Kunst der Entschleunigung - Wolfsburg

Dehnung und Raffung der Zeit

Die großangelegte kunst- und kulturhistorisch untermauerte Schau bringt einen gesellschaftlichen Diskurs der Gegenwart ins Museum.

Wie soll man es nun finden, wenn ausgerechnet in der Autostadt Wolfsburg die Kunst der Entschleunigung ausgerufen wird? Weiß Museumsdirektor Markus Brüderlin etwas, das alle anderen noch nicht wissen? Steht das bundesweite Tempolimit 100 auf Autobahnen bevor? Wird das Öl bald so teuer, dass das Fliegen unbezahlbar wird? Legen orthodoxe Hacker demnächst das Internet lahm? Oder handelt es sich hier nur um einen Fall von Greenwashing, bei dem eine Institution auf der fortschrittsmüden Affektwelle mitsurfen möchte?

Mit der großangelegten, kunst- und kulturhistorisch untermauerten Themenausstellung, die 160 Arbeiten von 85 Künstlern umfasst, will Brüderlin einen gesellschaftlichen Diskurs der Gegenwart in das Kunstmuseum bringen. Von Adolph Menzels Fahrradskizzen vom Ende des 19. Jahrhunderts über Vertreter der geschwindigkeitstrunkenen futuristischen Avantgarde hin zu Roman Opalkas Autoporträts oder Douglas Gordons Geduldsprobe "24 Hour Psycho" (1993) wird das Spiel von Verlangsamung und Beschleunigung, von Dehnung und Raffung der Zeit in der Kunst durch die Jahrhunderte anschaulich vorgeführt. Mit einer dialektisch angelegten Ausstellungsarchitektur soll das Nachdenken ermöglicht werden: Die rasende Kunst ist entlang eines geschwungenen Parcours zu betrachten, unterbrochen von Kammern, in denen die gemächlicheren Werke gezeigt werden. So ermöglicht das Museum "Reflexionszeit", die, so Brüderlin "in unserer Gesellschaft zunehmend fehlt". Fast rührend ist es, wie man in Wolfsburg die Idee des Museums als intellektuellen Freiraum zur Kontemplation zelebriert.

Wenn diese Qualität betont wird – spätestens dann weiß man aber auch, dass es eben dieser Ideal-Ort längst nicht mehr ist. Ins Grübeln kommt man aber schon. Etwa bei einem Exkurs über die Sexualisierung der Medien und Suchtgefahren des Internets, der Arbeiten von Francesco Clemente, David Salle, Nobuyoshi Araki, Cecily Brown sowie eine südindische Bronzestatue der Hindugöttin Parvati aus dem 15. Jahrhundert zusammenführt. Was kann eine Hindugöttin schon über die heutige "Youporn"- und "Facebook"-Generation wissen? Hier wurde das zeitdiagnostische Gaspedal der kuratorischen Thesenmaschine eindeutig einmal zu sehr durchgetreten.

Die Kunst der Entschleunigung

bis 9. April 2012, Wolfsburg, Kunstmuseum

Der Katalog erscheint im Verlag Hatje Cantz und kostet im Museum 39 Euro, im Buchhandel 49,80 Euro

http://www.kunstmuseum-wolfsburg.de/