Haitianischer Vodou - Interview

Vodou – Kunst und Kult aus Haiti

Lebensgroße Figuren, ganze Altäre und faszinierende Kunst­objekte zeichnen ein Bild der Vodou-Religion mit ihren afrikanischen, christlichen und indianischen Elementen. Im Mittelpunkt der Ausstellung "Vodou – Kunst und Kult aus Haiti" im Bremer Übersee-Museum steht der Bizango, eine Vodou-Geheimgesellschaft. Die Direktorin des Museums, Wiebke Ahrndt, steht art im Interview Rede und Antwort.

Wie kommt Haitianischer Vodou ausgerechnet nach Bremen?

Die Schau ist Teil einer weltweiten Wanderausstellung und bei uns im Übersee-Museum zum letzten Mal in Europa zu sehen. Danach geht es weiter nach Ottawa in Kanada. Ich selbst hatte die Schau in Genf gesehen und war so extrem beeindruckt, dass ich sofort zugesagt habe, als ich gefragt wurde, ob wir sie auch zeigen würden.

Warum?

Weil die Götterfiguren einen so intensiven, expressiven Ausdruck haben, dem man sich kaum entziehen kann – man gerät in einen Bann, den man so schnell nicht vergessen wird. Ich sehe ja sehr viele Ausstellungen, und diese ist definitiv eine der wenigen, die mir immer im Kopf geblieben ist.

Können Sie diese Faszination erklären?

Es handelt sich um religiöse Kunst, die uns eine fremde Welt erschließt. Heiligenfiguren aus Kirchen kennt ja fast jeder, aber in der Vodou-Ausstellung steht man plötzlich zwischen lebensgroßen Götterfiguren, die alle eine sehr starke Ausstrahlung haben. Jede einzelne hat einen ganz eigenen Gesichtsausdruck, der auf den Betrachter wirkt, ihm Rätsel aufgibt. Die Figuren kommen aus einer anderen uns vollkommen fremden Religion und Welt, die man nicht ohne weiteres versteht. Das hat vielleicht erst mal mehr mit Gefühl als Verstand zu tun, denn die Figuren strahlen etwas aus, was jenseits unserer Vorstellungskraft liegt. Das macht neugierig und man möchte mehr darüber erfahren.

Wie macht die Ausstellung diese fremde Welt zugänglich?

Ein Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit dem Vodou, der für den Großteil der Haitianer ihre vertraute Religion ist. Da beschäftigen wir uns mit den einzelnen Gottheiten, wofür sie stehen, was sie für Attribute haben und was für ein Weltbild mit ihnen verbunden ist. Außerdem werden religiöse Riten und Gebräuche beschrieben und erklärt. Wir haben zwei vollständige Altäre, die wohlwollenden Gottheiten gewidmet sind – so wie sie der ganz normale Haitianer in seinen Zeremonien verehrt. Außerdem zeigen wir Tempelausstattung wie Trommeln, Flaggen und Götterfiguren

Können Sie diese Religion in Grundzügen beschreiben?

Wir haben es mit einer Religion zu tun, die eine Vielzahl von Göttern ihr Eigen nennt. Es gibt einen höchsten Gott, der "Bon Dieu" genannt wird. Da er aber unerreichbar weit entfernt ist, spielt er im religiösen Alltag keine Rolle. Unter ihm befinden sich göttliche Wesen, die so genannten "Lois", man sagt, es seien 401. Die sind in ihrem Wesen sehr menschlich mit individuellem Charakter, Attributen und einem bestimmten Wohnort – und sie haben besondere Vorlieben bei ihren Opfergaben. Die Liebesgöttin beispielsweise hat ein absolutes Faible für Schmuck, Parfüm und Rosé Champagner. Andere Götter bevorzugen andere Getränke oder verlangen ein vollkommen abstinentes Leben ohne Alkohol und Zigaretten. Das ist sehr unterschiedlich. Aber es sind immer die Menschen, die die Götter versorgen und befriedigen müssen. Im Gegenzug bieten die Lois den Menschen Hilfe im Lebensalltag. Das ist vergleichbar mit der katholischen Fürbitte an die Heiligen, die sich ja auch oft auf sehr alltagsbezogene Probleme richtet, wie Ehekrisen oder Prüfungsangst. Das ist im Vodou sehr ähnlich, nur dass die Lois einen Schritt weiter gehen, indem sie aktiv mit dem Gläubigen in Austausch treten und mit ihm sprechen.

