Welt der Kelten - Stuttgart

Versoffen, kriegerisch – kunstsinnig

Der erste bedeutende Beitrag des Nordens zur europäischen Kunstgeschichte von den Anfängen im 7. Jahrhundert vor Christus bis zur Nachblüte in der irischen Buchmalerei um 800 nach Christus wird in einer Ausstellung im Landesmuseum Stuttgart präsentiert.

Sie sollen versoffen und kriegerisch gewesen sein – behauptete der griechische Philiosph Platon. Aber die Kelten waren auch künstlerisch und handwerklich versiert. "Trotzdem ist ihre Kunst lange Zeit stiefmütterlich behandelt worden", sagt Thomas Hoppe, "ihre Kreativität wird erst seit wenigen Jahrzehnten anerkannt." Hoppe ist Wissenschaftler am Landesmuseum Württemberg in Stuttgart, das die keltische Kunst aus dem Schatten herausholen will mit der großen Landesausstellung "Die Welt der Kelten".

Während im Kunstgebäude die "Zentren der Macht" nachgezeichnet werden, konzentriert sich das Landesmuseum im Alten Schloss auf "Kostbarkeiten der Kunst". Diese Kunst wird vom Ornament bestimmt, von rechten Winkeln, Rauten, Sternen, Kreisen. "Ganz typisch ist Keramik, die extrem aufwendig verziert wird", sagt Hoppe. Aber auch prunkvoll gestaltete Gürtel und Textilien werden ausgestellt sowie Tonnenarmbänder – das sind bronzene Schmuckstücke, die die vornehme Frau im 6. Jahrhundert vor Christus paarweise am Unterarm trug.

Mit der Latènekultur (so benannt nach dem archäologischen Fundort in La Tène in der Schweiz) im 5. Jahrhundert vor Christus entsteht ein neuer Kunststil mit Pflanzenornamenten, fantastischen Fabelwesen und Dämonenfratzen. Auf Schankgefäßen und Weinkrügen finden sich nun grimmige Fratzen mit wilden Locken. "Wir zeigen die wichtigsten Objekte, die es in Europa gibt", sagt Hoppe, der der Ansicht ist, dass man die Fundstücke nicht mit einem heutigen Kunstbegriff messen sollte. Um die Frage zu diskutieren, was Kunst ist, hat Hoppe einigen keltischen Alltagsobjekten zeitgenössische Skulpturen gegenübergestellt, zum Beispiel einen "Behelmten Kopf" von Henry Moore.

Auch wenn es die Kelten nicht gab, sondern nur einzelne Stämme, besaßen diese doch Gemeinsamkeiten in Kunst und Handwerk. Bemerkenswert findet Hoppe, dass Einflüsse wie aus dem Mittelmeerraum stets transformiert wurden. "Sie haben Impulse nie direkt imitiert." Die Ausstellung endet im 7. Jahrhundert nach Christus, als die keltischen Ornamente nur noch auf den Britischen Inseln weiterexistieren – in Goldschmiedearbeiten oder in illustrierten Evangelienbüchern wie dem "Codex 51", der als Faksimile gezeigt wird.

Die Welt der Kelten

Landesmuseum Württemberg. Termin: bis 17. Februar 2013. Der Katalog ist im Jan Thorbecke Verlag erschienen, er kostet 24,90 Euro
https://www.landesmuseum-stuttgart.de/