Alec Soth

Winterthur / Zürich



"WIEDER STOLZ AUF MEIN LAND"

Der US-amerikanische Fotograf Alec Soth, 1969 in Minneapolis geboren, zeigt in Winterthur und Zürich seine Eindrücke einer zerrissenen Nation. Die USA erscheint als Land der Extreme – gespalten zwischen Reich und Arm, Fundamentalistisch und Säkular und verloren in einem Krieg mit sich selbst. Im exklusiven art-Interview spricht Soth über seinen Bilderzyklus "The Last Days of W.", neuen Optimismus und amerikanische Ideale.
// GUNNAR LUETZOW

Herzlichen Glückwunsch, Herr Soth! Es scheint, als sei in den USA zu guter Letzt doch noch ein Wandel eingetreten. Aber wie bewerten Sie persönlich das Erbe der Bush-Regierung?

Alec Soth: Für mich personifiziert die Regierung Bush die soziopolitische Arroganz. Nach dem 11. September haben sie das Wohlwollen der Weltgemeinschaft verschenkt und jegliche moralische Überlegenheit, die sie sich vorher verdient hatten, geopfert. Die Bush-Regierung wird nur als ein weiterer Tyrann auf dem Schulhof der Geschichte in Erinnerung bleiben.

Sogar unter Anhängern der Demokraten gilt es als unpopulär, in Kriegszeiten den Präsidenten, der ja auch Oberkommandierender der Streitkräfte ist, zu kritisieren. Haben Sie keine Angst, als "unpatriotisch" wahrgenommen zu werden?

Nein. Und meiner Ansicht nach ist es auch nicht unpopulär, den Oberkommandierenden der Streitkräfte zu kritisieren.

Die Arbeiten, die Sie in der Ausstellung "The Last Days of W." zeigen, sind in allen Teilen der USA aufgenommen worden und scheinen eine harsche, nahezu apokalyptische Realität abzubilden: Ein Land, das von einer Wirtschaftskrise, religiösem Fundamentalismus und der Militarisierung des Alltagslebens zerrissen ist. Hat aber das Foto als Kunstwerk im Zeitalter seiner digitalen Postproduktion noch die Macht, als eine Art Weckruf die Dinge zu verändern?

Die Dinge zu verändern ist nicht meine Absicht. Diese Arbeit wurde aus einem bestimmten Grund nach der Wahl veröffentlicht – es ist ein Requiem, kein Ruf zu den Waffen. Ich selbst verwende übrigens neben Film und einer älteren Kamera gelegentlich auch Photoshop und Scanner.

Welche der verschiedenen Aufträge, aus denen heraus die 31 in Zürich gezeigten Arbeiten entstanden sind, hat sie am meisten bewegt und warum?

Zwei der Bilder aus der Ausstellung wurden in Stockton, Kalifornien, aufgenommen. Stockton wurde hart von der Krise auf dem amerikanischen Immobilienmarkt getroffen. Eines der Bilder zeigt ein junges Mädchen, wie sie im Wagen ihrer Eltern wartet. Das Bild ist gleichermaßen süß und traurig – denn was der Betrachter nicht weiß, ist, dass die Eltern gerade alle Sachen ins Auto packen, um das Haus zu verlassen, das sie sich nicht länger leisten können. Das andere Bild aus Stockton zeigt eine Zeltstadt, die errichtet wurde, um die wachsende Anzahl von Obdachlosen unterzubringen. Unter einer verkehrt herum gehissten Flagge – wie sie eigentlich eine Notlage signalisiert – steht auf einem Schild "Camp Fegefeuer" zu lesen. Das sieht aus wie eine Szene aus "Früchte des Zorns". Es scheint, als befände sich Amerika im Fegefeuer und es ist unklar, ob wir uns in Richtung Himmel oder Hölle bewegen.

Die derzeit in Winterthur gezeigten Arbeiten scheinen von einer anderen Befindlichkeit getragen: manche romantisch, manche melancholisch, doch immer mit Untertönen von Schönheit oder gar Hoffnung. Welche Geschichte steckt hinter ihnen?

Eines meiner Ziele als Fotograf ist es, in meiner Laufbahn nicht immer wieder ein und dasselbe Bild schießen zu müssen. Ich will die gleiche künstlerische Freiheit, die auch ein Regisseur genießt: unterschiedliche Filme machen zu können – mal Drama, mal Komödie. Die Arbeiten in Winterthur stammen aus drei Projekten: "Sleeping by the Mississippi", "Niagara" und "Dog Days Bogota". Sie sollen sich durchaus voneinander unterscheiden, obwohl sie vielleicht eine gewisse Melancholie teilen. "Sleeping by the Mississippi" empfinde ich als romantisch, "Niagara" als dunkel und "Dog Days Bogota" als zart. "The Last Days of W" ist hingegen bitter, aber das drückt wahrscheinlich einfach nur Verzweiflung aus.

Wird ein neuer amerikanischer Präsident die Kraft haben, das Land zu den auch in ihrem Werk repräsentierten amerikanischen Idealen zurückzuführen, oder befürchten Sie, dass das Erbe der Ära Bush unaufhebbar ist?

Die Vorstellung, mein Werk würde amerikanische Ideale repräsentieren, ist mir nicht unbedingt angenehm, aber ich bin Optimist. Nie war ich stolzer auf mein Land als an dem Tag, da wir Barack Obama gewählt haben.

"Alec Soth"

Termine: bis 8. Februar 2009, "Der Raum zwischen uns", Fotomuseum Winterthur; 28. November bis 17. Januar 2009, "The Last Days of W.", Haunch of Venison, Zürich.

http://www.haunchofvenison.com

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