Liverpool Biennale - England

Zu viele unerwartete Gäste

Die Liverpool Biennale ist die größe Veranstaltung für zeitgenössische Kunst in Großbritannien. art hat sich auf der Biennale umgeschaut und in der Masse der Kunst zum Glück einige humorvolle Einlagen entdeckt

Das Wetter in Liverpool wollte einfach nicht mitspielen. Eigentlich sollte Anthony McCalls "Column" über den Wassern des Mersey aufsteigen, doch starker Wind verhinderte den Stapellauf. Die spiralförmig projizierte Nebelsäule des New Yorker Zauberers mit Licht und Wasserdampf sollte bei klarem Wetter von überall in der Stadt aus zu sehen sein, doch jetzt galt es, sich in Geduld zu üben.

Geduld ist etwas, das der Besucher von Liverpools Biennale eimerweise braucht. Denn mit über 250 Künstlern ist sie einfach zu groß. Auch einige der 27 Ausstellungsorte überwältigen, etwa eine aufgelassene Postverteilstelle, in deren Haupthalle "City States" untergebracht ist, wo 13 Städte ihre Kunstszene vorstellen, von Oslo bis Taipeh, von Birmingham bis Wilna. Und wo sogar noch "Bloomberg New Contemporaries" hineinpasst, die alle zwei Jahre stattfindende Übersicht über die jüngste britische Kunst.

"Du stehst nicht auf der Gästeliste"

Der Rundgang durch die Biennale wäre kein Spaß, stolperte man nicht immer wieder über humorvolle Einlagen. Wie vor dem Hilton, in dessen oberstem Stockwerk Liverpools exklusivster Club "Playground" untergebracht ist, in den hineinzukommen, als Nicht-Mitglied fast unmöglich ist. Nahe dem Eingang haben Elmgreen & Dragset eine halboffene metallene VIP-Tür aufgestellt, mit einem martialischen Türsteher, dessen Antwort auf alle Fragen dieselbe ist: "Du stehst nicht auf der Gästeliste." Nur wenige Schritte entfernt, mitten im brandneuen Einkaufsviertel "Liverpool One", wo Shopping zum Erlebnis werden soll, hat der Israeli Oded Hirsch einen gläsernen Fahrstuhl durch das Pflaster der Fussgängerzone hervorbrechen lassen. Da steht er nun, nutzlos und traurig. Und am Rand von Chinatown hat Do-Ho-Suh aus Südkorea, in den Zwischenraum zwischen zwei Gebäuden, ein schräges schwebendes Holzhaus gezwängt, das weder einen Ein- noch einen Ausgang hat.

Spielarten von Gastfreundschaft

"Der unerwartete Gast" nennt Kurator Lorenzo Fusi seine Mammutschau und untersucht Spielarten von Gastfreundschaft. Ein passendes Thema für eine Hafenstadt, etwa in den eleganten Räumen des früheren Hauptquartiers der Reederei Cunard, wo die Passagiere Erster Klasse abgefertigt wurden. Auf dem Boden liegt Mona Hatoums aus Nägeln bestehende Fußmatte "Welcome", von der Decke hat die Gruppe Superflex Plakate gehängt, auf denen Immobilienmakler Büros zur Miete anbieten. Und eine Neonschrift von Andrea Bowers erklärt die Stadt etwas optimistisch zum "Zufluchtsort". Im Obergeschoss des Pubs Monro hat der Finne Markus Kahre eine Flucht von schicken Hotelzimmern eingerichtet, die man für echt hält, bis man bemerkt, dass der Spiegel an der Wand blind ist. Selbst das Tageslicht erweist sich als künstlich. Der Chinese Sun Xun befasst sich in seiner Installation in der Bluecoat Gallery mithilfe von Zeichnung und Zeichentrick mit traditioneller Gastfreundschaft in seiner Heimat. Und Pedro Reyes aus Mexiko baute in der Fotogalerie FACT einen Raum, in dem sich die Besucher bei erfundenen Spielen näher kennenlernen können.

An die Bürger in Liverpool wurde auch gedacht

Nicht alles passt nahtlos ins Thema. Die Videoarbeit "The Source" von Doug Aitken besteht aus einer Serie von Interviews, die der Künstler aus Los Angeles mit Kollegen geführt hat, Architekten, Maler, Musiker, Poeten, die über den Prozess des Kunstmachens sprechen - faszinierend, dieses "Porträt moderner Kreativität", wie Aitken es nennt. Er zeigt die 18 Videos auf sechs Leinwänden, in einem vom Stararchitekten David Adjaye vor der Tate Liverpool gebauten runden Gebäude, am Abend werden sie auf die Außenhaut projiziert. Liverpools Bürger werden hier und da auch direkt mit einbezogen. Der Kalifornier Fritz Haeg arbeitet im Everton Park mit Anrainern bei der Pflanzung essbarer Blumen und Sträucher, die sich mit der Zeit über den ganzen Park ausbreiten sollen. Und die Holländerin Jeanne van Heeswijk hat bei ihrem Projekt "2Up2Down" in einem abrissbedrohten Viertel im Schatten des Fussballstadions Anfield mit verlassenen und zugenagelten Häuserzeilen einen ersten Erfolg erzielt: die Wiederöffnung der jahrelang geschlossenen Bäckerei des Viertels, nicht nur als Backstube, sondern auch als Treffpunkt.

Die Biennale läuft bis zum 25. November. Bleiben Anthony McCall also noch neun Wochen, auf freundlicheres Wetter zu warten, damit seine Nebelsäule endlich vom Stapel laufen kann.

"Liverpool Biennial"

Die Liverpool Biennale läuft bis zum 25. November 2012.
http://www.biennial.com/

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