Museumseröffnung - Sydney

Neues Wahrzeichen

Zur Wiedereröffnung bekam das Sydney Museum of Contemporary Art nicht nur einen modernen Erweiterungsbau, sondern auch einen Zusatz im Titel: Museum of Contemporary Art Australia. Dahinter verbirgt sich vor allem die Ambition der Direktorin Elizabeth Ann MacGregor, ihr Museum zur bedeutendsten Institution für zeitgenössische Kunst in Australien zu machen, das wohlgemerkt in Sydney, und nicht in Melbourne – der eigentlichen Kunsthauptstadt des Landes – steht. Ob und wie das gelingt hat sich art-Autorin Wiebke Gronemeyer vor Ort angeschaut.

Die Kunst hat hier wahrlich einen schweren Stand. Gelegen am historischen Kai auf den "Rocks", gleich unterhalb der weltberühmten Harbour Bridge und mit einmaligen Blick auf Sydneys Wahrzeichen, das Opernhaus, sollen die Besucher des Museum of Contemporary Art Australia, MCA, ihre Blicke auf die Kunst richten.

Doch das fällt auch im neuen, von dem australischen Architekten Sam Marshall konzipierten Erweiterungsbau schwer, denn die großen Fensterflächen und das Café auf der Dachterasse laden dazu ein, die Aussicht zu genießen.

Doch das Museum möchte mit seiner Kunst selbst Grund genug sein, dem Hafen für eine Weile den Rücken kehren zu können. Zwei Jahre lang wurde das historische Seeamt aus den fünfziger Jahren, in dem das Museum seit 1991 beheimatet ist, völlig umstrukturiert. Die Direktorin Elizabeth Ann MacGregor will mit ihrer Zauberformel "lokal gemocht, national geliebt und international renommiert" viele Erwartungen der Besucher zufrieden stellen. Das "Gesamtpaket Museum" ist weit mehr als ein Ausstellungsraum für zeitgenössische Kunst. Neben den fast 3500 Quadratmeter Ausstellungsfläche für die Sammlung australischer Kunst und für Wechselausstellungen beherbergt das neue Gebäude ein Bildungszentrum, Konferenzräume und ein Auditorium. Anlässlich der Eröffnung wurde zudem für Christian Marclays filmisches Epos "The Clock" ein großer Raum in einen Kinosaal umgewandelt. Café, Restaurant, Museumsshop und Büroräume dürfen natürlich auch nicht fehlen. Der Erweiterungsbau, mit dem das Museum fast um die Hälfte größer wird, ist aber nur ein Teil der Rund-um-Erneuerung. Auch virtuell ist nun die komplette Sammlung in Hochauflösung im Netz zu bewundern.

Ohne Zweifel, auf den ersten Blick überzeugt das Museum auf vielen Ebenen. Doch steckt hinter der bewährten Kombination aus Kunst und Freizeit mehr als nur ein weiterer Kulturkonsumtempel? Das Rezept ist altbewährt: Man nehme ein historisches Gebäude, versehe es mit einem möglichst neutralen kubusartigen Anbau, verwende im Inneren viel Sichtbeton, Glas, große weiße Flächen und gelegentlich bunte Wände und bringe darin Kunst unter, die "zeitgenössisch relevant" ist. Laut Direktorin ermögliche diese Formulierung es so ziemlich alles zu zeigen, ob nun von 1874 oder 2012, es ginge schließlich um die Kontextualisierung. Doch was macht Sydneys Museum für zeitgenössische Kunst so besonders, damit es nicht mehr als eine Replik der Häuser ist, die schon in New York, Los Angeles oder Barcelona stehen?

