Thank you for the music - Helsinki

Eine Hommage an die Musik

Der weltbekannte ABBA-Song "Thank you for the music" ist namensgebend für eine Ausstellung im Kiasma Museum of Contemporary Art in Helsinki. Mit dem Beinamen "How music moves us" sind hier Werke von Künstlern zusammengestellt, die sich selbst allesamt als Mitglieder der MTV-Generation bezeichnen – manche von ihnen sind mit Jahrgang 1962 allerdings weit älter, als der Musiksender selbst. 24 Kunstschaffende aus elf verschiedenen Ländern dokumentieren mit ihren Arbeiten, wie Musik und Musikvideos ihre Kunst und ihr Leben beeinflusst haben. Am Ende wird klar: Die Schau wird ihrem Namen mehr als gerecht.

Musik kann im sprichwörtlichen Sinne bewegen, ganze Jugendkulturen hervorbringen oder soziale Netzwerke schaffen. Menschen werden zu Anhängern gewisser Idole und Gruppen, zu Fans mit Leib und Seele. Unter den kreativen Musikliebhabern ist beispielsweise der Engländer Graham Dolphin, der mit seinen ungewöhnlichen Exponaten auf das Thema der Fan-Leidenschaft eingeht.

Die zeigt sich oftmals erst nach Ableben des Idols: Wie einsame Zeugen stehen seine Repliken in einem kargen, weißgetünchen Raum des Kiasma-Museums. Der Besucher kann darin "Bench" (2010) umrunden, eine Bank aus dem Viretta Park in Seattle. Dieser befindet sich in der Nähe der ehemaligen Wohnstätte des toten Nirvana-Sängers Kurt Cobain. "Bench" ist über und über mit Widmungen seiner Anhänger beschriftet. In die Wand eingelassen ist "Door" (2010), die Tür von Freddy Mercurys Haus, ebenfalls mit anteilnehmenden Sprüchen versehen. Es handelt sich bei den Exponaten nicht um Eins-zu-eins-Kopien, kommen den Originalen jedoch sehr nahe. Sie repräsentieren die große Gemeinschaft der trauernden Fans umso eindrücklicher, da sie in einem ansonsten leeren Raum stehen.

Ironisierende Kritik

Fröhlicher geht es in der Videoinstallation "Cheerleader" (2006) der Polin Katarzyrna Kozyra zu. Es gehört zu dem Werkprojekt "In art dreams come true", das sie immer wieder ergänzt und in dem sie die weibliche Darstellung in kommerziellen Musikvideos analysiert. In ihrem Video von 2006 spielt sie selbst alle Hauptrollen, zeigt sich mit knallroter Perücke und rot-weißem Cheerleader-Outfit, und bewegt sich, als Mann oder Frau, mit einer Laufsteg-Präsentation durch den Herren-Umkleideraum einer Sportmannschaft. Manche der Figuren sind aus ihren älteren Videos bekannt. Zu hören gibt es den Song "What you're waiting for" der Pop-Sängerin Gwen Stefani. Allerdings nicht das Original, sondern eine nachvertonte Variante der Künstlerin, das bedeutet: Stefanis Song läuft im Hintergrund und Kozyra trällert mit. Mit der bewusst unbeholfenen Nachvertonung und der übertriebenen Präsentation spielt sie auf die Darstellung des – vor allem weiblichen – Körpers in Pop-Videos an. Die ironisierende Kritik an Idealtypen in Musikclips ist ein immer wiederkehrendes Thema in der zeitgenössischen Kunst, dem sich auch die Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist widmet.

Ich wäre so gerne ...

