21 / 11 / 2008
Kunst und Islam
Klischees auf dem Prüfstand
KUNST UND ISLAM
1. Es gibt überhaupt keine Kunst aus islamischen Ländern
Falsch. Die Zeit, wo Künstler aus den arabischsprachigen Ländern seltene Exoten auf den bedeutenden Kunstfestivals waren, nähert sich dem Ende. Seit Mitte der neunziger Jahre haben sich in diversen Ländern des Vorderen Orients und Nordafrikas lebendige Kunstszenen entwickelt, die langsam auch ihren Niederschlag in den Künstlerlisten der Biennalen und der westlichen Galerien finden.
Istanbul an der geografischen Bruchstelle zwischen Okzident und Orient spielt hier eine Sonderrolle, nicht zuletzt wegen der Istanbul-Biennale, die seit 1987 als schneller Brüter für türkische Kunstkarrieren gewirkt hat. Aber auch andere chaotische Metropolen des Nahen Ostens wie Kairo, Teheran oder Beirut inspirieren ihre Intellektuellen und Sonderlinge zur Kunstarbeit. Sogar in dogmatischen Diktaturen wie Saudi-Arabien gibt es zeitgenössische Künstler. Allerdings setzen die politischen, sozialen und religiösen Rahmenbedingungen in den meisten Ländern zwischen Maghreb und Makresch der Kunst engere Grenzen als im Westen. Freie Kunst ist hier ein Roulette mit komplizierteren Spielregeln.
2. Es gibt islamische Kunst, aber die ist folkloristisch und staatstauglich
Richtig. Wie westliche Länder auch besitzen die Staaten des islamischen Kulturraums Künstler, die sich lieber im Rahmen gesicherter Traditionen und kommerzieller Argumente bewegen. Die Versteigerungen von "Arab and Iranian Contemporary Art", die Christie’s für die reichen Scheichs in Dubai veranstaltet, bietet einen repräsentativen Querschnitt dieser Szene, die bis vor zehn Jahren dominierend war. Entweder werden westliche Kunstepochen seit dem Impressionismus kopiert oder dekoratives Kunsthandwerk im Stile islamischer Abstraktion betrieben. Dass diese Künstler so lange das Bild der arabischen Gegenwartskunst prägen konnten, hat seine Ursache im staatlichen Protektionismus. In den meisten arabischen Staaten wird Künstlerförderung, Ausstellungspolitik und die Ausrichtung der Akademien von politischen Interessen gelenkt, weshalb es dort eine relativ scharfe Trennung von offizieller und zeitgenössischer Kunst gibt. Freie Kunst entwickelt sich als Subkultur in Privatinitiative und hat häufig stärkere Verbindungen zum internationalen Kunstmarkt als zu nationalen Institutionen. Staatskunst, kommerzielle Kalligrafie oder arabische Als-ob-Malerei bleiben dagegen einträgliche nationale Stagnationsphänomene.
3. Frauen haben keine Chance, in islamischen Ländern als Künstlerinnen zu arbeiten
Falsch. Dort, wo sich zeitgenössische Kunst entwickeln kann, sind Frauen mindestens so intensiv daran beteiligt wie Männer – sei es mit Kopftuch in Teheran oder ohne in Kairo. Yto Barrada aus Marokko, Amal Kenawy aus Ägypten, Emily Jacir aus Palästina oder die Libanesin Randa Mirza sind prominente Beispiele für international erfolgreiche Künstlerinnen. Die ägyptische Videokünstlerin Hala Elkoussy antwortet deswegen auf die Frage, ob sie weibliche Unterdrückung in der islamischen Welt zum Thema ihrer Kunst macht: "Künstler sind keine Sozialarbeiter, das ist in der 'islamischen Welt' nicht anders als im Westen. Aber wie jeder Künstler mache ich Arbeiten, die sich auf meine Erfahrungen beziehen, und da ich nie als Frau unterdrückt wurde, gibt es hier nichts für mich zu diskutieren." Völlig anders sieht das in einem Land wie Afghanistan aus. Lida Abdul, die Videoprojekte in Kabuls Ruinen inszeniert, beschreibt ihre Erfahrungen so: "Ich bin als Künstlerin mit zahllosen Problemen konfrontiert. Ich bekam Morddrohungen während ich ein Video drehte und habe unglaubliche Probleme mit der Bürokratie. Um es kurz zu sagen: Frauen werden in Afghanistan nicht für voll genommen."
