken. Aber bei den Gruppenausstellungsparts wurde es erstaunlich platt und illustrativ.

3. Die Engländerin Helen Marten wendet das Prinzip "von Las Vegas lernen" – einst von Robert Venturi etabliert, um aus dem scheinbaren Schrott der Unterhaltungs- und Verkaufskultur etwas über Formprinzipien der Architektur zu lernen – auf gegenwärtige Verhältnisse an. Digital verschnittene dorische Säulen; chinesische Bambusgerüststangen aus Stahl als Sockenhalter; Systemabstürze als Slapstick. Souverän, mit ansteckendem Humor.

Kia Vahland, "Süddeutsche Zeitung", München

1. Die sich ständig ändernde Ausstellung im brasilianischen Inhotim-Museum nahe Belo Horizonte erscheint mir wegweisend: Zeitgenössische Kunst reagiert auf eine der größten Palmensammlungen der Welt, botanischer und ästhetischer Wildwuchs inspirieren einander, und statt auf immergleiche Plastiken von Jeff Koons trifft man auf Arbeiten von Cildo Mereiles und Hélio Oiticica, zwischen gepflanzten Erinnerungen an den Landschaftsplaner Roberto Burle Marx.

2. Die Orientalismus-Ausstellung in der Münchner Hypo-Kunsthalle malte noch einmal ein Bild vom Orient, wie ihn die Kolonialzeit sah – anstatt überholte rassistische und sexistische Klischees abzuschütteln und Künstler aus der Türkei und ihren Nachbarstaaten einzuladen.

3. Haegue Yang war bereits auf der Venedig-Biennale 2009 vertreten, aber erst in ihrer flirrenden Werkschau im Kunsthaus Bregenz mit einem ganzen Volk wahn­witziger Kleiderständer und einer Stadt aus Jalousien wurde sie zur Weltenschöpferin.

Niklas Maak, "Frankfurter Allgemeine Zeitung"

1. Donald Judd in der Pinakothek der Moderne in München. Wann ist etwas ein Regal, wann eine benutzbare Skulptur? Die Pinakothek der Moderne zeigte Möbel des Künstlers Donald Judd und warf grundlegende Fragen zum Verhältnis von Kunst und Design, Museum und Alltag, Kontemplation und Benutzung auf, die wie ein Schlüssel zu den Arbeiten aktueller Künstler wirkten – von Thomas Demands Nagelhaus-Projekt in Zürich über Cyprien Gaillards Bierpyramide bis zu Tobias Rehbergers Rauminstallationen, die als Café genutzt werden können.

2. Die Ausstellung der gefälschten Meisterwerke der "Sammlung Jägers" im Landeskriminalamt Berlin. Nicht die Ausstellung war der Skandal, sondern der Fall dahinter: Mindestens 53 Meisterwerke der Moderne, in Wirklichkeit wohl viel mehr, hat der Fälscher Wolfgang Beltracchi mit seinen Komplizen über Jahrzehnte in den Kunsthandel geschleust, kein Gutachter will etwas gemerkt, kein Auktio­nator einen Verdacht geschöpft haben. Neun der angeblichen Meisterwerke wurden im Landeskriminalamt gezeigt, und man staunte: Hat wirklich niemand etwas merken können? Der Fall legte offen, auf welche Weise in der Kunstmarktwelt Werte produziert und "Meisterwerke" gemacht werden – und ist bitter für all die seriö­sen Kunsthändler und Experten, deren Ruf gleich mit in Misskredit gebracht wurde.

3. Absalon, 1964 geboren als Meir Eshel in Israel, gestorben 1993 in Paris, war, wie sich erst jetzt zeigt, einer der wichtigsten Künstler seiner Generation. Er baute Miniaturhäuser, intime Wohnzellen in verschiedenen Städten auf, und selten wurde so deutlich sichtbar wie bei diesen Aktionen zwischen Skulptur und Performance, wie willkürlich die herrschende Idee vom Privaten und vom Öffentlichen ist.

Matthias Dusini, "Falter", Wien

1. Die Wiener Hardcore-Karnevalismus-Gruppe Gelatin verknüpfte in der Performance "Some Like It Hot" die Handwerkskunst des Gläserblasens mit der Ausdruckskunst des Rock 'n'Roll. In der von nationalen und kommerziellen Interessen gepräg­ten Nachbarschaft der Venedig-Biennale fiel dieses Auftragswerk des Kunstraums Thyssen-Bornemisza Art Contemporary in seiner kalkuliert brachialen Infantilität angenehm aus der Rolle.

2. "Weltraum. Die Kunst und ein Traum" in der Kunsthalle Wien war ein Lehrbeispiel für eine mit dem Google-Suchbefehl kuratierte Ausstellung. Ein populäres, zeitlos nichtssagendes Thema kann doch nur ein Publikumserfolg sein, so das zynische Kalkül dieses Ausstellungsformats. Wetten, dass es genügend Künstler gibt, die sich bereits einmal mit Meteoriten, der Schwerelosigkeit und transzendentaler Reiselust beschäftigt haben?

3. Die deutsche Künstlerin Lucie Stahl näht auf dem Scanner zusammen, was in der Ordnung der Dinge auseinanderstrebt: Badeschaum und Reisnudeln, Kameraobjektive und Textfetzen. Die mit Acrylharz übergossenen Collagen, deren Ikonografie sich durch darübergelegte Schlieren und Flecken auflöst, sind raffinierte Varia­n­ten des Themas Bilder über das Bild und Bilder nach dem Bild.

Hanno Rauterberg, "Die Zeit", Hamburg

1. Wunderbar reich, herrlich lakonisch die Hugo-Boss-Ausstellung von Hans-Peter Feldmann im Guggenheim Museum in New York – mit seinem Preisgeld, 100 000 einzelnen Dollar-Scheinen, ließ er die Wände tapezieren, von oben bis unten. Und es roch sogar nach Geld!

