Björn Dahlem - Braunschweig

Die Apokalypse als skulpturgewordene Universalharmonie

Björn Dahlem widmet sich im Kunstverein Braunschweig großen Themen wie der Kosmologie oder der Quantenmechanik, die er in zarten Skulpturen sichtbar macht.

Wenn so das Ende der Welt aussieht, haben wir nichts zu befürchten.

Wir treten ein in ein helles Haus mit floralen Fresken und klassizistischen Büsten, im Stil Palladios und doch irgendwie freundlicher, weniger akkurat abgezirkelt. Durch die 14 Räume, meint man, weht der Klang eines Glockenspiels. Tatsächlich haben Björn Dahlems filigrane Sperrholzbasteleien, die sich in den Kunstverein Braunschweig mit spielerischer Eleganz einfügen, etwas von der Partitur eines Rokoko-Ensembles: modellhafte Gebilde, in denen Kristallvasen und Kerzenständer, Flohmarktlampen und Christbaumkugeln schweben.

Sie hängen sie als explodierende "Sonne" unter der Decke, spannen sich in Form einer "Oortschen Wolke" aus Latten und Neonleuchten im Raum auf oder balancieren in Kreuzform als silbern lackierte "Seltsamkeit" in einer Vitrine – Tannenzapfen, Porzellanfigur und Glaskolben bilden einen Zwitter aus Laborversuch und sakraler Reliquie. Auf weiß getünchten Holzblöcken platziert, die aussehen, als wären sie direkt aus Caspar David Friedrichs Eismeer aufs Parkett gefallen, bildet das Ganze eine Wunderkammer mit Hang zum Kitsch und Glauben an das Unvorstellbare. Anklänge an Kosmologie und Alchemie, Quantenmechanik und Kirchenkunst, Metaphysik und Science Fiction münden in ein intuitives Gefüge aus Gebilden, an denen sich Proportionsgesetze ebenso gut brechen wie modellhaft aufzeigen lassen. Kurz: Björn Dahlem zelebriert in Braunschweig die Apokalypse als skulpturgewordene Universalharmonie.

Wenn Dahlem seine Ausstellung "The End of It All" nennt, greift er nicht nur die Geschichte einer Begegnungsstätte auf, in der schon die Romantiker Friedrich Schelling und Hans Christian Andersen residierten. Sondern er schlägt den Bogen zum Begriff vom "Ende der Geschichte", wie er bei Georg Friedrich Hegel vorkam und später auch bei Francis Fukuyama, der dessen Idee von der letzten großen Synthese aufgriff und erklärte, im Zeitalter des Liberalismus dämmere die Welt in einem seichten Allerlei dem Untergang entgegen – was zumindest für die westlichen Kontinente nicht ganz unzutreffend ist.

Diesem Ende begegnet Dahlem mit einer Mischung aus sanftem Witz und tiefem Ernst vor den großen Fragen der Menschheit. Zum Beispiel mit der Venus von Milo, die es von der Antike über die Fürstenvilla aufs Ikea-Regal geschafft hat und so auf eine Karriere vom Mythos zum Designobjekt zurückblickt. Dahlem dreht ihre Geschichte auf Null zurück, wenn er sie in einem fragilen Holzgebilde zu "Schaum" erklärt. Ähnlich die semi-abstrakten Felsbrocken: Sie sind ihm kubistische "Vorstellungskörper", in denen sich eine höhere Idee verbirgt, und praktische Sockel zugleich. Auch die raumsprengende "Oortsche Wolke" im Obergeschoss, oder die minimalistischen Sarkophage mit Guckloch brechen mit der Süßlichkeit vieler Werke, durch die der spirituelle Hauch seiner Haltung etwas deutlicher weht – schließlich ist Dahlem in Oberbayern mit puttenüberladenen Rokoko-Kirchen aufgewachsen. Wenn er nun Versuchsanordnungen mit Zivilisationsrelikten verschränkt, visualisiert er nicht nur die Suche nach dem Unerklärbaren. Sondern er entkrampft auf angenehm unflapsige Weise das Verhältnis zu Wissenschaft und Glauben, Natur und Schönheit, Kunst und Kitsch. Und er agiert antizyklisch, weil er frei ist von derzeit gängiger Ästhetik wie Authentizitätswitz, Ethno-Patina und Appropriation-Trash. In Braunschweig demonstriert er mehr denn je eine atmosphärische Bildlogik, die den Blick auf das Ende der Welt in einer fast kindlichen, Koons-artig unkritischen Weise öffnet – und daraus einen Anfang macht. Und dem wohnt bekanntlich ein Zauber inne.

Björn Dahlem – The end of it all

bis 18. November
http://www.kunstverein-bs.de/index.jsp?NAV=15&LNG=DE&REF=15&DOC=312