Mission Moderne - Köln

Der Durchbruch der Moderne

Das Kölner Wallraf-Richartz-Museum widmet sich der "Jahrhundertschau des Sonderbundes" und vermittelt mit einer exquisiten Auswahl etwas von der elektrisierenden Wirkung von damals. So frisch und experimentierfreudig ist uns die Moderne schon lange nicht mehr nahe gekommen.

Nun ist sie also wieder in Köln, van Goghs "Große Arlésienne" aus dem Musée d'Orsay, in ihrer schwarzen Tracht wie aus dem zitronengelben Hintergrund herausgestanzt, deutlich von der Bürde des Lebens gezeichnet, aber ungebrochen, fast aristokratisch, mit diesem mokanten Zug um den Mund.

Bei ihrem Anblick verschlägt es einem immer noch den Atem; wie mag das erst vor 100 Jahren bei ihrem ersten Auftritt in der Domstadt gewesen sein! Dabei war sie nur einer der vielen Höhepunkte in einer Schau, die mit über 650 Werken den Grundstein legte für Großausstellungen, wie sie inzwischen gang und gäbe geworden sind bis hin zur jüngsten documenta.

Die "Internationale Kunstausstellung des Sonderbundes zu Cöln 1912" ist nicht – oder jedenfalls nicht nur – wegen der schieren Ansammlung von Meisterwerken in die Annalen der Kunstgeschichte eingegangen. Sie war die erste kuratierte Ausstellung. Ausstellungskonzeption und -aufbau waren einer ganz bestimmten Aufgabe unterstellt: Die Moderne gegen ihre Anfechter auf dem Markt durchzusetzen. Hatten doch die gegen eine "französische Überschwemmung des deutschen Kunstmarkts" protestierenden konservativen Kräfte im Land gerade erst mit einer deutschlandweit beachteten Streitschrift Oberwasser gewonnen und es damit der unter dem Namen "Sonderbund Westdeutscher Kunstfreunde und Künstler" vereinigten Gruppe progressiver Künstler, Galeristen, Kunsthistoriker und Sammler unmöglich gemacht, ihre bereits dreijährige Ausstellungstätigkeit in Düsseldorf mit einer vierten Schau fortzusetzen. Zum Glück fand man im liberalen Köln Asyl. Mit städtischer Unterstützung wurde die Ausstellungshalle der Weltausstellung von 1910 in Brüssel nach Köln geholt und auf einer Freifläche aufgestellt. Damit war der äußere Rahmen für eine Welt-Kunstausstellung perfekt.

Die Welt-Kunstausstellung

An die populären Weltausstellungen erinnert auch die Unterteilung des Ausstellungsparcours nach Ländern. Aber man beließ es nicht bei einer Präsentation der zeitgenössischen Avantgarde aus den Ländern Frankreich, Holland, Ungarn, Österreich, Schweiz, Norwegen und natürlich Deutschland, sondern stellte die großen Wegbereiter der Moderne ins Zentrum. Mit diesem Schachzug gelang den Initiatoren der wichtigste Coup: Die Legitimation der ins Kreuzfeuer geratenen progressiven Zeitgenossen durch die bereits etablierten Vorreiter. Und natürlich wirkten die 125 van Goghs, 26 Cézannes, 25 Gauguins, 32 Munchs und 16 Picassos wie ein Magnet, der das Publikum anzog. Rund 60 000 Besucher sollen die Schau gesehen haben, darunter viele Künstler, wie beispielsweise Max Ernst, der hier zum ersten Mal mit Cézanne und Konsorten konfrontiert wurde, oder auch Sammler wie Josef Haubrich, der die Sonderbundausstellung als Initialzündung seiner aufflammenden Leidenschaft für die Gegenwartskunst bezeichnete. Die Ausstellung spielt bis heute eine tragende Rolle in der Rezeption all der künstlerischen Strömungen, die hier zusammenflossen.

Entscheidend für diesen Erfolg war die weitsichtige und von großer Kennerschaft zeugende Auswahl, die sich offenbar einer gut vernetzten Kunstszene im Rheinland verdankte. Um die jungen Maler des Rheinischen Expressionismus mit den Düsseldorfern Max Clarenbach und August Deusser und dem Bonner August Macke versammelte sich eine illustre Gesellschaft, aus der sich die vierköpfige Jury zusammensetzte. Ihr gehörten an der Kunsthändler Alfred Flechtheim, Karl Ernst Osthaus, Gründer des Folkwang-Museums, Alfred Hagelstange, Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museums und der Barmer Kunsthistoriker Richart Reiche, der im Vorwort des Katalogs das Ziel klar formulierte: Man wolle "einen Überblick über den Stand der jüngsten Bewegung in der Malerei geben, (…) die man als Expressionismus bezeichnet hat". Man stellte dem neuen Stil auf der einen Seite van Gogh, Cézanne und Gauguin, auf der anderen die Neoimpressionisten mit Henri Edmond Cross und Paul Signac gegenüber und komplettierte die Klassiker mit Blöcken der noch jungen Maler Picasso und Munch.