2. Da zeigen die Staatlichen Museen zu Berlin eine fulminante Ausstellung – "Die Gesichter der Renaissance" – und lassen sich vom Verein der Freunde der Nationalgalerie eine Werbekampagne verpassen, die aus der Kunst eine Realsatire macht, mit Udo Waltz und Wolfgang Joop in den Hauptrollen! Schlimmer geht’s nimmer, biederer auch nicht.

3. Ist Wolfgang Beltracchi überhaupt ein Künstler? Jedenfalls kann er malen, und wie kaum ein anderer versteht er sich auf die Kunst der Appropriation, auf Institutional Critique und auf Gerichtssaal-Performance, sehr zum Ärger vieler Händler und Sammler. Viele interessante Einsichten verdanken wir diesem Meister der Hidden Art, wenngleich er eben leider doch ein Betrüger und erst an zweiter Stelle ein Künstler ist. Deshalb mein Votum für: Han Hoogerbrugge.

Ariella Budick "Financial Times", New York

1. Obwohl ich Ryan Trecartins Ausstellung im MoMA "PS1" nicht genossen habe – eigentlich war sie mir sogar zuwider – stelle ich fest, dass sie mich immer noch verfolgt. Das Video-Bombardement aus grel­len, schnell geschnittenen Computeranimationen und hintergrün­di­gen Aphorismen, die von Piepsstimmen vorgetragen werden, ging mir unter die Haut. Im Zentrum von Trecartins oberflächlicher Sozialkritik steht eine dunkle Verzweiflung und eine Spur jenes virulenten Narzissmus, der so typisch für unsere Zeit ist. Sein Bild von der Welt als ein Ort, in dem Ruhm die einzige Währung und jeder jederzeit für seinen TV-Auftritt bereit ist, klang unheimlich wahr, auch wenn das durch das undurchsichtige Netz seiner Selbstachtung gefiltert wird. Seit der Ausstellung im letzten Sommer sehe ich die Leute so, wie Trecartin sie sieht: als wandelnde Ansammlungen ermüdender Affektiertheiten. Seine grelle Ersatzwirklichkeit hat auf die echte Welt abgefärbt und macht sie genauso abstoßend. Das ist eine wahre Leistung.

2. Eigentlich bin ich ein großer Fan von Massimiliano Gioni und war gespannt auf seine "Ostalgia"-Ausstellung im New Museum, eine verlockend klingende Übersichtsschau über die Kunst, die in den Ländern oder über die Länder entstand, die aus der Asche der früheren Sowjetunion entstanden sind. Das deutsche Wort „Ostalgie“ wurde erfunden, um das bittersüße Gefühl der Sehnsucht nach dem früheren Ostblock zu beschreiben. Gioni versuchte dieses Gefühl dunkler Wehmut mit einer Auswahl von Skulpturen, Malerei, Installationen und Videos einzufangen. Doch die Schau war ungewöhnlich diffus und inkohärent, vollgepackt mit klitschigem Konzeptualismus. Viele der Künstler in "Ostalgia" sehnen sich nach einer Zeit, bevor der Markt so viel Macht über ihre Kreativität besaß. Aber diese jungen Männer und Frauen schmachten nach einer Dringlichkeit, die aus der Unterdrückung geboren wurde. Und es hat etwas tief Ironisches, dass sie Starstatus in der Kunstszene suchen, indem sie ein Klagelied auf eine Welt anstimmen, in der der Einzelne regelmäßig gebrochen wurde.

3. Boris Mikhailov. Bevor ich seine Fotos in einer kleinen Ausstellung im MoMA sah, kannte ich den Künstler nicht. Mikhailov katalogisiert die "bomzhes", Obdachlose, die in seiner ukrainischen Heimatstadt Charkiw leben. Seine Subjekte erniedrigen sich vor der Kamera, raffen die Kleider hoch und lassen die Hosen runter, um eiternde Wunden und von Sucht, Irrsinn und Verzweiflung geschundene Körper zu entblößen. Ich empfinde ängstliche Ambivalenz gegenüber diesen starken, verstörend ausbeuterischen Bildern, die in ihrer großartigen Widerlichkeit die Erniedrigung beschönigen. Mikhailov lindert nicht das Leid der Leidenden oder feiert ihre Würde. Er vermarktet das Elend und kitzelt unseren inneren Voyeur. Manchmal wünschte ich, ich könnte diese Bilder aus meinem Kopf verbannen, aber sie haben sich in mein Bewusstsein eingebrannt.

Tim Sommer, "art – Das Kunstmagazin", Hamburg

1. Die "Gesichter der Renaissance" in Berlin: klug in der Beschränkung und Vertiefung, unglaublich reich an inneren Bezügen und Erkenntnissen. Ich konnte die Ausstellung (glücklicherweise ohne anzustehen ...) dreimal sehen – und habe sie jedesmal neu entdeckt.

2. Die Venedig-Biennale hatte kaum Höhepunkte in den Pavillons, die internationale Ausstellung von Bice Curiger war einfach richtig schlecht: zusammenhanglos, thesenfrei, beliebig.

3. Es gibt lakonische Gesten, die sind einfach großartig: Zum Beispiel ein Stück Mutterboden vom Grundstück der Eltern im armen Kosovo auf die Art Basel zu verfrachten und als Kunst anzubieten. Petrit Halilaj spielt ebenso elegant mit der wundersamen Wertvermehrung auf Messen, wie er ernst und schlau die Migration beackert. Und außerdem ist das Werk bildmächtig: Unter der Grasnarbe stecken Geschichte, Arbeit, Kultur, Leben – und viel Geheimnis.