Gustave Caillebotte - Frankfurt

Der fotografische Blick

Die Schirn Kunsthalle zeigt Gemälde und Zeichnungen des französischen Impressionisten Gustave Caillebotte und stellt sie Fotografien seiner Zeitgenossen gegenüber.

Auf den ersten, kurzen Blick könnte man zahlreiche Gemälde von Gustave Caillebotte (1848 bis 1894) tatsächlich für Fotografien halten. Etwa die "Parkettschleifer" von 1875, ein Bild, das wie eine spontane Momentaufnahme dreier auf dem Fußboden arbeitender Männer wirkt, von denen keiner in Richtung Betrachter schaut.

Oder "Eine Verkehrsinsel, Boulevard Haussmann" von 1880, ein Bild, das aussieht, als handele es sich um einen flüchtigen Blick aus dem Fenster mit zufällig herumstehenden Passanten. Immer wieder zeigt der französische Impressionist Ausschnitte und Perspektiven, wie man sie sonst nur von Fotos kennt: steile Diagonalen, extreme Aufsichten, Unschärfen und ungewohnte Anschnitte. Interessant ist allerdings, dass die Foto­grafien, an die man sich beim Anblick von Caillebottes Werken zu erinnern meint, in der Regel deutlich später entstanden sind.

In der umfangreichen Werkschau der Frankfurter Schirn lässt sich das auf bemerkenswerte Weise nachvollziehen. Den rund 50 Gemälden und Zeichnungen stellt die Kunsthalle etwa 100 Fotoarbeiten des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts gegenüber, die belegen, das Caillebotte an der Entstehung einer neuen, modernen Sehweise nicht unbeträchtlichen Anteil hatte. Jenen "Blick durch ein Balkongitter" auf eine breite Straße etwa, den der Franzose 1880 malte, scheint László Moholy-Nagy im Kopf gehabt zu haben, als er 1928 ein fast identisches Motiv in Marseille fotografierte. Auch wirkt es, als hätten Caillebottes "Parkettschleifer" Pate gestanden, als Eugène Atget um 1900 eine Gruppe von Asphaltie­rern ablichtete.

Seine Ausbildung an der Pariser Kunst­akademie hatte der im großbürgerlichen Milieu aufgewachsene Caillebotte bereits nach einem Jahr abgebrochen, um sich der Gruppe der Impressionisten um Edgar
Degas, Claude Monet und Auguste Renoir anzuschließen und sie zugleich als wohl­habender Mäzen zu fördern. Nebenbei betä­tig­te er sich erfolgreich als Segler und Boots­bauer und legte sich eine bedeutende Sammlung impressionistischer Werke zu, die heute zum wesentlichen Bestand des Pariser Musée d’Orsay zählt.

Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie

Daten: Bis 20. Januar, Schirn-Kunsthalle, Frankfurt. Der Katalog zur Ausstellung ist im Hirmer Verlag erschienen und kostet 29,90 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro. Gegen Vorlage ihrer artcard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt.
Fotografie target=">http://www.schirn.de/ausstellungen/2012/gustave-caillebotte/caillebotte-ausstellung.html