Kunst und Terror - Turin

Der Stoff der bleiernen Jahre

Eine Generation italienischer Künstler erkundet die Abgründe der jüngsten Geschichte, die das Land bis heute lähmt. Das Castello di Rivoli widmet ihnen nun eine Ausstellung

Was ist los mit der italienischen Kunst? Es sieht so aus, als sei ihr die Gegenwart abhanden gekommen.

Eine wachsende Zahl von Künstlern um die dreißig beschäftigt sich mit einer Zeit, die sie nur vom Hörensagen kennt. Sieben Künstler, die diesen Trend vertreten, werden jetzt im Schloss Rivoli vorgestellt. Spätestens seit Carolyn Christov-Bakargiev direkt vom Posten der Chefkuratorin zur documenta wechselt, ist das Castello eines der Museen in Italien, die von der internationalen Szene genau beobachtet werden. Jetzt sind es vor allem die "bleiernen Jahre", die den Stoff für die Ausstellung liefern. Die Künstler waren damals noch nicht geboren oder waren klein und sahen im Nachmittagsprogramm Roboter wie Mazinga und Goldrake mit ferngesteuerten Stahlfäusten kämpfen.

Aber aus den unverständlichen Gesprächen der Erwachsenen hätten sich ihm Worte wie "Aldo Moro" oder "Rote Brigaden" eingeprägt, sagt Francesco Arena (34). Er hat eine ganze Reihe von Arbeiten dem Anarchisten Pino Pinelli gewidmet, der 1969 nach dem Bombenattentat auf der Pizza Fontana in Mailand verhaftet wurde und aus unerklärlichen Gründen in der Polizeidirektion aus dem Fenster fiel. Die linksradikale Organisation Lotta Continua eröffnete damals eine Kampagne gegen den "Mörderkommissar" Calabresi, der Pinelli verhört hatte. Dessen Unschuld wurde später bewiesen. 1972 wurde Calabresi durch Täter aus dem Umkreis der "Roten Brigaden" ermordet. Damit begannen in Italien die "bleiernen Jahre". Ein Jahrzehnt der Gewalt, mit Terror von links und rechts.

Man kann Künstlern nicht vorschreiben, wie sie mit der Geschichte umgehen sollen. Francesco Arena hat eine erfolgreiche Methode entwickelt, die ihm viele Preise und eine gute Positionierung in der Kunstszene eingebracht hat. "Ich halte mich an Dinge, die realistisch sind", sagt er, "darum benutze ich Zahlen." In Rivoli zeigt er "Pinellis Weg", 322 Schieferplatten, die aneinandergelegt 18 900 Meter ergeben, genau die Länge des Weges, die der Bahnarbeiter Pinelli am letzten Tag seines Lebens von der Arbeitsstätte bis zum Polizeipräsidium zurücklegte. Ein bronzener Stab von 8,80 Meter Länge dagegen entspricht genau der Entfernung von zwei Hauseingängen, in deren Umkreis sich 1978 in Mailand ein politischer Mord ereignete. Francesco Arena hat die Kunst im Griff. Das Museum Rivoli hat bereits eine seiner Arbeiten angekauft.

Auch Rossella Biscotti (34) zwingt Politik und Minimalismus zusammen, ein Rezept, das ihr zum Durchbruch verhalf. Für ihre achtstündige Audioinstallation "Il processo" (eine bearbeitete Version der Verhöre "intellektueller Drahtzieher" im Terroristenprozess 1983-1984 ), zu der auch sieben minimalistische Betonskulpturen gehören, erhielt sie den italienischen Staatspreis für zeitgenössische Kunst und die Einladung zur documenta. In Rivoli zeigt Rossella Biscotti eine Installation von fünf Tischen, auf denen Lettern aus Blei liegen. Unmöglich, die spiegelverkehrten Textfragmente zu lesen. Es handelt sich um Auszüge aus sozialrevolutionären Schriften der Jahre 1894 bis 1968. Das Werk trägt den Titel "Anarchisten archivieren nicht" und wurde von Rossella Biscotti in Carrara, der Hochburg der Anarchisten, konzipiert. Sie erhielt dafür den "Michelangelo-Preis".

Obwohl Rossella Biscotti eine sehr fleißige Künstlerin ist, überlässt sie doch den größten Teil der Arbeit dem Betrachter. So ist das Wort "Anarchist" ein assoziativ besonders aufgeladenes Wort. Sicher wird es fälschlicherweise meist mit Chaos und Gewalttätigkeit in Verbindung gebracht. Aber hatten sich nicht vor einem Jahr italienische Anarchisten zu dem vereitelten Briefbombenanschlag auf den Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann bekannt?

Das Künstlerduo Goldiechiari macht es sich dagegen besonders einfach. Die beiden haben drei Laubbäume in Erdhaufen gesteckt und in die Rinden Daten von Terrorakten geritzt. Flavio Favelli (45) erinnert sich noch an den Flugzeugabsturz bei Ustica und hat der DC-9 ITAVIA, die vermutlich von einer Rakete getroffen wurde, ein dreißig Meter langes Leichentuch hingebreitet. Nur ein einziger Künstler, Patrizio Di Massimo (29), beschäftigt sich, leider zu verschlüsselt, mit der unrühmlichen Kolonialgeschichte Italiens.

In der Ausstellung herrscht ein emotional trockener Konzeptualismus vor. Das erstaunt bei einem Thema, bei dem es um Morde, abstruse Verschwörungstheorien und Verstrickungen der Politik bis hinauf in die Staatsspitze geht, die Italien in den 1970er Jahren erschütterten und das Land bis heute lähmen.

"La storia che non ho vissuto" (testimone indiretto)

Die Geschichte, die ich nicht erlebt habe (indirekter Zeuge)
bis 18.November 2012

Castello di Rivoli, Turin
Kein Katalog

http://www.castellodirivoli.org