Dmitrij Prigow - St. Petersburg

Gesamtkunstwerk Prigow

In der St. Petersburger Eremitage wurden letzte Woche drei permanente Ausstellungsräume für Dmitrij Alexandrowitsch Prigow (1940-2007) eingeweiht. Ein ganzes Festival, betitelt "Prigow-Tage", begleitete das Event. Als Zeichner, Bildhauer, Dichter und Performancekünstler gehört das Multitalent Prigow zu den wichtigsten Gestalten des Moskauer Konzeptualismus und der russischen Gegenwartskunst generell
Multitalent:Wichtiger Gestalter der Gegenwartskunst

Zeichner, Bildhauer, Dichter und Performancekünstler: Dmitrij Prigow

"Freiheit bedroht uns alle/ Freiheit ohne Ende/ Ohne Ausgang, ohne Eingang/ Ohne Mutter oder Vater// Mitten in Russland/ Das gesamte Jahrhundert lang/ Und als Ehrenmann/ Graut mir davor" Noch heute kann man Dmitrij Prigow beim Vortrag dieses lapidaren Kurzgedichts "Freiheit" im Internet lauschen.

In St. Petersburg übernahm am 5. November der gefeierte Moskauer Schauspieler Wenjamin Smechow die Rolle seines verstorbenen Weggefährten. Begleitet von dem genialen Perkussionisten und langjährigen Prigow-Begleiter Wladimir Tarasow spulte Smechow schnoddrig und präzise, pathetisch und nüchtern zugleich eine Auswahl Prigowscher Wortkunstwerke ab – im hoffnungslos überfüllten "Haus des Buches" auf dem Newskij Prospekt. Ihm folgte mit Lew Rubinstein ein weiterer Literat aus dem Kreise des Moskauer Konzeptualismus mit einer seiner legendären Karteikartenlesungen. Smechow, Tarasow, Rubinstein – drei höchst lebendige Urgesteine des einstigen Moskauer Untergrunds der siebziger und achtziger Jahre – versuchten in St. Petersburg das fast Unmögliche: Sie ließen die unverwechselbare Stimme ihres Freundes Prigow wieder aufleben, der mit seinem intensiven Charisma jeder noch so marginalen Performance philosophischen Tiefgang verlieh.

Guru der jungen Generation

Doch es ist nicht allein die Garde der betagten Intellektuellen, die Dmitri Alexandrowitsch Prigow, genannt "DAP", derart feiert. Erstaunlicherweise faszinieren seine Werke, ob in Wort oder Bild, die jüngere Künstlergeneration noch ebenso nachhaltig. Mit lediglich einer Ausstellung allein ist dieses Phänomen augenscheinlich nicht zu fassen, meint Dmitri Ozerkov, Organisator der Veranstaltungen und Leiter der Abteilung für Gegenwartskunst an der Ermitage: "Man muss Prigows Dichtung schon hören, um sie zu begreifen." Dazu gaben die Prigow-Tage mehr als eine Gelegenheit – mit der Uraufführung der Prigow-Oper "Zwei Akte" des russischen Komponisten Wladimir Rannjew etwa, einer musikalischen Lesung im ehrwürdigen Eremitage-Theater oder einer dynamischen Street-Performance mitten im Stadtzentrum. Auch der deutsche Komponist Bernd Schultheiß vertonte mit "8 Erwartungen" einen Textzyklus des Universalkünstlers Prigow.

Es war ein besonders junges Publikum, das zu diesen Aufführungen strömte. Keine Überraschung für Ozerkow, der Prigow als "Guru der jungen Generation" und als gleichzeitig als Klassiker bezeichnet: "Prigow überlebte unbeschadet den Informationsboom der neunziger Jahre, der dem sowjetischen Vakuum folgte. Während andere Leute davon gemütskrank, esoterisch oder tiefreligiös wurden, versuchte er diesen Überfluss jeden Tag in fünf Zeilen Poesie zu übersetzen. Er ließ sich davon nicht benebeln, das war eine seiner entscheidenden Gaben." Bis zuletzt trafen sich allnächtlich in "DAPs" Moskauer Küche Literaten und Künstler von Vladimir Sorokin bis hin zu den Kunstaktivisten der Gruppe Wojna zum Diskutieren. Prigow starb im Juli 2007 – und auch das taugt zur Legendenbildung – buchstäblich einen Tag vor einer geplanten Performance mit Wojna. Die jungen Kollegen wollten ihn in einer Art Truhenschrank bis in die 20. Etage der Moskauer Lomonossow-Universität hinauftragen, während er seine Gedichte rezitierte.

