Sarah Lucas - London

Überall Brüste

Auf der Vernissage von "Miss Jumbo Savaloy" saß Sarah Lucas fast den gesamten Abend lang bequem in einem eiförmigen Sessel, der nur auf den ersten Blick dem berühmten "Egg Chair" (1956) des dänischen Designers Arne Jacobsen gleicht: Das von der Decke hängende Sitzmöbel "Mum Mum" ist die jüngste Arbeit von Lucas und besteht aus ausgestopften Nylonstrümpfen, deren Enden sich zu Brüsten formen. Darin schaukelte sie hin und her, freundlich Fragen beantwortend.

Brüste überall in dem neuen Projektraum "Situation" bei Sadie Coles. "Nice Tits" (2011) ist ebenfalls eine neue Strumpfskulptur, ein Ball aus Brüsten, eingebaut ein Stiefelpaar. An der Wand eine neue Tapete, die auf die fotografische Arbeit "Prière de Toucher" (2000) zurückgeht – Lucas' Brustwarzen lugen aus zwei in ein grobes T-Shirt geschnittenen Löchern heraus. Und das Brustmotiv setzt sich in dem aus Strümpfen genähten Teddybär "Tit Teddy" (2011) fort, der es sich auf einem Sofa bequem gemacht hat.

"Es war Sadies Idee", sagt die Künstlerin über das Zustandekommen ihres Projektraums, der sich etwas von der rohen Energie einer guten Produzentengalerie bewahrt hat. Passend zu ihrer noch immer ungehobelten Kunst, die den Betrachter direkt anspringt. Wie eine neue, noch titellose Videoarbeit, die ihren Lebensgefährten Julian Simmons zeigt, wie er auf seinen nackten Oberkörper geschnallte künstliche Brüste zärtlich streichelt. Ebenso ohne Titel ist das auf ältere Arbeiten zurückgehende gerupfte und ausgenommene Huhn, das gemeinsam mit zwei Spiegeleiern von einem Kleiderbügel hängt. Brüste und Vagina, auch heute noch das zentrale Vokabular der Künstlerin.

Dass Künstler ihre eigenen Ausstellungen machen, ist nicht neu. Die Young British Artists (YBA) lancierten Ende der achtziger Jahre mit selbst-kuratierten Ausstellungen wie Frieze und Modern Medicine am Markt vorbei ihre Karrieren, Sarah Lucas war von Anfang an dabei. Tracey Emin eröffnete gar ein eigenes Mini-Museum in der Nähe des Bahnhofs Waterloo und betrieb gemeinsam mit Lucas vorübergehend einen Laden im East End, wo sie Selbstgebasteltes billig verscherbelten. Der neue Raum, so will es die Galeristin, soll den Geist dieser frechen Unternehmungen ins 21. Jahrhundert hinüberretten.

Viermal im Jahr soll Sarah Lucas also den Raum im ersten Stock bespielen, mit eigens dafür geschaffenen Arbeiten und solchen, die für ungewöhnliche Ausstellungsorte entstanden, sowie älteren Werken, die nur selten zu sehen sind. Außerdem sucht sie die Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Künstlern, Namen waren noch nicht in Erfahrung zu bringen. Doch schon jetzt hat "Situation" frischen Wind in Londons oft zu geleckte Galerieszene gebracht.

Sarah Lucas: Miss Jumbo Savaloy

bis 19. Mai, Situation, Sadie Coles HQ, London
http://www.sadiecoles.com

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