In den Clips, die in Helsinki zu sehen sind, arbeitet Rist mit dem Effekt der visuellen Verwischung und auditiven Verzerrung. Sie performed vor der Kamera selbst Lieder, doch entweder vergisst sie den Text wie in "You called me Jacky" (1990) oder sie verzerrt "Wicked Game" von Chris Isaak mit schriller Stimme wie in "I'm a Victim of this song" (1995). Neben einer weiteren filmischen Performance der Finnin Anneli Nygren, die mit "In Love with a Rockstar" (1982) eine Videobotschaft in Gedichtform an einen unerreichbaren – aber auch unbenannten – Star richtet und damit die Allgemeingültigkeit so mancher Teenager-Schwärmerei deutlich macht, erwarten den Besucher im gleichen Raum drei großformatige Fotografien. Die Berliner Fotografin Candice Breitz hebt in ihrer "Monument"-Serie von 2007 Fans bestimmter Musiker auf ein Podest und ordnet sie wie auf einem Schulabschlussfoto oder historischen Familienporträts an. Die Werke Breitz' zeigen, wie Menschen verkleidet oder mit Fanartikeln ausgestattet eine Identität entwickeln, ihre Stars imitieren und gleichzeitig eine Gemeinschaft bilden. In Helsinki treffen die Welten von ABBA-, Britney-Spears- und Marilyn-Manson-Fans aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Pop meets Metal

Die neueren Medien der Fotografie und Videokunst mögen besser in das Thema der Ausstellung passen, schließlich trägt sie den (Song-)Titel einer Band aus den Siebzigern, dennoch kommen die bildende Kunst und auch das Kunsthandwerk nicht zu kurz. Die Dänin Rose Eken fertigte mit viel Liebe fürs Detail Miniaturen von Instrumenten und technischem Zubehör. Im Kiasma begegnet man unter anderem ihre "KISS Me Deadly"-Kollektion von 2008. Eine Zusammenstellung von 16 Gitarren, die die Rock-Band Kiss im Laufe ihrer Karriere gespielt hat. Rauha Mäkila aus Finnland hingegen konzentriert sich mit ihren Acryl- und Ölbildern auf das pulsierende Gefühl von Musik. Sie porträtiert Stars und Sternchen wie M.I.A. oder Lady Gaga sowie modisch gekleidete Personen, die tanzen und posieren. Sie transportiert mit ihren quietschend bunten Gemälden die einfache Botschaft: "That's Pop!" Es lässt sich bei Betrachten der Ausstellungsstücke nicht leugnen, dass in nordischen Ländern die Rock- und Heavy-Metal-Musik einen anderen Stellenwert hat, als in südlicheren Gefilden. Neben Mäkilas Pop-Gemälden steht Terhi Ylimäinens Malerei für die "dunkle Seite" der Musik, was allerdings nicht bedeutet, dass sie weniger energiegeladen ist.

Musik ist Kunst

Ihre schwarz-weißen Ölgemälde zeigen einen dunkel gekleideten Mann, der sich mit offensichtlicher Leidenschaft dem Heavy Metal hingibt. Er reckt die Arme und lässt seine langen Haare hin und her fliegen. Ylimäinen hat ihr Hobby zum Beruf gemacht und fotografiert seit geraumer Zeit diverse Musikgruppen dieses Genres für kommerzielle Zwecke. Mit Eduardo Balanzas raumgreifender Installation wird im Kiasma schließlich der Bogen zum Ausstellungstitel aus der Disco-Zeit geschlagen. Seit dem das Internet Musik für jeden auf einfachste Weise erreichbar macht, gibt es die Diskussion über Klangqualität von Download-Songs aus dem Netz. Viele schwören auf diese Art des Musikgenusses, da er schnell verfügbar und platzsparend ist. Andere halten dagegen, dass eine CD damit nicht zu vergleichben sei. In den letzten Jahren ist auch die Schallplatte wieder im Kommen und erobert sich die Ladentheken zurück. Balanza beschäftigte sich mit der Disco-Kultur und macht mit dem Namen des Werks seinen Standpunkt klar: "The record is not over yet".

Thank you for the Music

bis 17. Juni 2011, Kiasma - Museum of Contemporary Art, Helsinki
http://www.kiasma.fi/calendar/thank-you-for-the-music

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