Ray Johnson - Berlin

Behind Pop

Der als kauzig geltende Amerikaner trat nie in den Vordergrund, obwohl er sich mit den Größen der Sechziger- und Siebziger-Pop Art messen konnte. Seine hervorragende Ausbildung und sein künstlerischer Sinn für Popkultur hätten ihm eine große Karriere bescheren können. Warum Ray Johnsons (1927 bis 1995) selbst ernannte "Chop Art" trotzdem nie ganz zum Durchbruch kam, bleibt ungewiss. Die Berliner Galerie Aurel Scheibler widmet der verkannten Berühmtheit noch bis Ende März 2012 eine Ausstellung.

Es ist nicht bekannt, ob der Künstler Ray Johnson unter Zuschreibungen wie "New York's most famous unknown artist" litt. Fakt ist jedoch, dass Johnson stets im Schatten seiner berühmten Zeitgenossen und Künstlerfreunde wie James Rosenquist, Jasper Johns, Robert Rauschenberg, Cy Twombly oder Andy Warhol arbeitete.

Auch eine posthume Retrospektive 1999 am New Yorker Whitney Museum änderte wenig an seinem Geheimtipp-Statuts. Bis heute ist Johnsons Name nur einem kleinen Kreis von eingeschworenen Kennern geläufig. Und so hat die verdienstvolle Ausstellung mit seiner Mail Art aus den Sechzigern und Porträt-Collagen aus den siebziger, achtziger und neunziger Jahren, die gerade in der Berliner Galerie von Aurel Scheibler präsentiert wird, nicht nur etwas Spezielles. Vielleicht sehen so eben kleine Wiedergutmachungen aus, schließlich gibt die Schau Gelegenheit, einen der frühen amerikanischen Pop-Avantgardisten in der Hauptstadt zu entdecken. Die Ausstellung belegt die Gnadenlosigkeit des Betriebs, in dem nicht nur Begabung und Fleiß zählen, sondern auch Momentum und eine gewisse Geschmeidigkeit, Beziehungen und Marktmechanismen für das eigene Fortkommen zu nutzen.

Kunst als Kommunikationsspiel

Die kleinteiligen Collagen, die in der Galerie an der Charlottenstraße zu sehen sind, machen schnell klar, warum Johnson oft mit den großen Avantgarde-Meistern der Collage, Max Ernst oder Kurt Schwitters, verglichen wird. In den gräulichen und bräunlichen Kleinformaten schieben sich die Ebenen kunstvoll ineinander, tauchen Wörter und Silhouetten auf, entstehen neue Zusammenhänge durch bildnerische und schriftliche Mehrdeutigkeiten. Als Betrachter versinkt man förmlich in einer Welt von Anspielungen auf Personen und Symbolen, wirklich zu begreifen ist nur die Hälfte. Offensichtlich versah der Künstler seine Werke gern mit genauen Anweisungen für den Empfänger, die seine Auffassung von Kunst als großes Kommunikationsspiel deutlich macht: "Dear Barbara Haskell, please send this Drawing of a Puck to Tom Armstrong; to present to Paul Cummings; then to David Hockney." (Untitled (To Tom Armstrong, To Paul Cummings), 1977.

In einem undatierten Warhol-Porträt wächst ein steifer Penis, der auch einer Schlange ähnelt, aus einer Brillo-Box empor. Eine Anspielung auf Warhols Sexleben? Die Pop Art als Sündenfall der Kunst? Ein platter Witz über den Großkünstler und das Marketing-Genie? Die Interpretationsmöglichkeiten sind endlos. Ray Johnson hatte das Zeug, ein Star zu werden. Er machte progressive Kunst, war am richtigen Ort und kannte die richtigen Leute. Warum er es trotzdem nicht wurde, gehört zu den Rätseln der jüngsten Kunstgeschichte. Bevor er 1948 nach New York zog, hatte der Künstler drei Jahre am renommierten Black Montain College in North Carolina studiert. Mit seinem gesamtheitlichen Ansatz und Dozenten wie John Cage, Josef Albers und Merce Cunningham gilt die bis 1957 existierende Schule heute als die amerikanische Version des Bauhaus.

