Franz West - Wien

Franz West ist gestorben

Aus Anlass des Todes von Franz West, der in der Nacht zum Donnerstag nach langer Krankheit gestorben ist, veröffentlicht art an dieser Stelle nochmal den letzten großen Atelierbesuch bei dem Österreichischen Bildhauer, Ende 2009 im 3. Wiener Bezirk
Statt eines Nachrufs:Franz West ist verstorben

Porträt: Franz West

Ein marmornes Treppenhaus, dunkel, elegant, Inbegriff der Wiener Bürgerlichkeit, in einem der idyllischen Winkel des dritten Wiener Bezirks. Artig hat man geläutet, wo "Atelier West" zu läuten befahl. Alles sieht hier erst einmal verdammt nach schickem Avantgardeschicksal aus.

Dementsprechend strebt man der opulenten Liftanlage zu, um sich bequem ins Künstlerpenthouse befördern zu lassen. Da surrt eine schlichte Seitentür, man hätte sie sonst nie bemerkt, und ab geht's von der soliden Bourgeoisie ins sündige Leben der Bohemiens - ins Büro, ein kleines, stinknormales, mit grandioser Assistentin vor dem Computer. Und wer da nachlässig an der Schmalseite des Schreibtischs kauert, ein scharfer Blick von der Seite trifft einen völlig unvorbereitet, das ist er auch schon. Franz West, 62, Grandseigneur der zeitgenössischen Wiener Kunst.

Höfliches Händeschütteln mit einem Monument, das immer an seiner Antimonumentalität gearbeitet hat. So drängen sich jetzt in protzigen Sammlerpalästen eben Horden unförmiger Papiermachébrocken als Biennale-Venedig-Trophäen. Liegen eben übergroße, "kotbraune" Würste aus zusammengeschweißtem Autoblech als Bänke in der Landschaft herum - niederträchtig, wenn man Wiens Hundstrümmerl-Neurose kennt. Und wurde eben ein mit zahnprothesenrosa Lack beschütteter Machoschlitten Marke Maserati garagiert, ein Wiener Schmäh, musealisiert im Dunkel des Gegenwartskunstdepots des Österreichischen Museums für angewandte Kunst (MAK) im Gefechtsturm Arenbergpark. Es ist auch bald zehn Jahre her, dass West diesen Luxusschlitten während der Vernissage seiner MAK-Ausstellung "Gnadenlos" begossen hat, mit einer lächerlichen Gießkanne, peinlich darauf bedacht, seinen Anzug nicht zu beflecken. Hätte Hermann Nitsch, der Wiener Aktionist von Blut und Pathos, diesen Auftritt damals gesehen, er wäre wohl in eine ähnliche Depression verfallen, wie einst der junge, nachdem er 1963 Nitsch beim Zelebrieren des Orgienmysteriums zusehen durfte.

So will es eine Legende, und die gibt es haufenweise. Gerade in Bezug auf den Wiener Aktionismus, zu dem der abgeklärte West einen ironischen Gegenpol bildet.
Stimmt es wirklich, dass er bei der berüchtigten "Uni-Ferkelei" von Günter Brus, Otto Muehl, Peter Weibel, Oswald Wiener und anderen 1968 bereits einen (anonymen und ungebetenen) Auftritt hatte? "Ich bin danach aufgestanden, habe gesagt, es war sehr beeindruckend, es hat mir gut gefallen, ich bitte das Publikum also um einen herzlichen Applaus." Worauf tatsächlich brav applaudiert wurde. Waren die bierernsten Kollegen von der Kunst-und-Revolutionsfront da nicht sauer? West lächelt. "Die waren wohl gerade selbst am tiefsten beeindruckt von ihrer Leistung." Er war es weniger. "Mich haben damals andere Sachen in der Kunst interessiert, eher die amerikanische Richtung, der frühe Robert Rauschenberg, Claes Oldenburg. Der Aktionismus war mir zu drastisch, zu existenz prüfend."

