Herbsteröffnungen - New York

Endzeit-Spektakel

Spektakuläre Installationen von Gelitin, Thomas Hirschhorn und Andrea Zittel bestimmen den New Yorker Kunstherbst

Wir stehen kurz vor dem Untergang. Jedenfalls wenn es nach dem Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn geht.

In der Gladstone Gallery stellte Hirschhorn die Welt auf den Kopf, indem er das Kasino des im Januar untergegangenen Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia nachbaute. Das Schiff hat bereits Seitenlage, so dass eine Wand in der Galerie den Boden darstellt. Zerbrochene Teller liegen zwischen Stühlen, Tischen und Schwimmwesten, an die Taschenlampen mit Klebeband befestigt wurden. Seiten aus "Das Kapital" sind am Ort der Katastrophe verstreut. Auf Fernsehbildschirmen laufen Nachrichtensendungen über das Unglück. Es überrascht nicht weiter, dass der Künstler in der Costa Concordia ein Symbol für die Unsicherheit und Ungewissheit unseres modernen Lebens sieht. Doch sind die noch frischen Bilder des eigentlichen Unglücks so viel machtvoller als Hirschhorns Installation, die wie ein durchdesigntes Filmset wirkt.

Der Auftakt der New Yorker Herbstsaison gehört spektakulären Installationen. Die Chelsea-Zweigstelle der Marlborough Gallery, in der der erst 24 Jahre alte Max Levai, Sohn von Marlborough-Chef Pierre Levai, die Galerie mit junger Kunst aufmischt, wurde von Jonah Freeman und Justin Lowe in eine andere Art von Katastrophenstätte verwandelt. In der Vergangenheit machten sich die beiden als Meth-Lab-Künstler einen Namen, als sie verlassene Labore zur Herstellung der Droge Crystal Meth nachbauten. Die neue Installation ist wie gewohnt geisterhaft und mit einem Pfad, der sich durch ein Badezimmer, eine durchbrochene Wand, durch eine Shoppingmall, die Praxis eines Schönheitschirurgen und eine Bücherei windet, aufwändig und detailversessen. Hat hier eine degenerierte Bevölkerung fluchtartig ihre Welt verlassen? Hat ein Ereignis die Menschheit ausgelöscht und dies sind die Überreste? So beeindruckend die Arbeit der seit 2007 gemeinsam arbeitenden Installationskünstler ist – so leer bleibt sie in ihrer Aussage. Dafür verkauften sich Freemans und Lows Spiegel-Arbeiten im oberen Stockwerk der Galerie bestens.

Der Brooklyner Künstler Matthew Lusk nahm sich die Bankenkrise als Thema und ein Foto aus Zeiten der Wirtschaftskrise in den dreißiger Jahren als Vorlage und verwandelte die Galerie von Zieher Smith in ein stillgelegtes Bankgebäude. Der aus Japan stammende Künstler mit dem Namen Mr. ließ Alltagsmüll und Gebrauchsgegenstände aus seinem Heimatland einfliegen, um in der Galerie von Lehmann Maupin ein Chaos zu kreieren, das die kollektive Depression seiner Landsleute nach Erdbeben, Tsunami und nuklearem Störfall einfängt. Die in Syrien geborene Künstlerin zeigt ihre an Ruinen erinnernden, mit fließender Farbe bedeckten, raumfüllenden Skulpturen bei Marianne Boesky. Sogar eine der minimalistischsten Installationen des Herbstauftaktes, Andreas Slominskis clevere Sperma-Spuren bei Metro Pictures, spielt mit der Idee des Spektakels. Auf dem blanken Betonboden zwischen Flip Flops und Strohballen suchen die Besucher nach den zarten Sperma-Spuren eines weißen oder schwarzen Mannes oder eines Mustangs.

Bei Gagosian auf der 24th Street hat Richard Phillips mit seiner Hommage an Skandal-Star Lindsay Lohan mit riesigen, erotischen Porträtmalereien und albernen melodramatischen Filmen mit der Schauspielerin in der Hauptrolle seinen großen Auftritt. Während Douglas Gordon bei der Zweigstelle auf der 21st Street in der Videoinstallation "The End of Civilisation" ein Klavier mitten in der Natur auf der Grenze zwischen England und Schottland abbrennen lässt. Das Kollektiv Gelitin beschloss, den Begriff "fall show" wörtlich zu nehmen und ließ bei Greene Naftali ihre zusammengezimmerten Skulpturen von den Podesten fallen, wo sie in vielen Fällen zu Bruch gingen - und nicht mehr viel mit der sonst in Chelsea verkäuflichen Kunst-Ware zu tun hatten.

Mit stilleren, facettenreicheren Einzelausstellungen tun sich diesen Herbst die Künstlerinnen hervor. Andrea Zittel setzte sich bei Andrea Rosen mit Teppichen, die komplette Wohnbereiche grafisch darstellen und grafisch gemusterten Wandteppichen mit der Frage auseinander, wann eine Oberfläche oder eine Form eine Skulptur wird. Welchen Wert Kunst in Form eines Objektes hat – und wie sich dieser Wert verändert, sobald aus der Kunst ein Gebrauchsgegenstand wird. "Andrea Zittel lebt diese Arbeiten", meinte ihre Galeristin Andrea Rosen bei der Eröffnung. In der Galerie Murray Guy führte die New Yorker Fotografin Zoe Leonard vor, wie man einen Raum ohne großartigen Rummel einnimmt. Die Künstlerin setzte eine Linse in eine Wand, um den kompletten Raum in eine Kamera Obscura zu verwandeln. Und das Licht der Straße, Bilder von vorbeifahrenden Autos oder den neuen Wohntürmen von Chelsea füllen die Leere.