Fukushima - Filmprojekt

Geister, die die Augen zumachen

Der durch ein Erdbeben ausgelöste Tsunami zerstörte vor einem Jahr, am 11. März 2011, das Atomkraftwerk nahe Fukushima, radioaktive Strahlung wurde freigesetzt. Fischer und el Sani erforschen mit ihrem Film die unscheinbaren Veränderungen im Alltag der japanischen Gesellschaft.

Welche Auswirkungen hat die Atomkatastrophe in Japan auf jeden Einzelnen und auf die Gesellschaft? Mit dieser Frage beschäftigen sich Nina Fischer und Maroan el Sani in ihrem aktuellen Filmprojekt. Ihr Fokus liegt dabei auf dem derzeitigen Ausnahmezustand des Landes, der sich sowohl in physischen als auch psychischen Auswirkungen zeigt.

Im Rahmen eines Stipendiums des Goethe Instituts in Kyoto waren die Berliner Künstler von September 2011 bis Januar 2012 in Japan; eine Zeit, in der eine erste große Reflexion nach dem Schockzustand stattfand, so die beiden.

Intensive Gespräche

Für ihre Filminstallation "Geister, die die Augen zumachen" haben Fischer und el Sani zahlreiche Gespräche mit Menschen aus unterschiedlichen Regionen geführt. Sie haben Flüchtlinge befragt, die aufgrund der Katastrophe ihr Zuhause zurück gelassen haben und momentan in temporären Notunterkünften leben. Sie haben Familien in Tokio interviewt, die sich schon daran gewöhnt haben, täglich mit einem Geigerzähler die Strahlung zu messen. Und sie haben mit Menschen gesprochen, die sich auf irgendeine Weise für die Thematisierung des Reaktorunglücks und gegen Atomkraft einsetzen; beispielsweise Schüler, Studenten und Rentner, die eine Volksabstimmung gegen Atomkraft organisieren. Fischer und el Sani wollten wissen, an welchen Orten es eine akute Strahlengefahr gibt, und was man noch unbedenklich essen kann. Sie fragten nach den Schlüssen, die die Menschen aus der Katastrophe ziehen und wie sie sich ihre Zukunft vorstellen.

Die Sperrzone um das havarierte Kraftwerk wurde nur mit einem Radius von 20 Kilometern festgelegt. Eine erhöhte Strahlung, die hoch über dem Grenzwert liegt, wird allerdings auch weit außerhalb dieses Gebiets gemessen. Doch je kleiner die Sperrzone definiert wird, desto weniger Entschädigungszahlungen fallen an. Im Dezember erklärte die Regierung offiziell das Ende der Katastrophe, berichten Fischer und el Sani. Ihre filmischen Eindrücke reichen von subtilen Veränderungen im Alltag bis hin zu akuter Bedrohung, die von der Regierung heruntergespielt wird. "Eine Möglichkeit besteht darin", erzählen die Künstler, die Gefahr "einfach zu ignorieren, daran halten sich viele."

Unsichtbare Gefahr

Drei unterschiedliche Bildkategorien haben Fischer und el Sani eingefangen: Neben den Interviews wird sich ihre drei Kanal-Video-Installation aus langen Sequenzen zusammensetzen, die Stimmungen und Situationen abbilden. Weiterhin wird es kurze Porträts aller Interviewten geben, in denen sie für eine Minute an die Zukunft denken, die für sie meist sehr ungewiss ist. Momentan befindet sich das Projekt in der Postproduktion, die Künstler werden die Videoinstallation voraussichtlich im April oder Mai fertig stellen.

Während ihrer viereinhalb Monate vor Ort zeigte sich für Fischer und el Sani schnell, dass die größten Veränderungen letztlich unsichtbar bleiben und nur durch die Erzählungen der Protagonisten für kurze Zeit Gestalt annehmen. "Die Verunsicherung ist groß, die unsichtbare Gefahr schwer einzuschätzen."

Nina Fischer & Maroan el Sani

Aktuelle Ausstellungen:


bis 29. April, "RE-cycle. Strategies for architecture, city and planet", MAXXI – The National Museum of XXI Century Arts, Rome

bis 22. April, Austin Museum of Art - Arthouse



Kommende Ausstellungen:


28. März bis 2. Mai, 12 x 12 IBB Videolounge, Berlinische Galerie - Museum of Modern Art, Berlin; 19. April, 19 Uhr Künstlergespräch

28. April bis 3. Juni, "La Zona", NGBK, Berlin
http://www.fischerelsani.net