West erzählt solche Anekdoten nicht ganz ohne Genuss, mit seiner typischen, nasalen Stimme, die Vokale manieriert in die Länge ziehend - eine Eigenart, die ihn wohl auch international schnell zum exzentrischen Wiener gebrandet hat, eine anachronistisch wirkende, akustische Zeitkapsel. Man stelle sich nur den grantelnden Volksschauspieler Hans Moser in der supercoolen Umgebung der New Yorker Galerie Gagosian vor, die West seit 2001 vertritt. Sie ist der ideale Partner für die großen Außenskulpturen, auf die West sich in den vergangenen Jahren konzentriert: Seine bislang größte, knapp über sechs Meter hoch, steht noch bis März im New Yorker Central Park. Sie besteht aus zwei sich grazil in die Höhe schlingenden, kantig geschweißten, knallbunten Aluminiumschleifen. Die Enden bilden sich jeweils zu einem kleinen Hocker aus. So lernt man "Das Ich und das Es" - benannt nach Sigmund Freuds berühmtem Band von 1923 - tatsächlich zu besitzen, kann diese fröhlichen Protuberanzen der Psyche ganz persönlich nehmen. Oder aber man rastet einfach auf diesen skurrilen Hochschaubahnschlaufen, bestaunt den grotesken Wirbel, der hier um einen Sitzplatz gemacht wird und lässt sich mit dem verkuppeln, der gerade auf dem anderen Hocker Platz genommen hat.

West at his best: Man kann seine Kunst ganz simpel begreifen oder versuchen, seinen Sprachspielen zu folgen, seinen galoppierenden philosophischen Assoziationen, seinen kunsthistorischen Anspielungen. Man kann sich etwa die Königsberger Klopse auf zarten weißen West-Stühlen einfach schmecken und Kant einfach "Kantine" sein lassen. So geschehen im MAK 2001 - mit Ausblick auf ein "Drama" übrigens, einen monströsen, in sich geschlossenen Schlauch, eine Art Möbius- Darm, in ewiger Blähung gefangen, ein derber Spaß. Ähnlich Wests Lemurenköpfe, die bei der Documenta 9 zu Berühmtheit gelangten. In die klaffenden Münder der weißen Köpfe wollte der Künstler ursprünglich "Speisereste und Küchenabfälle zur Verwesung bringen", den Wiener Spruch "Mochs Meul zua, de Scheiße stingd außä" im Hinterkopf. In der noch prosaischeren Wiener Nachkriegszeit wusste man, wie man darauf zu reagieren hatte - Klappe halten. Heute raunen die Nachfolger der Lemuren ihr Schicksal ohne Mundgeruch über eine Brücke des Wienflusses, dazu liest man eingraviert auf der Brücke das Heraklit-Fragment "Denen, die in dieselben Flüsse steigen, fließen immer neue Wasser zu und (immer neu) Seelen entsteigen dem Nass."

Heraklit, Adolf Loos, Karl Kraus, Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein, Jacques Lacan, Friedrich von Schelling, Paul Feyerabend und immer wieder Georg Wilhelm Friedrich Hegel - "Franz West liest philosophische Bücher, wie man in Modejournalen blättert", beschrieb MAK-Direktor Peter Noever Wests Passion. "Was soll man denn machen, man muss ja irgendetwas zu sich nehmen, kann ja nicht dauernd nur Fernsehen, Zeitungen oder Romane lesen", meint West dazu nur lapidar. Gelesen hat er als Junge schon immer während der Fahrten mit der Schnellbahn von Heiligenstadt, wo West, bis heute bekennender Sozialdemokrat, mit seiner Mutter im Karl-Marx-Hof wohnte. Ziel war Wiens innerste Stadt, wo die Kunstszene sich damals in drei, vier Lokalen rund um die Bäckerstraße streng alkoholisierte. Er war damals schon kein Unbekannter mehr, zog von Tisch zu Tisch, verkaufte Collagen und Zeichnungen, um seine Rechnung bezahlen zu können. Und er war der um 17 Jahre jüngere Halbbruder von Otto Kobalek, ein "Arbeiterdichter" im Kreis des Kabarett-Granden Helmut Qualtinger. Zumindest indirekt war West also kulturell vorbelastet: Seine Mutter, eine Zahnärztin, richtete der ewig blanken Wiener Szene damals die Zähne. Bei Wests Vater, einem Kohlehändler, fanden auch revolutionäre Intellektuelle immer einen Gelegenheitsjob.