Wie muss man sich das genau vorstellen?

In den Zeremonien geraten Teilnehmer in Trancezustände. Das ist das, was uns beim Vodou befremdlich oder exotisch erscheint. Wenn das geschieht, macht der Teil der Seele, der für den individuellen Charakter und den Willen zuständig ist, Platz für den Geist der Gottheit. Alles, was der Mensch dann sagt, ist in Wahrheit die Stimme des Geistes. Dann können alle Anwesenden dem Loi ihr Leid klagen und um Rat bitten – zum Beispiel: "Was soll ich bloß machen? Meine Ehe geht in die Brüche" oder "Mein Kind wird kriminell". Und dann gibt es eine Antwort. Das ist ein ganz direkter Dialog. Dem können die Leute dann folgen oder sie lassen es bleiben – das ist ihre ganz persönliche Entscheidung. Das Ganze fußt auf der Vorstellung, dass die Lois mehr wissen als die Menschen, deren Dasein als beschränkt verstanden wird. Um besonders guten Rat zu bekommen, müssen die Götter mit Taten und Gaben milde gestimmt werden – ein Geben und Nehmen!

Sie zeigen eine ganz besondere Form des Haitianischen Vodou – den Bizango. Was genau ist das?

Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich der Geheimgesellschaft des Bizango. Die haitianischen Diktatoren François Duvalier und sein Sohn Jean-Claude Duvalier, genannt Papa Doc und Baby Doc, haben die haitianische Bevölkerung mit Hilfe der Bizango-Geheimgesellschaft traktiert. Es gab eine Geheimpolizei, die Regimekritiker eliminiert und die Gesellschaft drangsaliert hat. Einige Mitglieder der Geheimpolizei waren Bizango-Vodou-Priester, die eine Mischung aus real-physischem Terror ausgeübt haben, indem sie massiv religiöse Ängste schürten. Das war die dunkelste Zeit Haitis von der Wahl Papa Docs 1957 bis zum Sturz Baby Docs 1986. Die Sammlerin Marianne Lehmann konnte ab 1990 den ersten vollständigen Bizango-Altar und auch eine fast vollständige Armee erwerben. Nach dem Ende der Diktatur war Bizango verrufen, und die meisten Verkäufe der Tempel fanden aus wirtschaftlicher Not statt.

Können Sie etwas über die Sammlerin sagen?

Marianne Lehmann ist Schweizerin aus dem Berner Oberland und lebt mit fast 80 Jahren immer noch in Haiti. Als junges Mädchen ist sie nach Lausanne gegangen, hat dann dort einen Haitianer kennengelernt und ist mit ihm in den späten fünfziger Jahren nach Haiti gegangen. Dort hat sie mehrere Kinder bekommen und am Schweizer Konsulat gearbeitet. In den achtziger Jahren wurden ihr zum ersten Mal Vodou-Stücke angeboten, da sie Antiquitäten sammelte. In Haiti spricht sich schnell herum, wenn Europäer bereit sind, Geld für Kunst auszugeben. Es handelte sich um eine Götterfigur, bei der Marianne Lehmann allerdings erstmal zögerte, da die Figur auf sie eine so durchdringende Wirkung hatte! Der Verkäufer sagte, wenn sie die Figur nicht nähme, würde er versuchen, sie in einem Hotel an einen Touristen zu verkaufen. Da sie um die Bedeutung des Vodou in Haiti wusste, wollte sie verhindern, dass Teile dieses kulturellen Erbes aufgrund wirtschaftlicher Not außer Landes geraten. Mittlerweile hat sie mehr als 3500 Objekte, ihr Haus ist voll, sie hat bereits eine Lagerhalle dazu gemietet. Die Verantwortung für die Sammlung hat eine Stiftung übernommen, deren Anliegen es ist, das kulturelle Erbe Haitis zu bewahren.

Wie haben Marianne Lehmann und ihre Sammlung das schwere Erdbeben vom 12. Januar 2010 überstanden?