Direktorin MacGregor hat sich mit ihrem Team dieser kritischen Frage gestellt und ein Programm entwickelt, dass den neuen Titel "Museum für zeitgenössischer Kunst Australien" nicht nur mit Leben, sondern auch mit Kunst zu füllen vermag. Viele der Gelder, die für das Gebäude, das Bildungszentrum, den Sammlungsetat und die Wechselausstellungen aus den verschiedenen Töpfen der Regierung, Firmen und privater Mäzene kamen, hat sie direkt an die Künstler weitergegeben. So sind neben der temporären Ausstellung "Marking Time" mit Arbeiten von Jim Campbell, Katie Paterson, Rivane Neunschwander und Taatsuo Miyajima vor allem eine ganze Reihe Werke australischer Künstler nennenswert, die im Rahmen des Umbaus entstanden sind und als Auftragsarbeiten dem Museum langfristig erhalten bleiben.

An der Außenwand des Museums lenkt Brook Andrew die Aufmerksamkeit des Besuchers auf den geschichtsträchtigen Untergrund des Museums. Ein Pfeil verweist auf ein in den Beton graviertes Gedicht des Künstlers, dass auf die teils dunkle Vergangenheit der kolonialen Hafenanlagen deutet, die sich direkt unter dem Museumsboden befinden. Die ebenfalls aus Melbourne stammende Künstlerin Emily Floyd hat im neuen Bildungszentrum für Kinder mit Sehbehinderungen ein Spielparadies aus Holz geschaffen, in dem die Kinder nicht nur verschiedene Formen ertasten, sondern auch in die Geruchswelt der frischen Hölzer eintauchen können. Als Hany Armanious, der 2011 Australien auf der Venedig-Biennale repräsentierte, gebeten wurde, eine Skulptur für die Dachterasse zu entwerfen, soll er gesagt haben: "Mit der Brücke und dem Opernhaus im Blickfeld, was soll ich denn da noch machen?" Die organischen Formen seiner Arbeit "Fountain" können sich aber gut gegen die scharfkantige Kontur des Opernhauses absetzen und ziehen alle Blicke auf sich.

Im Inneren überzeugt vor allem die Neupräsentation der Sammlung. Kurator Glenn Barkley hat auf zwei Etagen viele Arbeiten der über 170 australischen Künstler der Sammlung ausgestellt, ohne jedoch die Räume zu überfrachten. Dabei sind auch Arbeiten von in Europa bekannten Künstlern wie David Noonan, Tracey Moffatt, Mike Parr oder Simryn Gill. Die Erwartung des Besucher waren groß, denn schließlich war der nicht ausreichende Platz für die seit der Gründung des Museums 1991 stetig wachsende Sammlung ausschlaggebendes Argument für die Realisierung eines Erweiterungsbaus. Jetzt können viele der Arbeiten räumlich miteinander in einen Dialog treten.

Für Australien ist die Auseinandersetzung mit der eigenen kolonialen Vergangenheit nach wie vor ein großes Thema – auch in der Kunst. Der Dialog zwischen traditionellem Kunsthandwerk und zeitgenössischer Ästhetik gelingt sehr gut. Besonders beeindruckend ist eine lange Flucht, in der auf der linken Wand traditionelle Baumrindenarbeiten von Aboriginal-Künstlern ausgestellt werden, die im krassen Gegensatz zu den bunten Farbflächen von Robert Owen und dem vereisten Kronleuchter von Nicholas Folland stehen. So kontrastreich diese Gegenüberstellung auch ist, an anderer Stelle ist es überhaupt nicht mehr möglich, bei den abstrakten Gemälden von Emily Kame Kngwarreye und der Bodeninstallation von Rosalie Gascoigne zwischen eingeborener Kunst und moderner Abstraktion zu unterscheiden. Letztlich sind sie alle auf gleiche Art und Weise Teil der Museumssammlung und schreiben nun gemeinsame Geschichte.

Und hier wartet auch schon die nächste Herausforderung auf das Museum. Was Infrastruktur und Finanzierung angeht, ist das Haus für die nächsten Jahre gut gewappnet. Doch der Aufbau der Sammlung hat in den letzten Jahren ein wenig unter den Erweiterungsplänen gelitten. Um diesen müssen sich die Kuratoren nun vermehrt kümmern, um der immer größer, bedeutender und vielfältiger werdenden australischen Kunstszene gerecht zu werden und in der Zukunft die Besucher nicht nur wegen des Ausblicks ins Museum locken zu können.