Spät, mit 30 erst, begann West Bildhauerei zu studieren, in der offensten Klasse der Wiener Akademie der bildenden Künste, bei Bruno Gironcoli. Die Dichte an sprachgewandten Wiener Originalen in seinem engsten Lebensumfeld muss West aber schon früh geprägt haben. Bis heute trägt er den damals modischen Schnauzer, wie auch Reinhard Priessnitz ihn trug, der experimentelle Literat, fast gleich alt, ein enger Freund. Von ihm, ebenfalls früh verstorben, stammt die Bezeichnung für Wests "Passstücke", die am Anfang seiner Karriere standen und bis heute in keiner seiner großen Ausstellungen fehlen dürfen. Auch in der Retrospektive in Köln gibt es welche zum Ausprobieren, seltsame Teile, heute aus robustem Material und abwaschbar. 1974 aber waren es noch fragile Fundstücke, die er mit Gaze und Gips weiter verformte und mit weißer Dispersion übertünchte. Auf alten Fotos, die West heute manchmal zur Bestimmung der Relationen in seine Skulpturenmodelle einbaut, sieht man seinen Halbbruder und seine Freunde wie sie die mal stabartigen, mal spiralförmigen Teile tragen, anlegen, jedenfalls sich involvieren in die Kunst. "In der Zeit gab es mehrere Impulse, das passive Betrachten zu überwinden", erzählt West. "Spontan, impulsiv sollte es sein, man hatte Freiheitsbedürfnis. Die Passstücke waren als Erfrischung des Museumsbesuchs gedacht, immer innerhalb des Kunstbereichs aber, sie sollten niemanden auf der Straße befreien."

West ist schon, anders als noch die Aktionisten, ein Künstler der postutopischen Zeit. Schamanistischen Heilungsversprechen durch Kunst stand er immer skeptisch gegenüber, persiflierte sie höchstens noch. Seine Kunst will auf Augenhöhe kommunizieren, gerne auch widersprüchlich. So wie West eben Eigenbrötler und Netzwerker in einem ist. Von seiner hohen sozialen Intelligenz, seiner Intuition schwärmen Direktoren und Galeristen und wohl auch Künstlerkollegen, West hat eine große, bunte Kunstsammlung zusammengetauscht und gerne mit anderen zusammengearbeitet. Herbert Brandl hat seine Objekte bemalt, Heimo Zobernig, Gilbert Bretterbauer und Peter Kogler Stoffmuster für ihn entworfen, viele Ideen stammen von Kuratoren, Kunsthistorikern. West bezeichnete es sogar einmal als seine Arbeitsmethode, "fremde Ideen auszuführen". Eine Ästhetik des Unfertigen, ein demokratischer, freier Zugang zur Kunst, Gruppenarbeit - was heute so zeitgenössisch wirkt, vor 20, 30 Jahren befremdete es noch, gerade im genieverliebten Wien. Entsprechend lief Wests Karriere an: Ein erster Ausreißer war die Beteiligung an Kasper Königs "Westkunst"-Ausstellung 1981. Doch erst als Harald Szeemann ihn vier Jahre später in eine Reihe von Skulpturenausstellungen aufnahm, war der Durchbruch geschafft und mit Peter Pakesch auch der richtige Galerist gefunden, der West erfolgreich mit der deutschen Szene, den "Hetzler-Boys" Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Günther Förg, vernetzte.

