Oktobersalon - Belgrad

In der Hoffnungskrise

Der Oktobersalon in Belgrad ist eine der wichtigsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst im Südosten Europas. Die 53. Ausgabe spiegelt die komplexe Situation Serbiens.

Das hat sich wohl jeder Bewohner des Belgrader Stadtteils Savamala schon mal gewünscht: Ruhe.

Auf dem Platz vor dem "Geozavod", dem alten Geodätischen Institut, donnern Lastwagen, Autos und Busse vorbei. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Zwei Tage vor Eröffnung des Oktobersalons luden die Berliner Künstler Silvia Lorenz und Wolfgang Krause zur Protestaktion. 50 Menschen stellten sich am nächsten Tag auf die Kreuzung. Zwei Minuten konnte kein Auto passieren. Zwei Minuten herrschte Ruhe. Dann kam die Polizei.

"Good Life" lautet das Motto, das die Kuratoren Branislav Dimitrijevic und der in Berlin lebende Finne Mika Hannula für den diesjährigen Oktobersalon ausgerufen haben. Viele Belgrader finden das zynisch. Zwölf Jahre nach dem Sturz Milosevics ist die Arbeitslosigkeit hoch, die Staatskassen sind leer. "Kosovo wird für immer zu Serbien gehören", steht auf den rußgeschwärzten Hauswänden der Stadt. Bis zur EU-Mitgliedschaft ist es ein weiter Weg. Und selbst wenn sie käme, wäre fraglich, was sie bringt. "Wir sind nicht zynisch. Wir beziehen uns auf Aristoteles' Begriff des 'guten Lebens', Eudaimonia", sagt Dimitrijevic. "Die Krise in der wir leben ist nicht nur politisch und ökonomisch, es ist eine Krise der Vorstellungskraft. Jeder will doch ein gutes Leben. Aber wissen wir, was wir uns darunter vorstellen?"

Während das Belgrader Museum für zeitgenössische Kunst seit 2007 geschlossen ist, stellt der Oktobersalon seit fünf Jahrzehnten eine Konstante im kulturellen Leben der Stadt dar. 1960 gegründet, fand er bisher jedes Jahr statt, unter Tito, unter Milosevic. Lange Jahre war der Salon eine unkuratierte Überblicksschau über die Produktion serbischer und jugoslawischer Künstler. Seit 2004 hat er sich auch für internationale Künstler geöffnet. Seitdem haben bekannte Namen wie die polnische Kuratorin Anda Rottenberg oder der Balkan-Experte René Block kuratiert. Finanziert wird die Schau von der Stadt Belgrad, auch wenn das Budget in den letzten Jahren immer weniger wurde. 200 000 Euro standen Dimitrijevic und Hannula in diesem Jahr zur Verfügung. Sie haben es trotzdem geschafft, an die 30 Künstler aus den ex-jugoslawischen Staaten und Westeuropa einzuladen, etwa Venedig-Biennale-Teilnehmer Ahmet Ögüt aus der Türkei, den in Kroatien lebenden Konzeptkünstler Mladen Stilinovic oder Annika von Hausswolff aus Schweden.

Der eigentliche Star der Ausstellung ist das Gebäude, in dem der Salon in diesem Jahr stattfindet. Das ehemalige Geodätische Institut im heruntergekommenen Stadtteil Savamala ist ein wuchtiger Bau, eine Mischung aus Jugendstil und Neoklassizismus. Bis kurz vor Eröffnung war nicht klar, ob es wegen seiner Baufälligkeit überhaupt für den Publikumsverkehr zugelassen werden würde. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde es als Bankhaus und Sitz der Belgrader Börse gebaut. Die Börse verließ bald die Stadt, eine Versicherungsgenossenschaft zog ein, später das Institut für Geologie.

Wenn Branko Dimitrijevic durch die Ausstellung führt, kommt es vor, dass sich 60 bis 70 Besucher an seine Fersen heften. Viele kennen das Gebäude nur von außen. Im Innern ist die Zeit scheinbar stehen geblieben. Alles ist noch da: die marmorne Eingangshalle, die reich verzierten Jugendstil-Bankschalter, meterdicke Tresore aus Berliner Produktion, die Treppenhäuser voll mit Ramsch, die dicken Tapeten in den Räumen und hinter jeder Tür eine Überraschung: Akten, Bücher, Möbel, Chemikalien. Die Künstler bekamen die Erlaubnis, alles was sie im Geozavod finden, zu nutzen.

Der Berliner Künstler Karsten Konrad hat aus Stühlen, Kommoden und Beistelltischen eine bogenförmige Skulptur gebaut, die den prächtigen Säulenaufgang im Geozavod überspannt. Es ist ein Ritt durch 70 Jahre Stilgeschichte und mit dem Titel "Belgrad Rialto" eine Referenz an den venezianisch-sumpfigen Boden, auf dem das Geozavod erbaut wurde. Die Künstlerin Vlatka Horvat hat auf dem abgetretenen Fischgrätparkett alte Fahrradschläuche, Dosen und Tuben zu abstrakten Bildern arrangiert. Andere haben die Stadt selbst als Material genutzt, wie Silvia Lorenz und Wolfgang Krause aus Berlin, die Begegnungen mit den Bewohnern Savamalas initiierten und jeden Moment in einem Bild festhielten. In vielen Arbeiten verschwimmen Fiktion und Realität – wie beim Belgrader Vladimir Miladinovic, der Seiten aus serbischen Tageszeitungen abgemalt hat. Die Schlagzeilen sind von 1992, als Serbien Krieg gegen die Nachbarstaaten führte. Bei Samuil Stoyanovs "H2O-Project" verziehen viele Besucher gequält das Gesicht; die Anlage bereitet die im Haus ausgedünstete Feuchtigkeit zu trinkbarem Wasser auf. Igitt. Aber es ist ein schönes Bild: Die eingelagerte Geschichte des 20. Jahrhunderts in sich aufzunehmen (und den Angstschweiß der Anderen) kostet Überwindung.

Viele möchten das alte Zeug nicht mehr sehen, auch nicht die Recyclingkunst. "Ich bin nicht konservativ. Aber wir haben bessere Kunst in Serbien", sagt einer der Besucher. Belgrad hat als Zentrum für Kunst und Kultur Tradition. Hier entstand in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts der Belgrader Surrealismus. Die kritischen Konzeptkünstler der siebziger Jahre inspirierten ganz Europa. Darüber hat sich der Nebel der neunziger Jahre gelegt, der Krieg hat vieles zerstört. Doch Belgrad war immer eine lebendige Stadt. Auch jetzt formt sich eine Szene unabhängiger Kunsträume. Die Künstlergruppe Treci Beograd, "Drittes Belgrad", ist nur ein Beispiel. "Der Oktobersalon liefert keine Ideen für ein besseres Leben", ist ihre Kritik.

Es ist die alte Frage: Kann Kunst am Status quo etwas ändern? Oder reproduziert sie bloß die Verwirrung und Machtlosigkeit, die die Menschen ohnehin spüren? "Kunst ist dann machtlos, wenn sie versucht etwas zu tun, was sie nicht tun kann: die Welt verändern", sagt Dimitrijevic. "Wir treten bescheidener auf. Wir versuchen das gar nicht."

Oktobersalon

Bis 4.11., Karađorđeva 48, Belgrad,
http://www.oktobarskisalon.org/