4. Das islamische Bilderverbot lässt nur abstrakte Kunst zu
Falsch. Bereits in den Jahrhunderten, als es noch eine "Islamische Kunst" gab, die sich in ihrer Formensprache deutlich von westlicher Kunst scheiden ließ, entsprach die Behauptung, figürliche Darstellung sei den Moslems verboten, nicht der Wahrheit. Sie war in den Moscheen nicht erlaubt, in der weltlichen Kunst aber immer präsent, auch, wenn sie nie den Realismus anstrebte, den die christliche Malerei erreicht hat. In der zeitgenössischen arabischen und persischen Kunst, die formal nicht von westlicher Kunst zu unterscheiden ist, steht der Mensch sogar deutlich mehr im Vordergrund als im westlichen Schaffen. Als relativ junge Bewegung und konfrontiert mit politischen und sozialen Spannungen ist die westliche Neigung zu Minimalismus oder ästhetischer Perfektion bei diesen Künstlern nicht vordringlich. Anders verhält es sich bei einigen der Künstler mit Wurzeln im islamischen Kulturraum, die im Westen leben. Saâdane Afif, Runa Islam oder die in Berlin arbeitende Iranerin Nairy Baghramian sind Beispiele erfolgreicher Künstler, die sich allein mit der Zeichen- und Kunstgeschichte, der Philsophie und Popkultur ihrer neuen Heimatsphäre beschäftigen oder nur noch ironisch mit ihrer Herkunft umgehen wie der Algerienfranzose Adel Abdessemed, der sich an die Decke werfen lässt, um dort "Allah" hinzuschreiben.
5. Wer internationale Kunst in islamischen Ländern machen will, muss ins westliche Ausland gehen
Richtig. Die neue Ära der arabischen Kunst begann in London, Paris und New York. Shirin Neshat, Mona Hatoum, Walid Raad, Kader Attia, Mounir Fatmi oder Y.Z. Kami, Künstler, die heute internationale Stars sind, verdanken ihren Erfolg der Diaspora. Repressive Regime und gewalttätige Konflikte in ihren Heimatländern sowie das Desinteresse westlicher Kunstagenten für die orientalische Subkultur verlegten Mitte der Neunziger die Eingangstore zur arabischen Kunstwelt in westliche Metropolen. Auch heute noch verbleiben die Kunstszenen dieser Länder ohne die Nabelschnur des globalen Kunstbetriebs im Embryonalstadium. Trotz Internet und Satellitenfernsehen entwickelt sich international konkurrenzfähige Kunst im arabischen Raum vor allem dort, wo Künstler reisen und internationale Kontakte pflegen können.
21 / 11 / 2008
2 Leserkommentare vorhanden
Stefanie
20:10
09 / 07 / 09 //
an-aus
Der den jeweiligen Antworten zugewiesene Wert in Form von Falsch oder Richtig erweckt den Anschein, der Autor erhebe Anspruch auf absolute Wahrheit. Ich finde diese Form der Vereinfachung recht unerträglich, unabhängig davon, dass einige Aussagen auch streitbar bzw. widerlegbar sind. So gibt es z. B. islamische Kunst, die nicht folkloristisch ist: ein bekannter Vertreter ist Hossein Zenderoudi. Und natürlich lässt das Bilderverbot nicht nur ausschließlich abstrakte Kunst zu (denn "malet nichts anderes als Bäume, Blumen und andere leblose Gegenstände"), aber eben doch nur eine begrenzte Motivauswahl. Dass es aus mannigfaltigen Bedürfnissen (auch und gerade der Herrschenden) permanent umgangen und auch von den verschiedenen Glaubensströmungen unterschiedlich gehandhabt wurde, ändert ja nichts an der Existenz eines solchen Gebotes (Du sollst Dir kein Bildnis machen...). Wie auch immer, es ist ein streitbares Thema, aber bitte ohne "Wahr" und "Falsch".
Gundog&Schneckenhaus
00:23
23 / 07 / 10 //
Phantastisch!
Was würde ich schon über islamische Kunst gewusst haben. hätte ich diesen wunderbaren Artikel nicht gelesen und einige der köstlichsten künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Islam gesehen? Und natürlich konsumiert die Leserschaft nicht nur, sie lässt ihren kritischen Blick über die Aufmachung des Informationsangebots schweifen. Dankbar bin ich für all die Dinge, die die vorgestellten Kunstwerke in meinem Verstand auslösen! Daher: vielen Dank für diese wunderbare Auseinandersetzung mit dem Nicht-Selbstverständlichen. \_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_\_ http://gundogg.blogspot.com/
