Bruno Goller - Insel Hombroich

Der Animateur der Dinge

Bruno Goller ist ein Mythos. So sehr er von Zeitgenossen wie Werner Schmalenbach geschätzt wurde, so wenig bekannt ist er dem großen Publikum bis heute. Im Rheinland ist er vor allem ein Begriff als Lehrer von Konrad Klapheck, Blinky Palermo und Konrad Fischer-Lueg an der Düsseldorfer Akademie, an der er von 1949 bis 1964 gewirkt hatte. Sein enigmatisches Werk gilt es noch zu entdecken.

Schon das erste Bild: Was für eine Überraschung! Goller hat es 1922 gemalt, mit 21 Jahren.

Mit "Trockene Blumen", dem ersten eigenständigen Werk des Künstlers, ist bereits der ganze Goller da: in der Transparenz des Farbauftrags mit sehr trockenem Pinsel, der den graubraunen Leinwandgrund durchscheinen lässt; in der Zartheit, mit der die floralen Formen in einen Organismus aus feinen Kringeln, Schnörkeln und Tupfern übersetzt werden, der kostbar und duftig aus der deckend grauen Rahmung des Hintergrunds herausleuchtet. Dieses Einfassen des Gegenstandes in manchmal mehrfach ineinander geschachtelte, kräftig gerahmte Flächen bis hin zum eigentlichen, vom Künstler selbst sehr sorgfältig gewählten Bilderrahmen wird uns noch häufig begegnen, wie auch die gedämpfte, erdige Farbpalette zwischen Grau, Braun, Graublau und gebrochenen Rottönen. "Als ich das Bild gemalt hatte, war ich so glücklich, wie nie zuvor in meinem Leben", soll Goller, der in seinen Äußerungen nicht zu Übertreibungen neigte, gesagt haben. Man nimmt es ihm ab. Das Bild strahlt genau das aus: Glück.

Die Stiftung Insel Hombroich widmet Bruno Goller (1901 bis 1998) nun seit langem die erste Retrospektive und will den Maler vor der drohenden Vergessenheit retten. Mit 28 Ölbildern und 21 Zeichnungen aus einer Zeitspanne von 1922 bis 1993 konzentriert sich die chronologisch gehängte Auswahl auf exemplarische Arbeiten, unter denen sich auch bisher noch nie gezeigte Werke befinden. Goller arbeitete lange als Professor an der Düsseldorfer Akademie, wo er nicht nur den späteren hyperrealistischen Maler Konrad Klapheck ermunterte, beim Gegenstand zu bleiben und sich von der Vormachtstellung der Abstraktion nicht beirren zu lassen. Auch Blinky Palermo und Konrad Fischer-Lueg gehörten zu den Schülern, die "vom ersten Tag an, da er leise den Klassenraum betreten und in seiner vorsichtigen Art einen Bogen zerknüllten Papiers auf das Podium gelegt hatte, ein Gefühl liebevoller Verehrung" zu ihm entwickelten, wie Klaphecks Mutter Anna in der ersten Goller-Biografie berichtet. Beide verband mit ihren Kommilitonen Gerhard Richter und Sigmar Polke nicht nur eine enge Freundschaft, sondern auch die Bewunderung für den großen rheinischen Maler Bruno Goller.

Bruno Gollers Weg zur Kunst war in keiner Weise vorbestimmt. Er wuchs in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Gummersbach auf. Der Vater stirbt, als das jüngste Kind Bruno drei Jahre alt ist; gut zehn Jahre danach fallen beide älteren Brüder im Ersten Weltkrieg. Der Umstand, dass die Mutter einen kleinen Putzmacherladen besaß, in dem Bruno zwischen all den Hüten, Bändern, Spitzen, Kleiderpuppen und dem außer ihm ausschließlich weiblichen Personarium aufwuchs, wird von all seinen Interpreten zu Recht hervorgehoben, da sich dieses Universum der Kindheit in fast all seinen Bildern wiederfindet. Goller verlässt die Schule, sobald die Schulpflicht erfüllt ist, beginnt für kurze Zeit eine Schlosserlehre und kehrt dann als Lehrling oder Gehilfe in den mütterlichen Laden zurück. Dass er als 18jähriger eine Ausbildung als Maler bei dem Düsseldorfer Landschaftsmaler Julius Jungheim beginnt, ist wohl auf sehr glückliche Umstände zurückzuführen: Eines der Ladenmädchen seiner Mutter war mit Jungheim weitläufig verwandt und hatte eine solche Ausbildung vorgeschlagen, nachdem sie auf die autodidaktischen Versuche des Jungen aufmerksam geworden war.

