Henri Matisse - Paris

Zurückschauen, um besser voranzukommen

Das Centre Pompidou untersucht die Methodik des französischen Malers in einer einzigartigen Ausstellung

Henri Matisse, der einzige Zeitgenosse, den Pablo Picasso nicht nur als Konkurrent akzeptierte, sondern ‘Meister’ nannte, war einer der größten Einzelgänger des 20. Jahrhunderts. In der Einsamkeit seiner Ateliers in Paris, Collioure, Nizza oder Vence war Matisse ein ewig Suchender, im Gegensatz zum Werbetexter in eigener Sache Picasso, der von sich selbst behauptete: "Ich suche nicht, ich finde."

Obwohl Gründungsmitglied der Fauves-Gruppe und regelmäßig mit Künstlerfreunden zu Malaufenthalten unterwegs, ist Matisse (1869 bis 1954), der französischste aller französischen Maler, immer eigene Wege gegangen und hat lebenslang der Sehnsucht nach der perfekten Form den Vorzug vor Inhalt und Motiv gegeben – eine radikale Form der l’art-pour-l’art, die ihm nicht nur Freunde gemacht hat.

Wie er im Atelier um das absolute "Dekorative", wie er es nannte, sowie um eine neue Schönheit des Malerischen kämpfte und immer wieder auf vorherige Stile und Konventionen zurückschaute, um noch radikaler voranzukommen, das versucht nun eine ambitionierte Ausstellung im Pariser Centre Pompidou zu darzustellen. Insgesamt 60 Gemälde und 30 Zeichnungen illustrieren einen wichtigen, nur selten untersuchten Aspekt der "Methode Matisse" – das Paar-Malen. Immer wieder und quer durch alle Werkphasen arbeitete Matisse, in Nordfrankreich geboren und nach anfänglichem Jurastudium über die Kunst nach Paris gekommen, gleichzeitig an zwei oder mehr Varianten desselben Motivs. Zwei oder manchmal sogar drei Ölgemälde mit identischem Format, oft auch identischer Komposition, aber unterschiedlicher Farbgebung, Gewichtung, Auflösung entstanden nebeneinander. Das Problem: Meist sollte nur eines von ihnen wirklich Kunstgeschichte schreiben. Das ist auch die Schwachstelle der Pariser Ausstellung – viel Studienstoff, wenig Meisterwerke.

Chronologisch gehängt, bilden zwei "Stillleben mit Orangen" aus dem Winter 1898/99, beide gemalt in Toulouse, den Auftakt. Das eine, heute im Besitz des Mildred Lane Kemper Museum im amerikanischen Saint Louis, zeigt eine hellere Palette, verwischende Konturen und lebt vom Wegfall zahlreicher Details. Malerei steht über Wahrnehmung: Die Schatten fehlen großenteils, Tisch und Wand sind durch Farbflächen mehr angedeutet denn ausgemalt, der Unterschied von Abbildung und Abstraktion ist malerisch aufgehoben. Auf dem zweiten Bild aus dem Baltimore Museum of Art geht es dagegen realistisch zu, alles ist an seinem Platz. Trotz spätimpressionistischer Farbgebung und bunt aufgebrochenen Schatten herrscht penible Ordnung, es fehlt der Mut zur Weglassung, zur Loslösung von der Wirklichkeit, zum Sprung nach vorn in die Moderne. Es fehlt, was einen Matisse zu Matisse macht.

Ähnlich geht es weiter bei Bilder-Paaren wie "Le Luxe I" und " Le Luxe II ", beide von 1907/08, oder die Interieurs mit Lorette von 1916/17. Für den Besucher ist das eine enttäuschende Erfahrung, anstelle einer Aneinanderreihung von Meisterwerken, wie bei einer Matisse-Ausstellung erwartet, eine überschaubare Gruppe ungleicher Qualität zu erleben. Daran ändert auch die Rekonstituion einer historischen Ausstellung der Pariser Galerie Maeght nichts, bei der Matisse erstmals neben sechs neue Ölbilder Schwarzweißfotos hing, welche die Etappen des Malakts dokumentierten. Angesichts des Erfolgs von Picassos Nachkriegsbildern, kraftstrotzend und aggressiv, wollte er demonstrieren, wie komplex und tiefschürfend jede seiner Bildfindungen war.

Zum schwerfüßigen Thema einer Untersuchung der Malmethodik von Matisse kommt die Schwierigkeit, Schlüsselwerke geliehen zu bekommen, die die Thesen der Kuratoren schlüssig belegen. Kein Museum leiht gern seinen Matisse aus, viele lehnen die Reise sogar kategorisch ab, nicht nur die Barnes Foundation. Und das, obwohl die Schau von Paris nach Kopenhagen und dann ins berühmte New Yorker Metropolitan Museum weiterziehen wird. So findet manches Paar nur im opulenten Katalog zusammen, während die Ausstellung, leider viel zu brav gehängt, Stückwerk bleibt. Manche Werksphasen, etwa die Reisen nach Nordafrika, fehlen ganz.

Andererseits hat das Centre Pompidou genügend Meisterwerke in den eigenen Beständen, um damit punkten zu können, und so kommt es doch zu einigen faszinierenden Höhepunkten. Etwa bei vier späten, blauen Frauenfiguren von 1952. Oder der Gegenüberstellung von "Le Goûter" und dem berühmten "Luxe, Calme et Volupté". Beide Bilder sind 1904 gemalt, beide stellen sie Bucht von Saint-Tropez dar. Das Hochformat "Le Goûter", ausgeliehen von der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf, ist eine während des Sommers gemalte, impressionistische Picknick-Szene in leuchtenden, sich mischenden Farben. Im zweiten Bild hingegen, nur wenige Monate später entstanden, wendet Matisse einen radikal pointillistischen Stil an, wie von Seurat im Spätimpressionismus ausprobiert. Wieder geht der Blick zurück – beide Bilder sind in Stilen gemalt, die Matisse bereits vorher ausprobiert hatte. Und dennoch sind beide Versionen, jede auf ihre Art, radikal und neu. Hier ist es ausnahmsweise einmal unmöglich zu sagen, welche Hälfte des Paares nun die bessere ist.

Centre Pompidou, 7. März bis 18. Juni. Katalog mit 300 Farbabbildungen 42 Euro

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