Small Utopia - Venedig

Aufstieg und Fall des Multiple

Die Fondazione Prada zeigt die Geschichte des Multiple von 1901 bis 1975 in einer ausufernden Ausstellung in Venedig

Miuccia Prada war immer eine sehr diskrete Mäzenin. Anders als der der Modemilliardär Francois Pinault setzte sie sich nicht mit ihrer Kunstkollektion in Szene: Die gigantischen Ausmaße ihrer Sammlung kann man bis heute nur ahnen.

Als sie und ihr Mann Patrizio Bertelli vor 20 Jahren eine Kunststiftung gründeten, riefen sie Germano Celant zu Hilfe. Seitdem gab die "Fondazione" einer langen Reihe von zeitgenössischen Künstlern freie Bahn für große Auftritte. Jetzt hat Celant unter dem Titel "The Small Utopia. Ars Multiplicata" ein komplexes Ausstellungsprojekt erarbeitet, mit dem er die Geschichte des Multiple im Zeitraum von 1901 bis 1975 anhand von mehr als 600 Exponaten vorführt.

Die opulente Schau ist in den weitläufigen Sälen des Palazzo Ca’ Corner am Canal Grande untergebracht. Prada hat das dreistöckige Gebäude restauriert und auf vorläufig sechs Jahre gemietet. Marcel Duchamp, der als Wegbereiter des Multiple gilt, nimmt den Ehrenplatz ein. Seine Readymades werden in doppelter oder dreifacher Ausführung feierlich inszeniert. Im reich mit Stuck und Fresken geschmückten Hauptsaal stehen unter Glas zwei Exemplare der berühmten "Fontäne", eines mit "R.Mutt 1917" signierten Urinoirs. Er habe zeigen wollen, dass die Vervielfältigung von Kunst keinen Verlust der Aura bewirke, sagt Kurator Celant und bringt den Beweis mit drei leicht voneinander abweichenden Exemplaren von Duchamps berühmter "Boite-en-valise" aus dem Jahr 1941. Diese Schachteln, tragbare Museen, in denen der Künstler sein Gesamtwerk in Miniatur untergebracht hatte, sind eher Originale in Serie und haben eigentlich nichts mit der im Ausstellungstitel versprochenen "kleinen Utopie" gemein, dank der den Massen die Kunst zugänglich gemacht werden sollte.

Um eine wirkliche Demokratisierung bemühten sich die künstlerischen Avantgarden, von De Stijl bis Bauhaus, allen voran die russischen Suprematisten. In überwältigender Fülle liegt das Beweismaterial in Venedig aus: Keramik entworfen von Kandinsky, Malewitsch und Nikolai Suetin, Bauhausbücher von Schlemmer, Klee und Gropius, Kinderspielzeug von Feininger, Balla und Depero, Kleiderentwürfe der italienischen Futuristen, ein Hutmodell von Sonia Delauny, Möbel von Albers und Rietveld. Aus dem Museum Weserburg wurden Künstlerbücher von Daniel Spoerri und Dieter Roth entliehen. Von Beuys, für den das Multible "ein Fortbewegungsmittel für Künstler" war, werden ein paar bepackte Schlitten gezeigt. Das MoMA hat den Raum für die Fluxus-Bewegung wunderbar eingerichtet.

Die Ausstellung hätte auch kleiner sein und mit dem Jahr 1959 beginnen können. Damals begründete Daniel Spoerri seine Edition MAT (Multiplication d’Art Transformable), um preiswerte Objekte verschiedener Künstler in Serie herzustellen. Exklusivität war damit keine verbindliche Kategorie mehr. Den endgültigen Tabubruch brachte die amerikanischen Pop Art, und so fehlen in Venedig auch nicht Warhols Brillo-Boxen und Multiples von Wesselmann und Lichtenstein.

Die Ausstellung hätte auch größer sein und im 15. Jahrhundert bei Gutenberg anfangen können. Ist Druckgrafik nicht das älteste Verfahren multiplizierbarer Kunst? Sie hätte auch die neuen Technologien wie Video und Computer berücksichtigen können. Warum der Schnitt im Jahr 1975? "Es gab damals die Rückkehr zur Maltradition”, sagt Celant, "das Original wurde plötzlich wieder hoch geschätzt, vor allem von den Museen und Sammlern." Schließlich wurden auch die Multiples so kostbar wie Originale.

Alle Ausstellungsobjekte sind in hohen Glasvitrinen eingeschlossen. ("Die Vitrinen allein haben 200 000 Euro gekostet", verrät der Kurator.) Man hat das Gefühl, sich in einem archäologischen Museum voller Zeugnisse einer untergegangenen Zivilisation zu bewegen. Das Kunstwerk zog aus, als Multiple die Welt und die Gesellsachaft zu erobern und kehrte unverrichteter Dinge wieder zurück ins Museum. "Die kleine Utopie", der Versuch, die Kunst zu demokratisieren, ist selbst dem Ausstellungsleiter nicht geglückt. Der Besucher hat Mühe die Informationsschilder zu entziffern, erhält keine didaktische Hilfe, kann aber für 100 Euro einen auf gründliche kunsthistorische Forschung beruhenden Katalog in englischer Sprache erwerben. Man verlässt diese sehr sehenswerte und mit 15 Grad Raumtemperatur etwas unterkühlte Ausstellung leicht verwirrt, aber mit der Gewissheit: Der Begriff "multiples Objekt" lässt sich uferlos ausweiten.

The Small Utopia. Ars Multiplicata

Ausstellung bis 25. November 2012; Am 1. und 2. September werden jeweils um 19 Uhr "Fluxus-Konzerte" in der Ca' Corner della Regina mit Stücken von Joseph Beuys, nam June Paik und John Cage stattfinden
http://www.prada.com/en/fondazione/cacorner

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