Martin Zet - Interview

Nicht endendes Bemühen

Die Kunstaktion "Deutschland schafft es ab" des tschechischen Künstlers Martin Zet für die 7. Berlin Biennale stieß in den letzten Wochen auf harsche Kritik. Er versucht, möglichst viele Exemplare von Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" zu sammeln, um diese zu einer künstlerischen Installation zu verarbeiten. Mehr als 1,3 Millionen Exemplare des Buches, das anti-migrantische Tendenzen fördert, wurden verkauft. art sprach mit dem Künstler über seine Sicht auf die Entwicklungen, seine inhaltliche Intention und die Recycling-Pläne nach der Ausstellung.
"Deutschland schafft es ab":Interview mit Martin Zet

Martin Zet: "Passage", Ansicht seiner Buch-Installation für die 3. Prag Biennale, 2007, Foto aus dem Archiv des Künstlers

Wie viele Bücher wurden bisher abgegeben?

Um den aktuellen Stand kurz zu nennen: Heute steht es 3:1. Am Dienstag, 31. Januar, erreichte der erste Koran die KW (Institute for Contemporary Art in Berlin) per Post, ohne den Namen des Absenders, aber mit der Anmerkung:
"Deutschland schafft es ab!!! Nicht vergessen bei der Aktion!!!!" Doch ich möchte diesen Spendern versichern, dass – falls jemals der Koran oder ein anderes heiliges Buch irgendeiner Religion in meiner Installation während der 7. Berlin Biennale verwendet werden sollte – auch diese Bücher sehr vorsichtig und respektvoll behandelt und ausgestellt werden.

Es wurde viel über ihr Projekt geschrieben, wie sah ihr ursprünglicher Plan für die Aktion und die Installation bezüglich Thilo Sarrazins Buch aus?

Auf heftige Reaktionen hatte ich gehofft. Das sind die Triebkräfte dieser Arbeit.

Während Sie das Konzept der Aktion planten, haben Sie nicht an die kritische Assoziation mit der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten 1933 gedacht?

Offensichtlich ist es für Sie einfacher über vergangene Probleme zu reden, als über die aktuelle Situation.

Die nationalsozialistische Vergangenheit ist ein sensibles Thema in der deutschen Gesellschaft. Was war Ihre Intention, die Aktion trotz der möglichen Kritik der Form durchzuführen?

Interessant, Sie fragen – wie alle – nach der problematischen Form, bisher hat sich niemand wirklich für den Inhalt interessiert.

Ja, Sie haben Recht, die Kritik der Form überschattet den Inhalt. Also was war Ihre inhaltliche Absicht der Aktion?

Wir alle haben die angeborene Angst vor dem Anderen – eine Basis dafür, hochmütig gegenüber Leuten zu sein, die in schlechteren Bedingungen leben als wir, eine Basis dafür Rassist zu werden. Dieser vorherigen Festlegung nicht zu folgen, ist harte Arbeit. Man muss den Verstand, emotionale Intelligenz und Empathie einsetzen, – und ich weiß nicht, was sonst alles noch – um zu versuchen, diese zu überwinden. Einige Leute sagen, dass es ein kontinuierliches, nicht endendes Bemühen ist. Diese Anstrengung ist der Inhalt meiner Aktion.

Wie bewerten Sie den Rückzug einiger Institutionen als Sammelpunkte, nachdem die Aktion immense Kritik in den Medien erhielt, dass die Institutionen zunächst teilnehmen wollten und dann ausstiegen?

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen und mich bei Ihnen für Ihre Beteiligung bedanken. Ich möchte auch denjenigen danken, die sich weiterhin beteiligen. Ich weiß, es war nicht leicht.

Aber waren Sie nicht enttäuscht über diese Rücktritte?

Nein, ich war überrascht, dass so viele weiter mitmachen und sich sogar einige neue anschlossen.

Hatten Sie keine Angst, dass die Aufmerksamkeit der Medien eine neue Möglichkeit für Sarrazin darstellen könnte, sich zu inszenieren?

Er schlägt sich ziemlich gut, mit mir oder ohne mich.

Denken Sie nicht, die Diskussion sollte viel mehr über den verachtenswerten Inhalt des Buches Sarrazins geführt werden, anstatt über die angebliche Vernichtung?

Die Diskussion sollte über die Tendenzen geführt werden, die dieses Buch in der Gesellschaft legitimiert und fördert. Und darüber, warum Herr Sarrazin überhaupt gefragt wurde, solch ein Buch zu schreiben.

Haben Sie in der Zwischenzeit entschieden, was mit den Büchern nach der Installation während der Biennale passieren soll?

Ich bekomme viele Vorschläge, und ich möchte die Leute dazu animieren, sich mit ihren Fantasien einzubringen. Was stellen Sie sich vor?

Vielleicht könnten Sie danach einen Raum schaffen, in dem sich Leute mit dem Inhalt des Buches kritisch auseinandersetzen können. Eine Plattform für Diskussionen über die gefährlichen Tendenzen, die Sarrazin fördert.

Danke für den interessanten Vorschlag.

Was erhoffen Sie sich für die weitere Entwicklung ihres Projektes und damit für das politische Konzept der 7. Berlin Biennale von Artur Zmijewski?

Ich hoffe Artur Zmijewski und die KW werden mich bei den weiteren Schritten, die ich als ausschlaggebend für die Fortführung der Arbeit betrachte, unterstützen.

Aber was erhoffen Sie sich für die weitere Diskussion über ihre Arbeit?

Ich würde mich freuen, wenn mein Projekt dazu führt, dass die Diskussion über ernsthaftere Themen als über meine Arbeit geführt wird.

Denken Sie, Sie werden die Installation realisieren können?

Es liegt in Euren Händen.

7. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

27. April bis 1. Juli 2012, KW Institute for Contemporary Art, Kunst-Werke Berlin e. V.


Als Sammelpunkte neu angeschlossen haben sich beispielsweise DOCK 11 (Prenzlauer Berg), GRIPS Theater (Berlin-Mitte) sowie der Kunstverein Leipzig
http://www.berlinbiennale.de./