London Festival 2012 - Olympia

Eine Menge verrückter Ideen

Die Olympischen- und Paralympischen Spiele sind nun offiziell vorbei. Mit ihnen endete auch das London 2012 Festival als kulturelles Begleitprogramm. In ganz Großbritannien wurden Kunstprojekte präsentiert. art-Korrespondent Hans Pietsch lässt Revue passieren.

"Eine total verrückte Idee" nannte Zachary Lieberman vom New Yorker Digitalkunst-Kollektiv YesYesNo sein Projekt "Connecting Light":

450 riesige Ballons schwebten über dem Hadrianswall in Nordengland, eine 73 Meilen lange bunte Farbkette, von den Smartphones der Besucher geschickte SMS-Texte brachten die LED-Lampen in den Ballons verschieden farbig zum Glühen und ließen sie wieder erlöschen. Aus dem römischen Befestigungswall gegen die Barbaren des Nordens sollte ein Treffpunkt werden, der die Menschen zusammenbringt.

"Connecting Light" war nur eine der verrückten Ideen, die das Olympia-Festival London 2012 initiierte. Sie alle fanden an geschichtsträchtigen oder landschaftlich schönen Orten statt. Da war etwa "Flags" des deutschen Künstlers Hans Peter Kuhn in Nordirlands berühmtester Landschaft, dem Giant's Causeway. Zunächst sollte er auf der Steinwüste an der Küste der Grafschaft Antrim selbst seine Installation zeigen, doch der Naturdamm war ihm zu grandios und überwältigend. Stattdessen steckte er seine Flaggen in den steilen Abhang der angrenzenden Bucht. Die Flaggen, rot auf der einen Seite, gelb auf der anderen, bewegen sich ständig im Wind, einmal rot, dann gelb. Mit ihnen will der Künstler "die Natur der Natur" zeigen.

Der neolitische Steinkreis von Stonehenge diente gleich zweimal als Anregung. Die Pariser Gruppe Compagnie Carabosse, bekannt für ihre pyrotechnischen Extravaganzen, verwandelte die Kultstätte mithilfe von Feuer und Licht für einen Abend in einen "Feuergarten" und Turner-Preisträger Jeremy Deller ließ eine maßstabgetreue Nachbildung aus aufblasbarem Gummi anfertigen, eine riesige Hüpfburg mit Namen "Sacrilege", die während des Sommers durchs Land reiste, und an ungewöhnlichen Orten auftauchte

Ein weiterer Turner-Preisträger hatte am 27. Juli die Olympiade selbst eingeläutet. Martin Creed forderte die Bürger auf, am Eröffnungstag irgendeine Glocke zu läuten, von Kirchenglocke zu Türglocke. Und die Nation machte mit: um 8.30 morgens ertönte drei Minuten lang im ganzen Land ein Glockenkonzert, selbst Big Ben tönte mit. "All the Bells" ist Creeds "Work No. 1197".

Festival-Direktorin Ruth Mackenzie hatte vor Beginn von London 2012 davon gesprochen, sie wolle "außerhalb der Norm" denken. Das ist ihr gelungen, und trotzdem ließen die Besucher sie nicht im Stich. Die meisten Karten für die insgesamt 12 000 Veranstaltungen gingen weg, darunter etwa 10 Millionen Freikarten. Dass sie sich bei einigen Publikumsrennern, die auch ohne das Festival stattgefunden hätten, sozusagen ins gemachte Nest setzte, ist ihr nicht übelzunehmen. So wurde etwa Damien Hirsts Retrospektive in der Tate Modern bis in den September ausgedehnt, damit sie noch einverleibt werden konnte, und das Gastspiel von Pina Bauschs konzipierte Serie "Zehn Städte" für das Tanztheater Wuppertal war schon Jahre vorher geplant.

Die verrückteste Idee des Festivals hatte aber der englische Plastiker Alex Hartley. Auf einer Reise in den hohen Norden Norwegens war ihm eine winzige Felsinsel aufgefallen, die erst seit Anfang der Neunziger Jahre aus dem Wasser der Arktik herausragt. Er überredete die norwegischen Behörden, ihm ein Drittel der Insel zu schenken, und lud den Felsen auf einen Lastkahn. Nach monatelanger Reise legte er mit seiner Ladung an der englischen Westküste an, und der Künstler erklärte "Nowhereisland" zur autonomen Republik, mit eigener Währung. Wenn sich Grenzen verschieben und Menschen unfreiwillig auf Wanderschaft gehen, so der Künstler, warum sollte dann die Landschaft selbst nicht auch auf Reisen gehen?

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