Anselm Reyle - Video

Spektakel im Darkroom

Glitter, Glanz und Augenschmerz: Anselm Reyles große Werkschau "Mystic Silver" in den Hamburger Deichtorhallen

 

Großes Theater in den Deichtorhallen. Bei der Eröffnung von Anselm Reyles Ausstellung "Mystic Silver" ging es zu wie auf einer Hauptstadtparty. Kein Wunder: Wenn einer der ihren in Hamburg ausstellt, dann verlässt auch die Berliner Kunstprominenz mal ihr angestammtes Revier. Da tummelte sich das Sammlerpaar Christian Boros und Karen Lohmann, Künstlerfreunde wie Martin Eder und Thomas Scheibitz, Hipster-Architekt Friedrich von Borries, die Galeristen Bruno Brunnet, Nicole Hackert und Philipp Haverkampf, vor einer chromglänzenden Skulptur räkelte sich das Model Eveline Hall, und Fußball-Ruheständler Michael Ballack ließ sich Arm in Arm mit dem Künstler vor einem seiner Werke fotografieren.

Fotogen ist diese Ausstellung allemal. Reyles Reliefbilder aus kunstvoll zerknautschter Glanzfolie strahlen in Knallpink und Violett, Formbausteine, die in den siebziger Jahren Hausfassaden schmückten, veredelt der Künstler zu spiegelglatten Bauklotzskulpturen. Für visuelle Effekte sorgt auch der gigantische Vorhang aus Silberfolie, der die majestätische Ausstellungshalle in einen Tageslichtbereich und einen Darkroom teilt. In der dunklen Zone sind die Kunstwerke wie auf einer Theaterbühne arrangiert. Ein neongelber Heuwagen glüht im Schwarzlicht. Dahinter wirft ein indirekt beleuchtetes Wandrelief geometrische Schatten. Auf einem Marmorsockel funkelt ein gusseisernes Friedhofskreuz Metallicorange im Scheinwerferlicht, bunte Neonröhren zeichnen dreidimensionale Bilder in den Raum. Ein Spektakel für die Augen – und für manche auch echter Augenschmerz.

An Anselm Reyles trashigen Spiegelreliefs und seinen neonbunten Malen-nach-Zahlen-Bildern scheiden sich die Geister. Die einen halten den Berliner Künstler, der an der Hamburger Hochschule für bildende Künste lehrt, für einen genialen Enkel der Pop-Art, der mit ebenso einfachen wie effektiven Mitteln banale Alltagsobjekte auratisiert und sich gleichzeitig über den Kunstmarkt lustig macht. Andere halten ihn für einen geschäftstüchtigen Scharlatan, der in seiner Berliner Kunst-Factory massenhaft bedeutungslose Dekoware für neureiche Sammler produziert. Die Werkschau in den Deichtorhallen ist seine bisher größte institutionelle Ausstellung in Deutschland. Gezeigt werden rund 80 Arbeiten aus allen Werkphasen, darunter auch seine von Assistenten gefertigten Streifenbilder, Folien- und Neoninstallationen und eine sogenannte "afrikanische" Skulptur aus verspiegelter Bronze.

Bevor man das Ganze vorschnell als "Über-Kitsch" verdammt, lohnt sich ein Blick auf Reyles Biografie. Der 1970 in Tübingen geborene Maler und Bildhauer wuchs in einem Künstlerhaushalt auf. Reyles Mutter – bei der Vernissage anwesend und sichtlich stolz auf den Erfolg des Sohns – malte abstrakte Bilder im Stil von Antoni Tàpies und Emil Schumacher. "Meine Eltern versuchten, mir guten Geschmack beizubringen, dagegen habe ich rebelliert", sagt Reyle. Statt für die bierernste Nachkriegsmoderne interessierte er sich für amerikanische Hard-Edge-Malerei, psychedelischen Agitprop und Punk Rock. Grund genug, seine cool konzipierten Glitzerbilder im kühlen hanseatischen Licht genauer unter die Lupe zu nehmen.

Anselm Reyle. Mystic Silver

9.11. - 27.1.2013
Deichtorhallen, Hamburg
http://www.deichtorhallen.de/index.php

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