Städel-Museum - Erweiterungsbau

Die Macht zu begeistern

Der Erweiterungsbau des Frankfurter Städel-Museums, der im Herbst 2009 begonnen wurde, ist seit dem 25. Februar auch für Besucher geöffnet. Die neue Ausstellungshalle liegt unter der Erde des Städel-Gartens und wird von oben durch kreisrunde Bullaugen mit Licht durchflutet. art-Korrespondentin Sandra Danicke hat sich die Sammlungspräsentation der Gegenwartskunst im Neubau schon vorab näher angeschaut.
Jetzt auch Gegenwartskunst:Eröffnung des Städel-Erweiterungsbaus

Unterirdischer Schatz: Außenansicht des Erweiterungsbaus im Garten des Städel

Als man endlich unten im Neubau steht, ist man gleich überfordert. Gerade noch hatte man sich im " Alten Foyer" über die etwas unglückliche Präsentation einer dreiteiligen Blow-up-Fotografie von Katharina Sieverding gewundert – das Werk prangt mitten auf einer Wand füllenden Spiegelfolie von John M. Armleder – und schon im nächsten Moment fühlt man sich regelrecht überrumpelt. Und beglückt. Und irritiert. Und herausgefordert. Alles gleichzeitig.

So ungewohnt mutet die Vielfalt und Unterschiedlichkeit jener Werke an, die sich bereits beim ersten flüchtigen Blick durch die zentrale Halle darbieten, dass man den Eindruck gewinnt, all die Skulpturen, Bilder und Objekte, deren Entstehungszeit immerhin mehr als ein halbes Jahrhundert umfasst, hätten sich dreist in den Vordergrund gedrängt. Als solle der Besucher auf Anhieb verstehen, welch gewaltigen Reichtum die Gartenhallen mit ihren Kabinetten, Straßen und Plätzen beherbergen. Als solle er ohne Umschweife direkt hineingezogen werden in all die großen und kleinen Räume voller Geschichten, Konfrontationen, Konstellationen.

Gewöhnungsbedürftige Dialoge

Das Erste, was man wahrnimmt ist womöglich der etwas fragwürdige Dialog einer gigantischen Bronzeskulptur des von den Nazis 1943 ermordeten Otto Freundlich mit einer ebenso riesenhaften Leinwand der 1964 geborenen Corinne Wasmuht – ein Bild, bei dem man lange nicht weiß, ob es nun eigentlich figürlich oder abstrakt ist. Dann ist da noch diese amorphe, beharrlich tropfende Skulptur von Tobias Rehberger (Jahrgang 1966), die auf ein ornamentales Gemälde von Ernst Wilhelm Nay (1902 bis 1968) trifft – gewöhnungsbedürftig. Nach und nach schleicht sich jedoch die Erkenntnis ein, dass das augenscheinliche Durcheinander durchaus einen Sinn ergibt, eine sich aus formalen Fragestellungen ergebende Ordnung hat, die sich freilich recht unbekümmert über Zeiten, Stile und Geografien hinweg setzt. Da hängt dann schon mal eine abstrakte Fotoarbeit von Wolfgang Tillmans in der Abteilung Informel. Oder Daniel Richters übergroß auf Leinwand gebannte "Horde" mit Schlagstöcken degradiert Hermann Nitschs Schüttbilder zu Ergebnissen einer Straßenschlacht.

Martin Engler, Sammlungsleiter für die Kunst der Gegenwart, war es augenscheinlich wichtig zu zeigen, dass bestimmte Themen und Formfragen sich durch die gesamte Kunst der Gegenwart ziehen, wobei Gegenwart hier recht weit gefasst wird. Fragen der Abstraktion beispielsweise, die sich Künstler bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts gestellt haben, treiben noch heute Künstler wie Imi Knoebel, Carsten Nicolai oder Michael Riedel um, wenngleich der jeweilige Hintergrund und Gehalt ein ganz anderer sein mag.

Große Entdeckungen

Gleich an den Anfang der Präsentation gestellt ist daher eine Reihe von Arbeiten des deutschen Konstruktivisten Hermann Glöckner, der sich bereits seit den vierziger Jahren mit Faltungen beschäftigt hat. Seine Papptafeln, auf denen gefaltete Seidenpapierstreifen einen bei aller Reduktion höchst poetischen Bildraum öffnen, gehören zu den großen Entdeckungen im neuen Städel-Bau, der freilich vor Neuerwerbungen (darunter zahlreiche Schenkungen und Dauerleihgaben) nur so strotzt. Die Frage, wie es gelingen kann, eine so hochwertige Sammlung in nur vier Jahren an Land zu ziehen, steht ohnehin permanent im Raum.

Eine andere Frage, nämlich jene nach der Substanz und Nachhaltigkeit einer zeitgenössischen Sammlung, schwebt gleich am Eingang rechts wie ein Damoklesschwert über der Halle: "Who will be in in '99"? hat Rosemarie Trockel einem großformatigen Strickbild eingeschrieben, das mit einem schwarzen Kreuz ein suprematistisches Werk Kasimir Malewitschs zitiert. Die Hängung im Städel freilich – über Eck unter der Decke, wie seinerzeit Malewitschs "Schwarzes Quadrat" – ist in Trockels Werk nicht angelegt. Das Bild "schwebt" direkt über einer Reihe geometrischer Abstraktionen von Günter Fruhtrunk, Victor Vasarely oder Georg Meistermann. Fast bekommt man den Eindruck, als würden deren Werke durch Trockel kommentiert und also auf unsensible Weise infrage gestellt. Darf man das? Es ist genau jene Frage und die Gedankengänge, die sie auslöst, die die Konfrontation letztlich lohnenswert macht.

Dauerhafter Wert

Was die Substanz und den dauerhaften Wert der Sammlung selbst angeht, dürfte das Städel sich keine großen Sorgen machen müssen. Allzu große Risiken ist man nicht eingegangen. Sieht man davon ab, dass Dierk Schmidts arg salopp gemalte, dafür politisch korrekte und prominent platzierte Folienbilder manch einem wie genau jene Modekunst vorkommt, vor der die Trockel-Arbeit zu warnen scheint, hat nahezu alles, was hier gezeigt wird Hand, Fuß und die Macht zu begeistern. Man findet stille, geradezu andächtig erscheinende Kabinette wie jenes mit Peter Roehrs "Schwarzen Tafeln" (1966) genauso wie regelrecht aggressiv anmutende Gegenüberstellungen, in denen sich die deutsch-deutschen Malerfürsten Baselitz, Immendorff, Penck und Lüpertz einen farbgewaltigen Schlagabtausch liefern.

Genial ist auch ein Raum zum Thema "Aneignung und Inszenierung" mit kleineren Fotoarbeiten von John Baldessari, Dan Graham, Cindy Sherman und Richard Prince – Werke, die fast alle aus der Sammlung der DZ-Bank stammen. Die größten Künstler der Aneignung und Inszenierung, so scheint es, sind aber wohl die Mitarbeiter des Städel Museums selbst.

Städel – Sammlungspräsentation Gegenwartskunst

geöffnet ab 25. Februar, Städel Museum, Frankfurt

25. und 26. Februar, Eintritt frei
http://www.staedelmuseum.de