Performance der Wortkunstwerke von Dmitrij Prigow:

Wort, Bild und körperliche Aktion gehörten für Prigow untrennbar zusammen. Diese unverwechselbare Polyphonie kann eine posthume Ausstellung tatsächlich nur schwer erreichen. Dennoch geraten die neuen Prigow-Räume zu einem vergnüglichen und tiefsinnigen Erlebnis. Sie zeigen, wie sehr sich das Multitalent in Kunst- und Kulturgeschichte versenkte, um daraus zeichnerische Bonmots zu destillieren. So porträtierte Prigow seit den siebziger Jahren Künstlerfreunde und Kunstexperten in einer Art "Bestiarium". Ob Boris Groys oder Erik Bulatow, Timur Nowikow oder Velimir Chlebnikow: Prigow verewigte sie als tierhafte Intellektuellenmonster in reich ornamentierten Blättern. Durch die Auslassung von Konsonanten werden ihre berühmten Namen zu Rätseln im Sinne visueller Poesie. Geometrische Elemente und die markante Verwendung der Farben Weiß, Schwarz und Rot verraten Prigows Hang zum russischen Suprematismus. Dieses stilistische Erbe teilt er mit so namhaften Kollegen wie Komar & Melamid oder Sergej Wolochow. Ebenso wie jene pflegte auch er eine ironische Bejahung der realsozialistischen Sowjetpropaganda mit den Mitteln der so genannten Soz Art. In seiner Kunst, sei es Vers oder Zeichnung, werden Begriffe und Handlungsanweisungen in surreale Slogans umgedeutet. Wo die Werbeagitatoren einst mit Namen kommunistischer Helden wie Marx, Engels, Lenin operierten, führte er Vorbilder wie Matisse, Leonardo, Malewitsch und Tatlin ins Feld.

Lew Rubinsteins Karteikartenlesung zu Ehren von Dmitrij Prigow:

Unter Sprechblasen mit derlei illustren Namen dürfen imaginäre Betrachter auf zierlichen weißen Stühlen Platz nehmen. Über klassische Museumsabsperrungen hinweg, blicken sie jeweils in die gähnende Leere eines schwarzen Türrahmens, der vermutlich die komplexen Abgründe unserer Kultur symbolisiert. Das schwarze Loch als Brutkasten des Intellekts. Die kleinen Schwarzweißzeichnungen, die nach dem Jahr 2000 entstanden, deklarierte Prigow als Installationsskizzen. Doch zu seinen Lebzeiten wurden sie nie dreidimensional ausgeführt.

Fünf Jahre nach seinem Tod nun übersetzen die Ausstellungsmacher der Eremitage zwei dieser Blätter in Rauminstallationen. Sie wirken wie Bühnen eines absurden Theaterstücks, pointiert und mysteriös.
Die junge Kunsthistorikerin Maria Isserlis aus Jena arbeitet momentan in der Ermitage. In ihrer Abschlusssarbeit hat sie die beliebte museale Praxis von posthumen Re-Inszenierungen untersucht, am Exempel von Prigow. Isserlis ist sich nicht ganz sicher, ob solche nachträglichen Installationen die Intentionen von Prigow treffen. Schließlich war der ein Meister des Wortspiels und des kleineren Formats. Diese Fragen müssen erlaubt sein, meint sie, auch das macht Prigows Vermächtnis lebendig. Den neuen Ausstellungsräumen freilich tun die großen Gesten neben den zahlreichen Zeichnungsserien und Übermalungen von Kalenderblättern recht gut. Schließlich geht es um die Vermittlung des Gesamtkunstwerks, das der Künstler stets anstrebte. Um es vollkommen zu machen, fehlt leider nur noch die Stimme von Dmitrij Alexandrowitsch Prigow selbst – etwa beim Verlesen seines Textes zur Freiheit: "Freiheit bedroht uns alle/ Freiheit ohne Ende … Und als Ehrenmann/ Graut mir davor".

Dmitrij Prigow

Staatliche Ermitage St. Petersburg
Generalsstabsgebäude, Palaisplatz




http://www.hermitagemuseum.org/