Tom Sachs - New York

Ground Control To Major Tom

Tom Sachs macht einen Kindheitstraum wahr: Mit einem Team von Assistenten zimmerte er in der New Yorker Park Avenue Armory eine Raumfahrtstation aus Sperrholzplatten, Kühlschränken, Regenschirmen, alten Lampen und Fernsehern zusammen. Um sich auf die Suche nach Außerirdischen auf dem Planeten Mars zu begeben – und um auf die ganz großen Themen wie die Zerstörung der Umwelt, auf Kolonialismus und Amerikas Eroberermentalität anzuspielen

"Kamera eins, Kamera zwei, Kamera drei, okay: Rakete", ordnete Tom Sachs über sein Walkie-Talkie an. Über die Bildschirme seines Kontrollraumes flackerten die Aufnahmen einer Rakete, die vor sich hinqualmte und schließlich in Richtung Weltall in eine ungewisse Zukunft abhob.

Das Raketenmodell in der Größe eines Spielzeugs befand sich wenige Meter entfernt in einem Kasten an einer Wand. Die Bilder des dramatischen Starts wurden von mehreren Kameras eingefangen. Es handelte sich um die Live-Übertragung eines historischen Ereignisses: die Mission zum Mars auf der Suche nach außerirdischem Leben.

Der New Yorker Künstler Tom Sachs hat in der gewaltigen Halle der Park Avenue Armory einen Kindheitstraum wahr gemacht. Mit einem Team von 13 Leuten zimmerte er über Jahre eine Raumfahrtstation samt Mars-Erkundungs-Rover, Raumkapsel, Gewächshaus, Kochstation, Space-Mobil mit Labor und Bar und einem Fitnessstudio für sein Astronauten-Team zusammen. Die Bergung der Weltraumkapsel wird per Spielzeughubschrauber wie beim Trickfilm nachgespielt. Die gesamte Installation ist betont Low-Tech: Regenschirme, Sperrholzplatten, alte Lampen und Fernseher, Ghettoblaster oder Kühlschränke kamen zum Einsatz. "Wir hatten nicht vor, bei unserer Installation, mit Apple oder BMW zu konkurrieren. Wir wollen Makel aufzeigen, das Handgemachte", erklärt Tom Sachs. "Wir befinden uns in einer Art Weltraum-Rennen mit der anderen NASA", sagt der Künstler ohne einen Anflug von Ironie in der Stimme, während sein Team auf Skateboards und Fahrrädern geschäftig durch die Halle fährt.

Sachs' Mannschaft trägt Uniform: kakifarbene Hosen, weiße Oberhemden und Krawatten. Die Walkie-Talkies haben alle stets griffbereit am Gürtel stecken. Schließlich weiß man nie, was bei einer Mission dieser Größenordnung alles schief gehen kann. Sachs hat Wissenschaftler und NASA-Mitarbeiter zu Experten-Gesprächen eingeladen. Jeden Donnerstag im Laufe der Ausstellung wird die Crew in ihre weißen Raumfahrtanzüge schlüpfen und die goldenen Helme aufsetzen, um für 90 Minuten ihr "Flight Plan"- Programm zu demonstrieren. Die Mannschaft wird den Mars erkunden, Gesteinsproben entnehmen und untersuchen. Ziel der Mission ist, andere Lebensformen auszuspüren. "Auf jeden Fall sind wir nicht allein", stellt Sachs klar. Gerade hat ein Besucher einen Katalog mit handgeschriebenen Notizen und einer Liste mit Aufgaben mitgehen lassen. Tom Sachs ist außer sich: "So etwas darf nicht passieren, ich muss Vertrauen in diese Mission haben."

Der 1966 geborene Künstler führt mit seiner Mars-Mission in der Armory die Idee für eine Ausstellung weiter, bei der er 2007 in Larry Gagosians Galerie in LA auf dem Mond landete und die erste Mond-Mission von 1969 nachempfand. Weltraum-Skulpturen wie "Crawler" oder "Lunar Module" hat er im Laufe seiner künstlerischen Karriere gebaut, und er verfügt, so Ausstellungsorganisatorin Anne Pasternak, über "ein enzyklopädisches Wissen über Raumfahrtprogramme". "Kreativität ist der Feind", stellt einer von Sachs' Astronauten, ein junger Kunststudent, klar. Die Entwürfe für die Installationen entspringen den Ideen des Künstlers. Sein Team baut, führt aus und löst Probleme, so der Assistent. "Creativity is the Enemy" war auch der Titel einer Ausstellung in New York in 1998, bei der die gesellschaftliche Obsession mit Luxusmarken in Form einer Chanel-Guillotine, eines Prada-Klos oder eines Hermès-Fastfoodessens neue Dimensionen annahm. Galeristin Mary Boone wurde in ihrer New Yorker Galerie festgenommen, weil Sachs den Besuchern echte Munition in orangefarbenen Hermès-Spucktüten mit nach Hause gab und passend dazu selbst gebastelte Waffen ausstellte.

Im Kinovorführraum der Park Avenue Armory laufen Filme, die einem den Künstler Tom Sachs näher bringen. Sie haben die Arbeitsprinzipien in seinem Atelier oder die pedantisch genaue Wahl der Farbtöne bei seinen Arbeiten zum Thema. Die Mars-Mission, bei der Sachs über jedes kleines Detail, jedes per Hand beschriftete Schild, jeden Amerika-Flaggen-Aufkleber und jeden Hebel wachte, erinnert in seiner fanatischen Absurdität und Verspieltheit an Wes Andersons Film "Die Tiefseetaucher" und die Mannschaft von Kapitän Zissou. Es ist eine skurrile Reise auf einen Planeten, in der Rituale das Leben zusammenhalten. "Wir studieren die natürlichen Ressourcen, um zu verstehen, wie kostbar das Leben ist", meint Sachs. Gleichzeitig handelt seine Mission vom Kolonialismus und Amerikas Eroberer-Mentalität. Der Künstler gräbt sich tief in die Psyche seines Landes. Schließlich hat das so überlegene Weltraumprogramm eine ganze Nation voller Stolz erfüllt. Es würde bei der Arbeit um die großen Fragen der Menschheit gehen, meint Anne Pasternak: "Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Und wer sind wir?"