Lesen Sie auf der folgenden Seite vom Besuch der "Autowerkstatt" von Franz West und seiner Leidenschaft für SMS

Im ehemaligen Lager von Pakesch, der heute Intendant und künstlerischer Leiter am Universalmuseum Joanneum in Graz ist, wohin die Kölner Ausstellung ebenfalls wandern wird, hat West heute eines von zwei Ateliers, seine "Autowerkstatt" ist man versucht zu sagen, denkt man an den Titel der Kölner Ausstellung "Autotheater", der sich natürlich aufs "Selbst" bezieht. Schelm, der dabei an schnödes Motorisiertes denkt, an übergossene Maseratis oder in Fangoschlamm getauchte Ducati-Motorräder. "Das war eine Auftragsarbeit, sie heißt ja auch so schön Ducati-Fango - wie Dukatenfangen", erklärt West verhalten grinsend.

Nach dem ersten Abtasten im Büro führt West einen dann doch in die Werkstatt dahinter, zehn Mitarbeiter etwa beschäftigt er, sie führen seine Ideen aus, nur hier und da legt er selbst Hand an. Wie zum Beweis greift er gleich zu einem Pinsel und strichelt an einem der großen Papiermachétrümmer herum. Was die eigentlich darstellen? Charakterköpfe? "Eher Meteoriten des Inneren", meint er kryptisch.

In einer Halle im Keller werden Stahlgerüste für Wests berühmte Möbel geschweißt, Sofas, Diwane, Fauteuils, in einer Ecke stapeln sich bunte Sessel. Wests ambivalent bequeme Sitzbänke hatten ihre Sternstunde 1992, als Jan Hoet West bat, das Freiluftkino der Documenta 9 mit ihnen auszustatten. Worauf West 72 Diwane mit Teppichen belegte, so wie Freud es mit seiner berühmten Couch machte. Von der Wiener Werkstätte, die ebenfalls die Grenze zwischen Handwerk und Kunst aufweichte, bis West kann hier eine verschlungene Linie gezogen werden. Aber ebenso gut kann eine andere gezogen werden, etwa die der L'art pour l'art eines Cy Twombly, dessen Kringelbild im Wiener Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig in Wests Kopf schon früh auf die Kringelzeichen von Ludwig Wittgenstein trafen. Twombly galt auch Wests bislang letzte, ziemlich mutige Gemeinschaftsarbeit: Zur Eröffnung der Twombly-Ausstellung im Wiener Mumok im Juni 2009 ließ er den Komponisten Michael Mautner und den elektronischen Musiker Philipp Quehenberger einen Text von ihm vertonen, der in schlaflosen Nächten beim Spielen mit seinem Handy entstanden ist, zufällig, im automatischen SMS-Programm.

SMS scheinen überhaupt eine Leidenschaft Wests zu sein, immer wieder krümmt er sich hinunter zu seinem Mobiltelefon. "In einer halben Stunde kommt er", kann er so etwa freudig berichten, spätnachts im winzigen Free-Free-Jazz-Keller des Wiener Lokals "Celeste" nahe dem Naschmarkt. Jeden Montag sitzt er hier, trinkt Tee, raucht, tauscht mit Andreas Reiter Raabe, dem einzigen anderen Künstlerstammgast hier, Kinderfotos am Handy aus - und wartet auf den Auftritt von Quehenberger. Es wird laut, wild, intensiv, aber um Mitternacht ist aller Spuk vorbei. West, der frischgebackene Vater zweier Kinder kann nach Hause gehen. Und irgendwie versteht man den Weltstar, der immer weg wollte aus Österreich, aus Wien, aus seinem kulturellen Biotop, es aber doch nie geschafft hat. "Ja, das Bleigewicht der Gemütlichkeit", bestätigt West schelmisch das Klischee. Und lacht leise in sich hinein.

Franz West-Retrospektive 2013 im Mumok

Das MUMOK hat noch gemeinsam mit Franz West die Erarbeitung einer Retrospektive begonnen. Geplant ist die Ausstellung für das Frühjahr 2013.
http://www.mumok.at/