Ihr Privathaus hat das Beben ganz gut überstanden – nur kleinere Schäden. Das Lager wurde stärker getroffen. Da muss dringend noch etwas geschehen. Die Sammlung steht mittlerweile auf der Roten Liste der gefährdeten Kulturgüter der UNESCO. Die wirtschaftliche Not und das Erdbeben hatten und haben auch fast zwei Jahre später noch verheerende Auswirkungen. Die haitianische Gesellschaft hat derzeit so viele Probleme, dass sie droht ihre Wurzeln zu verlieren. Die Stiftung arbeitet daran, das zu verhindern.

Gibt es Überlegungen, der Sammlung ein Museum zu errichten?

Oh ja! In Genf wurde ebenfalls eine Stiftung gegründet, die das Geld der Ausstellungstournee verwaltet. Wenn es sich durch Verzinsung vermehrt hat, soll in der Hauptstadt Port-au-Prince ein Kulturzentrum gebaut werden, das die Sammlung beherbergt und auch der Rolle des Vodou als Religion gerecht wird. Die haitianische Stiftung ist bereits auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück. Das Erdbeben hat den Prozess leider sehr weit wieder zurückgeworfen, denn natürlich hat sich die Immobiliensituation total verändert.

Können wir auch noch einmal auf das Klischee des Vodou kommen, das viele im Kopf haben, wenn sie das Wort hören? Beschäftigt sich die Ausstellung auch damit?

Wir thematisieren das tatsächlich! Der Ausstellung ist ein Bereich zum Vodou-Klischee vorangestellt, um die Besucher genau da abzuholen. Es gibt da ja die wüstesten Vorstellungen: Nadelpuppen, Zombies, Zauberei, schwarze Magie und das alles ganz furchtbar blutig! Dem gehen wir auf den Grund. Denn diese Vorstellungen sind entstanden, als Haiti das erste Mal von den USA besetzt wurde. Da kamen plötzlich in Büchern und Filmen diese sehr schrägen Vodou-Bilder auf – bis hin zu dem James-Bond-Film "Live and Let Die" von 1973. Da gab es eine ganze Reihe von Vodou-Gruselschockern. Die Nadelpuppen haben ihren Ursprung in Westafrika. Allerdings sind diese Puppen dort nicht die stellvertretend für einen Menschen gemarterte Objekte, sondern so etwas wie Kraftzentren. Das ist eine ganz andere Vorstellungswelt. Puppen, in die man Nadeln sticht, damit jemand anders Bauchkrämpfe bekommt, gibt es nicht. Aber die Vorstellung des Zombies gibt es in Haiti tatsächlich – allerdings nicht als blutrünstige Monster. Wenn ein Mensch stirbt, bleibt der Teil seiner Seele, der den Willen ausmacht, noch eine Weile in der Nähe des Körpers. In der christlichen Welt gibt es ja auch den Gedanken, dass die Seele noch 24 Stunden im Raum bleibt, weshalb viele auch 24 Stunden Totenwache halten. Andere machen ein Fenster auf, damit die Seele den Weg nach draußen findet. Im Vodou glaubt man, dass die Seele noch sieben Tage in der Nähe des Toten bleibt. Wenn sich dann jemand – ein Hexer zum Beispiel – der Seele und des Körpers bemächtigt, kann er den Leichnam zum Untoten erwecken und als seinen Sklaven halten. Das ist eine Vorstellung, die sicherlich auf die Erlebnisse der Sklaverei zurückgeht, in der viele Menschen ihres Willens beraubt wurden und auf Gedeih und Verderb tun mussten, was jemand anderes befahl. Diese Angst ist tief in den Haitianern verwurzelt. Genau damit haben die Bizango-Priester während der Schreckensherrschaft der Duvaliers gearbeitet: "Wenn Du nicht so machst, wie ich will, mache ich aus Dir einen Zombie." Und es gibt die Vorstellung, dass man mit bestimmten Giften einen Menschen in eine Art Wachkoma versetzen kann. Die Vorstellung, dass es Menschen gibt, die mit Hilfe schwarzer Magie so etwas anderen Menschen zu ihrem eigenen Vorteil antun, ist extrem präsent unter der haitianischen Bevölkerung. Auch das thematisieren wir in der Ausstellung.

Übersee-Museum, Bremen

bis 29. April, Öffnungszeiten: Di - Fr 9 - 18 Uhr, Sa, So 10 - 18 Uhr

Ein reich bebilderter Katalog zur Ausstellung ist im Museumsshop für 19,80 € erhältlich
http://www.uebersee-museum.de/