Gegen den Strom

Anfangs malte Johnson abstrakt, doch schon Mitte der fünfziger Jahre, als der amerikanische Kunstmarkt noch fest in der Hand der abstrakten Expressionisten war, begann der 1927 in Detroit geborene Künstler sich in Collagen und Übermalungen an der aufkommenden Popkultur abzuarbeiten. Zu seinen berühmtesten Bildern aus dieser Zeit zählt ein Elvis-Porträt von 1956, das den King als blutweinende Pop-Ikone zeigt oder das im darauffolgenden Jahr entstandene James-Dean-Porträt. Johnson klebte links und rechts von Deans Gesicht zwei Lucky-Strike-Scheibe Mickey-Mouse-Ohren. Manchen Leuten gilt Johnson wegen seiner Zeitgeist-Sensibilität gegenüber der Massenkultur und seinem Experimentierwillen als Mit-Erfinder der Pop Art, der später freilich aufgrund seiner Eigenwilligkeiten nie die höheren Weihen des Marktes erfuhr. Das lag auch an Widerspenstigkeit des Künstlers selbst, der wohlmeinende Bescheidwisser gerne mit den Worten abbürstete, er mache keine Pop Art, sondern "Chop Art". Die Distanz gegenüber den Gesetzen des Kunstmarkts wollte oder konnte er nie abschütteln.

Als Pop Art Anfang der Sechziger schließlich kanonisch wurde, war Johnson mit Performances beschäftigt, die er zwar "nothings" nannte, bei denen es aber immer um etwas ging. Gemeinsam mit der befreundeten Performancekünstlerin Dorothy Podber machte er die Straßen von Manhattan unsicher. Podber ging 1964 vor allem wegen eines Happenings in die Geschichte ein, als sie in Warhols Factory einen Schuss auf einen Stapel Marilyn-Siebdrucke abfeuerte und so die "The Shot Marilyns" produzierte: Warhol erteilte ihr dennoch Hausverbot. Seine Collagen brachte Johnson da schon als Briefsendungen unter die Leute. Weil er ungern in Galerien ausstellte, aber dennoch Präsenz in der New Yorker Kunstszene zeigte, blieb es vielen Leuten bis zuletzt schleierhaft, was der Künstler eigentlich genau machte. Als Mail- Art-Aktivist der "New York Correspondance School" spannte er in den Sechzigern und Siebzigern ein Netz von Korrespondenzen, die in einer Art diskreter Öffentlichkeit stattfanden.

Das Kauzige zieht sich durch Johnsons gesamtes Künstlerleben, bis hin zu seinem mysteriösen Tod im Januar 1995, als man seine im Wasser treibende Leiche in der kleinen Bucht von Sag Harbor auf Long Island fand. Bis heute lässt sich von diesem Künstler viel lernen – etwa wie man mit Sammlern verfährt, die fortwährend die Preise drücken. In der 2002 veröffentlichten Filmdokumentation "How to draw a Bunny" erinnert sich sein Freund und Kollege, der holländische Künstler Peter Schuyff, an solch eine typische Johnson-Lektion. Schuyff wollte Johnson eine seiner kreisrunden Andy Warhol-Porträt-Collagen abkaufen und feilschte um den Preis. Johnson verlangte 2000 Dollar, Schuyff bot ihm 1500, was Johnson scheinbar akzeptierte. Scheinbar. Denn als das Bild bei Schuyff schließlich eingetroffen war, fehlte exakt ein Viertel: Johnson hatte das Äquivalent von 500 Dollar einfach aus seiner Collage herausgeschnitten

Ray Johnson

bis 31. März 2012

Galerie Aurel Scheibler, Charlottenstraße 2, Berlin
http://www.aurelscheibler.com/exhibitions/ray-johnson-1321052400

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