Erfrischungsraum und Kurzführer

Die "Mission Moderne" fand nicht nur in einem ehemaligen Messepavillon statt, sie bediente sich auch der neuesten kommerziellen Werbestrategien, obwohl es sich um keine Verkaufsausstellung handelte: Flächendeckend wurde die Schau mit Plakaten, Transparenten und Fahnen beworben. Statt der üblichen Petersburger Hängung sorgte viel Freiraum um die Exponate für ihre optimale Präsentation – teilweise wurde sogar nur einreihig gehängt. Ein weiteres Novum waren die weißen Wände. Für die stark beanspruchten Besucher stand ein Erfrischungsraum zur Verfügung, und erstmals gab es einen Kurzführer mit den wichtigsten Informationen zu den Werken. Auf dessen Basis hat Barbara Schaefer, Kuratorin des Wallraf-Richartz-Museums, die Sonderbundausstellung akribisch unter die Lupe genommen. Verantwortlich für Idee, Konzeption und Recherche hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, sämtliche 650 Nummern des schmalen Katalogbändchens zu identifizieren und eine Auswahl daraus für die Rekonstruktion im Jubiläumsjahr zusammenzustellen.

Schaefer beschränkt sich in "1912 – Mission Moderne" strikt auf die Originale von damals und akzeptierte keine Variationen oder motivisch ähnlichen Ersatzwerke. Dennoch seien theoretisch mehr als "nur" diese 115 Werke zu bekommen gewesen, "aber das kann heute keiner mehr bezahlen", wie sie nüchtern anmerkt. Die Unternehmung scheint in der Tat auch so mehr als ambitioniert. Allein der knapp 650 Seiten starke und nur mit gut durchtrainierter Armmuskulatur zu bewältigende Katalog ist ein Meisterstück; er enthält selbstverständlich ganzseitige Abbildungen sämtlicher ausgestellter Werke mit ausführlichen Erläuterungen und Anmerkungen zu Provenienz und Ausstellungsgeschichte, eine Vielzahl fundierter Aufsätze zu den einzelnen Künstlern und Ländergruppen und als besonderes Schmankerl die nahezu vollständige Rekonstruktion der Ausstellung von 1912. Ein kleiner Anteil der damaligen Exponate konnte bisher nicht identifiziert werden.

Die Jubiläumsausstellung als Rekonstruktion

Auf der Basis einer dreijährigen Vorbereitungszeit war es möglich, die Jubiläumsausstellung als verkleinertes Konzentrat der Sonderbundausstellung aufzubauen, die ihr auch in der ursprünglichen Gliederung folgt. Van Gogh ist demnach auch jetzt mit den meisten Arbeiten vertreten. Gleich neben der "Arlésienne" hängt ein weiteres seiner Meisterwerke aus dem Jahr 1888, "Eingang zum Park in Arles", eine Leihgabe der Phillips Collection in Washington. Insgesamt werden 15 Werke von Vincent van Gogh gezeigt. Seine Stilisierung als "Übervater" hatte vor allem auch programmatische Gründe. Kurzerhand germanisiert, schien er für den deutsch-französischen Brückenschlag bestens geeignet. Ähnliche Motive mögen auch bei der besonderen Hervorhebung des Norwegers Edvard Munch mitgespielt haben. Die unerhörte Eindringlichkeit seiner feinnervigen "Amor und Psyche" bildet einen weiteren Höhepunkt der jetzigen Schau und mag selbst auf die jungen Maler von heute nicht ohne Wirkung bleiben. Bemerkenswert in seiner ornamentalen und ganz dem japanischen Holzschnitt verpflichteten Stilisierung sticht auch Gauguins "Tisch mit drei fressenden Hündchen" als eigenwilliges Stillleben hervor. Einen eigenen, zauberischen Klang steuert Paul Signac bei, besonders mit seinen zwei atmosphärischen Venedigbildern.

