Dennis Hopper - Berlin

Cool Old Boys

"Easy Rider"-Star Dennis Hopper war zwischen 1961 und 1967 der fotografierende Chronist der Roaring Sixties in den USA. Die Ausstellung "The Lost Album" im Martin-Gropius-Bau zeigt die nach 45 Jahren wieder aufgetauchten Vintage-Fotografien des 2010 verstorbenen Hollywoodschauspielers. Sie zeigen seine Schauspieler-Kollegen, Underground-Künstler und das amerikanische Streetlife.

Es war der Anfang einer kritischen Zeit für den kurz zuvor noch frenetisch gefeierten Schauspieler Dennis Hopper.

Mit Peter Fonda an seiner rockig verruchten Bikerseite hatte er als Easy Rider 1969 einen legendären Überraschungserfolg eingefahren und stieg zu einer Ikone aus der Hippie-Generation auf. Ein Jahr später stand er mit der Produktion von "The Last Movie" bereits erheblich unter Druck – Hopper war Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion, schnitt den Film sogar selbst. Im gleichen Jahr, also 1970, sollte er auch eine erste große Ausstellung mit seinen Fotografien im texanischen Fort Worth Art Center Museum eröffnen.

Alle seinerzeit gezeigten Bilder waren sozusagen in den Roaring Sixties in den USA, zwischen 1961 und 1967 entstanden. In der Zeit, als Andy Warhol die ersten furiosen Pilotjahre in seiner New Yorker Factory absolvierte, als Jane Fonda und Roger Vadim 1965 mit einer Hochzeit in Las Vegas auftrumpften, als angehende Pop-Art-Größen wie Jasper Johns, Roy Liechtenstein und Ed Ruscha in der Ferus Gallery in Los Angeles ihre Vernissagen wie rauschende Club-Events abhielten. Dennis Hopper war in diesen goldenen amerikanischen Jahren einer aus dem Underground aufschäumenden Kunstszene der von allen als Insider akzeptierte Chronist, der mit einer Nikon bestens ausgerüstete Augenzeuge. Jetzt, mehr als 45 Jahre nach ihrer Entstehung sind die Fotografien in diesen von Hopper selbst für die Texas-Ausstellung ausgewählten Abzügen wieder aufgetaucht. Rund 400 in 5 Kisten verstaute Bilder wurden angeblich erst kurz nach seinem Tod 2010 im The Dennis Hopper Art Trust aufgefunden.

Nach dem Flop von "The Last Movie" (1971) an Amerikas Kinokassen versank Hopper bekanntlich über 12 Jahre hinweg in einen Sumpf aus Drogen und Alkohol. So wenig er auf sich selbst Rücksicht nahm, so miserabel behandelte er in der Folge auch seine für die Ausstellung in Fort Worth entstandenen Fotos: Die Originalabzüge sind vom rastlosen Leben Hoppers wie gezeichnet, zeigen Risse, Kratzer, Fingerabdrücke, Verfärbungen, Gebrauchsspuren, Notizen. Eigentlich wollte Kuratorin Petra Giloy-Hirtz, angeregt von Julian Schnabel, "nur" ein Buch über die Fotografien von Dennis Hopper machen.

Erst bei ihrem dritten Besuch im The Dennis Hopper Art Trust sei sie dann auf das Foto-Konvolut gestoßen, sagt sie. Streng genommen erfüllen nicht alle Bilder die von einem Vintage erwarteten Kriterien, wenn man davon ausgeht, dass die Abzüge spätestens fünf Jahre nach Entstehen der Negative vom Fotografen selbst vorgenommen oder von ihm autorisiert sein sollten. Doch weil Hopper eher als eher dilettierender denn als professioneller Fotograf durchgeht und auch im Hinblick auf die besonderen Ausstellungsumstände dieser als "The Lost Album" etikettierten Bilder, erscheint der Begriff Vintage noch angebracht. Nur elf nicht mehr auffindbare Originale aus den 1960er Jahren wurden durch neuere Abzüge ersetzt. Die originär auf Karton aufgezogenen Fotofunde vermitteln durch ihre rahmenlose und doch sehr überlegte Präsentation im Berliner Martin-Gropius-Bau lässig den romantischen Spirit der Easy-Rider-Ära.

Dass Hopper ein "begnadeter Fotograf" war, wie es in Rezensionen auch schon behauptet wurde, ist hoffnungslos übertrieben. Begabter Fotograf mit gewissem Hang zum auch nur ziellosen Herumschweifen im sozialen Milieu der rebellischen Sixties trifft den Kern der fotografischen Arbeit des gefallenen Hollywood-Stars wohl mehr. Am stärksten sind zweifelsohne die Porträts, die er von seiner Entourage in Los Angeles gemacht hat, von Edward Kienholz und David Hockney, und Jasper Johns, von James Brown und Phil Spector, von Ike und Tina Turner. Der persönlichen Nähe zu den Celebrities sind die kühneren Aufnahmen geschuldet: Etwa jene von Beau Paul Newman, auf dessen nacktem Oberkörper sich effektvoll die Gitterstruktur eines Maschendrahtzauns abzeichnet. Auffällig sind die coolen Heldenposen alias Pop-Attitüden, wie sie der noch eher rotzige, junge Andy Warhol im Beisein seines legendären Kurators Henry Geldzahler einnahm. Oder auch der sonnenbebrillte James Rosenquist im Vorbeistreifen an dem quergelegten Gesicht einer Billboard-Lady.

Ganz anders die mit vagem Interesse für das gesellschaftspolitische Leben aufgenommenen Bilder von Harlem, den Friedhöfen in Mexiko und Stierkämpfen in Tijuana. Da regiert eine für die Zeit eher konventionelle Schnappschussästhetik. Hopper erfasst gerade das amerikanische Streetlife ohne dezidiert kompositorischen Willen. Marlon Brando soll ihn übrigens mit auf den Weg zu Martin Luthers Marsch von Selma nach Montgomery genommen haben, zu dem eine ganze Fotoserie entstanden ist. Die Kuratorin Petra Giloy Hirtz glaubt, dass Hopper eine gewisse Vision verfolgt habe: "Er hatte ein starkes Bewusstsein für die Geschichte Amerikas und dieses Land in seiner Sozialstruktur." Mag sein, aber gerade diese glamourfreien Bilder reichen bei weitem nicht an Hoppers Porträtfotografie heran. Für wertvolle Augenblicke werden wir dennoch im Martin-Gropius-Bau auf eine psychedelische Zeitreise zurück in das alte freizügig gestimmte Amerika entsandt. Oder um es mit dem Easy-Rider-Song von Little Feat auszudrücken: "Don't bogart that joint, my friend. Pass it over to me!"

"Dennis Hopper – The Lost Album"

im Martin-Gropius-Bau, Berlin
bis 17. Dezember 2012
http://www.berlinerfestspiele.de