Von nun an scheint es für den jungen Goller keinen Zweifel an seiner künstlerischen Bestimmung zu geben. In seiner dreijährigen Ausbildung bei Jungheim erhält er dazu ein solides Fundament. Herausragend aus dem erhaltenen Frühwerk – bei einem Bombenangriff wurde 1943 sein Atelier und damit fast alle darin befindlichen Werke zerstört – ist das eindringliche Doppelbildnis "Die Geschwister" von 1931. Martin Hentschel hat in seinem sehr aufschlussreichen Beitrag "Bruno Goller: Bild und Ornament" im Katalog der Goller-Retrospektive 2001 in Krefeld auf die Ähnlichkeit der als Bild im Bild ausgewiesenen Binnenform mit einer Kartusche hingewiesen.

Ähnlich wie bei "Trockene Blumen" wird auch hier das eigentliche Bild von einem breiten, wenn auch diesmal farblich angepassten Rahmen eingefasst. Vermittelnd zwischen beiden Sphären fungiert ein gemalter trockener Zweig, der wie in den Rahmen eingesteckt wirkt. "Man täusche sich nicht über den offensichtlich verwelkten Zustand der Blätter. Ihr Braunton dient allererst der Assimilation des Inkarnats. Gerade in den verschiedenen Blattformen – sie reichen von muschelartig verschlossen, konvulsivisch gedreht bis zu flächig geöffnet – steckt ein erotisches Potential, welches die figürliche Erotik innerhalb der Kartusche ornamental paraphrasiert. Solche erotischen Anspielungen ziehen sich, mehr oder minder versteckt, durch Gollers gesamtes Oeuvre." Hentschel arbeitet akribisch heraus, wie sich bei Goller Beziehungen zwischen Ding, Ornament und Figur herstellen, die er sich für die ihm eigene Freiheit der Bildorganisation zunutze macht. Damit kommt er trotz des Festhaltens an der Figuration zu einer mit der Abstraktion vergleichbaren Freiheit.

Seit den achtziger Jahren entsteht dann das Spätwerk, das eine neue Entschiedenheit des Ausdrucks hervorbringt. Goller findet zu einer Einfachheit, bei der das Ornamentale zurückgenommen ist. Die Flächengliederung ist überschaubar, großzügig und fast spielerisch frei. "Die Uhr" von 1987 gehört zu den späten Ölbildern, die auf graue Pappe gemalt sind anstatt auf Leinwand. Die sehr duftige, transparente Malerei lässt den Grund überall durchschimmern und sorgt für einen harmonischen Grundton. Die Form des Uhrgehäuses sitzt als einfaches Rechteck gelöst auf der Fläche, flankiert von der in Zahlen wiedergegebenen Zeitangabe, während sich die Uhr mit ihrem Pendel in ein nicht unfreundliches Wesen verwandelt hat. Diese Art Animierung der Dingwelt wirkt sehr viel souveräner und gelassener als noch in den fünfziger Jahren, als sich "Der gedeckte Tisch" (1952) zu einer gefährlich zähnefletschenden Fratze mit Tellern als Augen und einer Serviette als Nase verwandeln konnte.

In hohem Alter scheint Bruno Goller die Geister gebannt zu haben, die ihn umtrieben. Die Bilder finden trotz der groben und fast naiven Vereinfachung zu einer emblematischen Dichte. Auf dem jüngsten Ölbild der Ausstellung, "Engel und Dampfmaschine" (1992), wird eine spielzeugkleine Dampfmaschine von einem großen, knapp skizzierten, weiblichen Engel begleitet, der ihm vorauszufliegen scheint. Der wie aus losen Holzklötzen aufgebaute Korpus der Dampfmaschine scheint sich in Luft aufzulösen, um wie die letzten aus ihm emporsteigenden Dampfwölkchen dem Engel alsbald zu folgen.

Aus den Beständen der Insel Hombroich: Bruno Goller. Bilder und Zeichnungen

Museumsinsel Hombroich Neuss, bis 06.01.2013.

http://www.inselhombroich.de

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