In der klugen und spannungsreichen Auswahl finden sich echte Juwelen und weniger spektakuläre, aber durchweg interessante und aussagekräftige Exponate. Immer wieder lassen sich überraschende Entdeckungen machen. Der Schweizer Cuno Amiet bezieht sich in seinen "Zwei Mädchenakten" noch explizit auf van Gogh, den er sogar auf der Bilderwand im Hintergrund des Zimmers zitiert. Schon zwei Jahre später hat er sich von dessen Malstil völlig gelöst und wagt eine außergewöhnlich radikale Rot-in-Rot Malerei mit der naturmystischen "Roten Apfelernte". Gleich daneben Ferdinand Hodlers "Schreitendes Weib" und "Entzücktes Weib" – bei beiden ist der Einfluss der Reformtanzbewegung unübersehbar. Unter den Österreichern fällt neben Oskar Kokoschkas höchst eigenwilliger Verkündigungsszene Anton Faistauer mit seinem provozierend freizügigen "Nackten Mädchen" auf, das an Egon Schieles Aktdarstellungen erinnert. Schiele selbst ist mit dem verstörenden "Mutter und Kind" vertreten.

Die Gruppe der Franzosen ist erstaunlich klein und reicht an die großen Vorbilder nicht heran. Die Landschaften von Maurice Denis, André Derain, Maurice de Vlaminck wirken verträumt und weltabgewandt. Unter den Rheinischen Malern wird August Deusser viel Platz eingeräumt; wir lernen ihn in seinen fünf Tafeln als gediegenen Landschafts- und Porträtmaler kennen. Julius Bretz ist mit einer sehr nordisch aufgefassten, an Vilhelm Hammershøi erinnernden Landschaft vertreten. August Macke tritt mit zwei Werken auf, darunter "Drei Akte mit blauem Hintergrund" von 1910. Von Karl Hofer wird der schöne Doppelakt "Abend" gezeigt, der wie Emil Noldes "Leute im Dorfkrug" und viele andere Werke der Ausstellung auch, auf 1912 datiert ist. Nolde erweitert nicht nur die sehr stark auf Akte und Landschaften ausgerichtete Motivwahl mit einem originellen Sujet, er setzt seine Figuren auch ungewöhnlich sperrig und spannungsvoll in den Bildraum. Walter Ophey und Hans Purrmann schließlich liefern wunderbare Beiträge zum Genre Stilllebenmalerei.

Unter den ausstellenden Malern fehlen die Frauen völlig. Lediglich im kleinen Segment der Bildhauerei, das von Wilhelm Lehmbruck dominiert wird, ist mit Elza Köveshazi Kalmar eine ungarische Künstlerin auszumachen. 1912 stammten 2,3 Prozent der Exponate von Frauen, darunter Paula Modersohn-Beckers "Betende alte Frau". Der Auswahlkommission gehörte keine einzige Frau an. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Frauen erst ab 1919 an den Kunstakademien zugelassen wurden.

"Der Kölner Dom erbebt in seinen Grundfesten"

Von der heutigen Distanz aus betrachtet stellen sich Fragen. Es zeigen sich Leerstellen und Versäumnisse: Warum wurden wichtige Gruppierungen wie der italienische Futurismus, der Orphismus eines Robert Delaunay und die jungen russischen Künstler wie überhaupt die Abstraktion fast ganz ausgeklammert? Die Sonderbundausstellung war nicht frei von Ressentiments und nationalen Interessen. Man wollte eine ganz bestimmte Kunstströmung etablieren.

Die Verantwortlichen waren wohl selbst überrascht von der Wucht, mit der diese geballte Ladung avantgardistischer Werke in die Kunstwelt einschlug. Edvard Munch hat mit seinem euphorischen Kommentar "Der Kölner Dom erbebt in seinen Grundfesten!" die Situation richtig eingeschätzt. Ein Jahr später folgte mit der Armory Show in New York eine noch größere Ausstellung zeitgenössischer Werke, von denen viele aus der Kölner Ausstellung stammten. Ursprünglich war in New York geplant gewesen, nur amerikanische Kunst zu zeigen. Die Initiatoren beschlossen erst auf Grund der Besichtigung der Sonderbundausstellung – was wohl in allerletzter Minute, schon nach Ablauf der offiziellen Laufzeit geschah – spontan, die Ausstellung mit europäischer Kunst zu erweitern. Mit der Armory Show erlebte die Moderne 1913 ihren internationalen Durchbruch.

Am 4. Oktober erscheint das art-Sonderheft mit der großen Jubiläumsserie zur Moderne

1912 – Mission Moderne. Die Jahrhundertschau des Sonderbundes

Wallraf-Richartz-Museum Köln, bis 30.12.2012. Katalog an der Museumskasse 39,90 Euro
http://wallraf.museum/index.php?id=337

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